Die unendliche Geschichte
Übersicht
1. Neue Zeiten, alte Probleme
2. Kennans Analyse der 1990er-Jahre
3. Konfrontation oder Kooperation?
Anmerkungen
„It’s a mathematical certainty that America’s relative preeminence will
decline as China grows, as India grows, as other countries grow.“
(Es ist eine mathematische Gewissheit, dass Amerikas relative Vormachtstellung
mit dem Wachstum Chinas, Indiens und anderer Länder abnehmen wird.)
(Ali Wyne, 2019)1
1. Neue Zeiten, alte Probleme
Inmitten des Vietnamkrieges hielt George F. Kennan im Sanders Theater auf dem Campus der Harvard University in Cambridge am 19. April 1967 „vor einem begeisterten Publikum“, wie die Studentenzeitung The Harvard Crimson berichtete, eine Rede zu US-Vietnampolitik, in der er eine scharfe Kritik übte: „Wenn man der Logik unserer gegenwärtigen Vietnampolitik folgt, ist es bis heute schwer, sich ein Ergebnis vorzustellen, das nicht katastrophal wäre.“
Eindringlich appellierte er sodann an die Johnson-Administration die US-Truppen aus Vietnam abzuziehen. „Ein überstürzter Rückzug aus Vietnam würde dem Ansehen der USA schaden, aber wenn wir unsere Politik mäßigen können, indem wir die Bombardierungen einstellen, dann denke ich, dass wir ohne großen Schaden von dort abziehen können.“2
„Unser Vietnam-Engagement steht unter dem semantischen Deckmantel der Eindämmung des Kommunismus“, kritisierte Kennan, der nicht zum ersten Mal die US-Außenpolitik attackierte. Als Erfinder des Begriffs Eindämmungspolitik übte er bereits eine heftige Kritik gegen die Containment-Politik der Truman-Administration, die nicht so verlief, wie er sich das vorgestellt hat.
Und nun kritisierte er jetzt auch die Johnson-Administration, die ihre Vietnampolitik überwiegend auf Zerstörung, Vernichtung und Bombardierung gründete und keine positive Agenda hatte. „Die Menschen leisten dem Kommunismus nur insoweit Widerstand, als ihnen höhere und positivere Ziele als bloße Verteidigung aufgezeigt werden können“, erklärte er.
Kennan forderte eine Rückkehr zu einer Politik, die nationale Interessen klarer definiere und moralische Anmaßungen vermeide. Er griff die Kriegsrhetorik scharf an, die die Zerstörung des Landes mit juristischen und moralischen Begriffen wie „Bekämpfung der Aggression“ und „Kampf für die Freiheit“ rechtfertigt.
Des Beifalls der studentischen Antikriegsbewegung konnte er dabei ganz gewiss sein. Wie aktuell klingen doch in unseren Ohren Kennans Antikriegsrede und wie sehr wiederholt sich doch die gleiche Kriegsrhetorik auch im aktuellen Konflikt auf ukrainischem Boden.
Neue Zeiten, alte Probleme! Nach dem Untergang des Weltkommunismus mahnte Kennan jetzt die Clinton-Administration zur Besonnenheit. Vergeblich! Als der US-Vizeaußenminister Nelson Strobridge Talbott (1993-2001) Kennan anbot, zusammen mit Bill Clinton 1995 anlässlich der 50-jährigen Wiederkehr des Sieges über Nazideutschland nach Moskau zu fliegen, schlug der 91-jährige die Einladung aus gesundheitlichen Gründen aus. „Seine Weigerung zu gehen, war wohl das Beste“ (His refusal to go was probably for the best), was Kennan tun konnte, kommentiert Costigliola Kennans Entscheidung.3
Kennan war der entschiedenste Gegner der Nato-Osterweiterungspolitik, hatte er doch nicht ohne Recht die gravierenden Folgen einer solchen Anti-Russlandpolitik befürchtet. Clinton fuhr 1995 nach Moskau nur aus einem einzigen Grund, um Jelzin die Zustimmung für die Nato-Osterweiterung abzuringen.
Er benötigte dringend einen außenpolitischen Erfolg. Wenige Wochen vor Clintons Amtsantritt hatte der scheidende Präsident George H. W. Bush amerikanische Truppen nach Somalia entsandt. Was als humanitäre Mission zur Bekämpfung einer Hungersnot begonnen hatte, entwickelte sich zu einem blutigen militärischen Konflikt.
Im Oktober 1993 wurden die Leichen gefallener amerikanischer Soldaten durch die Straßen der somalischen Hauptstadt Mogadischu geschleift. Die öffentliche Unterstützung für die US-Intervention in Somalia schwand und Clinton kündigte den vollständigen Abzug der US-Truppen an, der im März 1994 erfolgte.
Die US-Intervention scheiterte und Warlords behielten die Kontrolle. Die gescheiterte Intervention führte schließlich zum Rücktritt des US-Verteidigungsministers, Les Aspin (1993-1994), und erweckte den Eindruck eines US-Präsidenten, der für außenpolitische Angelegenheiten schlecht gerüstet war.
Im April 1994 brach in Ruanda ein Massaker aus. Schätzungsweise 800.000 Tutsi und ihre Verteidiger wurden in einem von der Regierung organisierten Völkermord ermordet. Da das Scheitern in Somalia der Clinton-Administration noch in den Knochen steckte, unternahm sie nichts, um das Massaker zu stoppen.
Vor diesem Hintergrund benötigte Clinton, wie gesagt, einen außenpolitischen Erfolg, um in den Augen der Öffentlichkeit und vor allem seiner innenpolitischen Widersacher nicht als Schwächling wahrgenommen zu werden. Und so entwickelten seine Berater die sog. „Erweiterungsdoktrin“ (Doctrine of Enlargement), die auf der Idee basierte, die Gemeinschaft der Marktdemokratien weltweit zu erweitern, Freihandel zu fördern, multilaterale Friedensmissionen und internationale Bündnisse zu organisieren sowie notfalls in weltweiten Krisensituationen zu intervenieren.4
Das war die Geburtsstunde der US-Interventions- und Osterweiterungspolitik und Clinton hat die zweifelhafte Ehre als der Geburtshelfer dieser auf Intervention und Expansion ausgerichtete US-Außenpolitik der vergangenen dreißig Jahre zu gelten.
Diese US-Interventions- und Osterweiterungspolitik führte noch in Clintons Amtszeit 1999 zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Volksrepublik Jugoslawien und zum Beitritt Polens, Ungarns und der Tschechischen Republik zur Nato.
1995 sah die Welt freilich noch etwas anderes aus. Ein Tag nach den oben erwähnten Jubiläumsfeierlichkeiten übte Clinton am 10. Mai 1995 einen massiven Druck auf Boris Jelzin aus, die Nato-Osterweiterung zu akzeptieren. Als Gegenleistung bot er „Moscow’s participation in the Partnership for Peace“ als „NATO-Lite“ an, um die russischen Bedenken zu zerstreuen.
Wie zu erwarten war, stieß Clintons Vorhaben auf einen heftigen Widerstand der russischen Seite. Und so berichtete Talbott Clinton anschließend, dass „virtually all major players in Russia, all across the political spectrum, are either deeply opposed to, or at least deeply worried about, NATO expansion.“5
Die Clinton-Administration hat sich mit ihrer „Enlargement-Doktrin“ genauso, wie die Truman-Administration mit ihrer Containment-Politik, auf eine Konfrontation statt Kooperation festgelegt und diese konfrontative Russlandpolitik prägt bis heute die US-Außen- und Sicherheitspolitik.
Ob Clinton sich der strategischen Tragweite seiner Entscheidung bewusst war, ist schwer zu sagen. Seine außenpolitische Nonchalance und innenpolitische Zwänge sprechen freilich gegen diese Vermutung.
2. Kennans Analyse der 1990er-Jahre
Kennan sah diese Entwicklung mit Sorge und warnte eindringlich vor einer konfrontativen Russlandpolitik, blieb aber, wie schon mehrmals zuvor, ungehört.
Seine Bedenken äußerte Kennan in einem wenig beachteten Artikel, der am 14. März 1994 unter dem Titel „The Failure in Our Success“ in der New York Times erschien. Der Council on Foreign Relations in New York City veranstaltete am 15. Februar 1994 eine Feier für Kennan anlässlich seines 90. Geburtstags. Auszüge aus seiner Rede wurden dann im eben erwähnten Artikel veröffentlicht.
Kennan erinnerte sich zunächst daran, dass sein Engagement im Council on Foreign Relations vor 47 Jahren begann. Ende 1946 nahm er „an einem Abendessen in diesem Saal teil und hielt dort eine Rede über das damalige Russland“. Dies führte im Januar 1947 zu einem weiteren Treffen mit der neu gegründeten Diskussionsgruppe des Councils zur sowjetischen Außenpolitik.
Kurz darauf schrieb ihm Ham Armstrong (Herausgeber von Foreign Affairs) und bat ihn, in seiner Zeitschrift einen Artikel über die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen zu schreiben. Daraus entstand der sogenannte „X“-Artikel und seitdem begann, wie Kennan es nannte, „mein sündhaftes Leben als Teilnehmer an der öffentlichen Debatte über die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen“.
Aus der Perspektive der vergangenen 47 Jahre gesehen, setzte sich Kennan nach eigenen Worten „für eine Politik der Eindämmung der sowjetischen Expansion ein – eine Politik, die darauf abzielte, die Ausdehnung der sowjetischen Macht nach Mittel- und Westeuropa zu stoppen.“
Diese sowjetische Expansionspolitik fand freilich nie statt und war auch nie das Ziel der sowjetischen Europapolitik, gehörte aber zu den unausrottbaren Mythen des „Kalten Krieges“. Das Axiom vom unbegrenzten sowjetischen Expansionismus gehörte nach Wilfried Loth „zu den zentralen Mythen des Kalten Krieges, die durch die konkrete sowjetische Westeuropapolitik nicht zu belegen sind.“6
Wie auch immer, Kennan glaubte, wenn es den USA gelänge, die Sowjetführung davon zu überzeugen, dass „eine Fortsetzung ihres Expansionismus“ nicht zum Erfolg führen, sondern ihnen schaden würde, dann wäre der Zeitpunkt für ernsthafte Gespräche zwischen den USA und der Sowjetunion über die Zukunft Europas gekommen.
Die Truman-Administration wollte hingegen keine Verhandlungen mit den Sowjets führen und setzte auf Konfrontation statt auf Kooperation. Das war der Beginn des „Kalten Krieges“. Vierzig Jahre später hat sich diese konfrontative Sowjetpolitik mit dem Untergang der Sowjetunion als „Erfolg“ erwiesen, glaubt der „Westen“.
Russland bestreitet das und führt diesen „Erfolg“ eher auf eine Selbstzerstörung bzw. die Selbstauflösung der Sowjetunion zurück. Zu der ganzen Diskussion muss man sagen, dass die beiden Kontrahenten recht haben. Die Sowjetunion wurde ideologisch an die Wand gespielt und das war ausschlaggebend für ihren Untergang.
Aus den Trümmern des Sowjetreiches entstand Russland wie Phönix aus der Asche, blieb als Rumpfimperium bestehen und bleibt bis heute militärisch, wie der aktuelle Ukrainekrieg auch zeigt, unbesiegbar. Es geht sogar militärisch gestärkt aus diesem Konflikt hervor.
Vor diesem Hintergrund muss man auch Kennans Analyse der 1990er-Jahre begreifen, als er darauf hinwies, dass nicht nur die Sowjetunion, sondern auch die USA im „Kalten Krieg“ einen hohen Preis gezahlt haben. Und der Grund dafür war, dass alle US-Administrationen von der Eindämmungspolitik so, wie Kennan sie verstanden hat, abwichen und sich weigerten, zu verhandeln, als es darauf ankam.
Kennan wollte damit sagen, dass die Kooperation womöglich zu besseren Ergebnissen als die Konfrontation geführt hätte. Heute scheint sich die Geschichte zu wiederholen, stellt er besorgt fest, obschon es seiner Einschätzung nach zum ersten Mal seit Jahrhunderten „keine Großmachtrivalität“ (no great power rivalry) gebe, die den Weltfrieden bedrohe.
Das war sicherlich Kennans Fehleinschätzung! Wir müssen alles daransetzen, sagte er, um diesen Zustand aufrechtzuerhalten, auch wenn wir gleichzeitig eine „hochgradig geordnete, aber instabile Welt“ (highly settled and unstable world) erleben, die eine Gefahr für den Weltfrieden in sich birgt.
An dieser Stelle zeigt sich, dass Kennan Schwierigkeiten hat, die 1990er-Jahre geopolitisch richtig einzuordnen. Er war immer schon ein Ideologe und Idealist, aber eben kein Geopolitiker. Sein ganzes Leben war Kennan ein von Entsetzen und Abscheu ergriffener Antistalinist, hat er doch selber als Diplomat in Moskau (1933-1937) unmittelbar und hautnah den Stalin-Terror erlebt und darum das Sowjetsystem sein Leben lang erbittert bekämpft.
Im Zentrum seines Denkens und Wirkens stand in erster Linie die Bekämpfung des Sowjetkommunismus, ohne dass er (und nicht nur er) die geopolitische Tragweite der Konfrontation zwischen Russland und den USA jemals so richtig verstanden hat.
Und nun hat er zwar sein Lebensziel mit dem Untergang des Sowjetkommunismus erreicht, merkte aber gleichzeitig, dass dessen ungeachtet eine (ideologiefreie) Konfrontation weitergeht. Deswegen ist er auch irritiert und verärgert, weil er zwischen einer ideologischen und einer geopolitischen Konfrontation nicht unterscheiden konnte. Die beiden waren für ihn ununterscheidbar.
Weil es keine ideologische Konkurrenz mehr gibt, so soll es auch gar keine Konfrontation mehr geben, dachte er. Das ist ein ideologisch determinierter Trugschluss, dem Kennan unterlag, weil er unreflektiert Ideologie mit Geopolitik vermengte und dadurch eine eigenständige Geopolitik als nichtexistent ausblendete.
Er verkannte deswegen die Spannungen zwischen Russland und den USA in den 1990er-Jahren, die im Gegensatz zum „Kalten Krieg“ nicht systemideologischer, sondern geo- und sicherheitspolitischer Natur waren.
Und so erklärt er die entstandene Gemengelage damit, dass wir heute in einer Zeit leben, auf die wir nicht vorbereitet sind, da es keine zentrale Bedrohung mehr gibt, auf die man sich konzentrieren muss, wie etwa im Falle Hitlers im Zweiten Weltkrieg oder im Falle von Stalins Expansionismus im „Kalten Krieg“. Darum beklagte er einen fehlenden „einheitlichen außenpolitischen Plan“, der als Leitfaden für die Bewältigung schwieriger Situationen dienen sollte.
Vom Standpunkt seiner Eindämmungspolitik kommt Kennan zu dem Schluss, dass es besser wäre, mit der Sowjetunion zu verhandeln, statt einen vierzig Jahre andauernden „Kalten Krieg“ zu führen. Denn dieser führte zu einem Wettrüsten, atomarer Bedrohung mit potenziell verheerenden Folgen für die Welt, extremer Angst sowie einer weiten Ausbreitung des Kommunismus.
All dies hätte vermieden werden können, glaubt Kennan, wenn die US-Administrationen sich für Verhandlungen statt für Konfrontation entschieden hätten. Umso mehr riet er der Clinton-Administration wenigstens jetzt nach dem Ende des „Kalten Krieges“ auf Kooperation und nicht auf Konfrontation zu setzen. Vergeblich, wie man heute weiß!
Dass Kennan dessen ungeachtet erneut recht behielt und als Prophet in die Geschichte eingegangen ist, der im eigenen Land nichts galt, zeigt sich heute auf den Schlachtfeldern in der Ukraine.
3. Konfrontation oder Kooperation?
Es ist ein Irrglaube zu denken, dass man Russland in die Enge treiben und genauso, wie im „Kalten Krieg, bezwingen könne und darum auf eine bewährte Konfrontation statt auf Kooperation setzen müsse. Heute findet kein ideologischer Systemwettbewerb unter den Bedingungen der Bipolarität statt, sondern ein geopolitischer und geoökonomischer Großmächtewettbewerb in Zeiten des Übergangs von der unipolaren Weltordnung in ein neues Weltordnungssystem, das seine Ausformung noch sucht und deswegen im Dunkeln bleibt.
Eine ideologische Systemkonfrontation unterscheidet sich von einer geopolitischen dadurch, dass sie zwischen den zwei Status-quo-Mächten unter Bedingungen der bipolaren Weltordnung „kalt“ geführt wurde, wohingegen wir uns heute längst in einer vollumfänglichen „heißen“ militärischen, geo- und sicherheitspolitisch fundierten Konfrontation zwischen einem revisionistischen Russland und der expansionistischen Nato-Allianz befinden, die man mit einem irreführenden Schlagwort „hybrider Krieg“ umschreibt.
Der sog. „Großmächtewettbewerb“ fing indes nicht erst seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine an. Denn dieser seit dem 24. Februar 2022 geführte „Wettbewerb“ ist längst in eine Großmächterivalität und -konfrontation übergegangen, die Kennan in den 1990er-Jahren, wie gesehen, für „überwunden“ hält.
Der Großmächtewettbewerb begann in etwa an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. „Der Fokus des Großmächtewettbewerbs wird sich wahrscheinlich von Europa nach Asien verlagern“ (The focus of great-power competition is likely to shift from Europe to Asia), mutmaßte der US-Militärexperte, Andrew Krepinevich (geb. 1950), schon im Jahr 2000.7
Die Ereignisse um 9/11 haben freilich alles überschattet und Krepinevichs Vermutung schnell vergessen lassen. Es brach „der Krieg gegen den Terror“ aus. Noch im Jahr 2006 erklärte Barack Obama in seinem Buch „The Audacity of Hope“, dass die Welt des Großmachtwettbewerbs „nicht mehr existiere“. Und im Wahlkampf 2008 war er der festen Überzeugung, dass die Bedrohungen des neuen Jahrhunderts – Terrorismus, Klimawandel, Pandemien – transnationaler Natur seien und daher nur durch eine internationale Zusammenarbeit zwischen den Großmächten gelöst werden können.
Und selbst der einflussreiche Flüsterer der US-Außenpolitik der vergangenen zwanzig Jahre und langjährige Präsident des Council on Foreign Relations, Richard Haass (2003-2023), sagte noch 2008 vor dem Senat, dass „die Herausforderungen der Globalisierung das Jahrhundert dominieren werden“ und dass „Wettbewerb und Konflikte zwischen den Großmächten nicht länger die treibende Kraft der internationalen Beziehungen sind.“8
Wie sehr sollte er mit seiner Äußerung ausgerechnet im Jahr 2008 die Zeichen der Zeit verkannt haben! Bereits ein Jahr zuvor verblüffte Putin mit seiner herausfordernden Rede auf der 43. Münchner Sicherheitskonferenz am 10. Februar 2007 die anwesenden westlichen Militär- und Sicherheitsexperten.
Konsterniert mussten sie sich anhören lassen, was Putin ihnen unverblümt sagte: „Die unipolare Welt ist mit einem Machtzentrum, einem Kraftzentrum und einem Entscheidungszentrum für die Welt unannehmbar. Sie ist für den Hegemon selbst vernichtend.“
Wie zerbrechlich diese unipolare Weltordnung war, zeigt sich gleich im daraufhin folgenden Jahr, als ein Krieg in Georgien im August 2008 ausbrach und beinahe schlagartig die geopolitische Großwetterlage veränderte.
Der geopolitische Stimmungsumschwung lag freilich schon vorher in der Luft, als der berühmt-berüchtigte Neocon, Robert Kagan, kurz zuvor am 8. April 2008 sein Werk „The Return of History and the End of Dreams“ veröffentlichte und dem eine theoretische Fundierung lieferte.
Darin argumentierte Kagan, dass die Großmächte ihr Comeback feiern und sich ein erbitterter ideologischer Kampf zwischen den westlichen Demokratien und den Autokratien China und Russland abzeichnet.
„Was wir für eine neue Ära der (Dominanz) einer Macht oder für die Abwesenheit des Großmachtwettbewerbs hielten, erscheint in der Retrospektive wie ein bloßer Übergangsmoment“ (What we thought was perhaps a new era of one power or no more great-power competition—in retrospect, it looks like it was just a moment of transition).9
Damit bescheinigte Kagan all jenen Naivität, die wie Kennan, Obama und Haass vom Ende des Großmächtewettbewerbs träumten. Erst mit Trumps Wahl zum 45. US-Präsidenten ist der Großmächtewettbewerb zum Top-Thema der US-Außenpolitik geworden, als Trumps Nationaler Sicherheitsberater, HR McMaster (2017-2018) Washington mit der Äußerung überraschte: Die Welt sei keine „globale Gemeinschaft“, sondern ein Wettbewerbsfeld (the world as not a „global community“, but a competitive arena)10.
Der Großmächtewettbewerb artete schon längst in eine geopolitische, geoökonomische und militärische Großmächtekonfrontation aus, in deren Mittelpunkt die drei alten Bekannten des „Kalten Krieges“ stehen: die USA, Russland und China. Nur die geopolitische Kräfteverhältnisse haben sich drastisch verändert.
Uri Friedman berichtete 2019 über sein Gespräch mit Ali Wyne von der Rand Corporation. Wyne befürchtete in dem Gespräch, dass Washington sich Hals über Kopf in den Großmächtewettbewerb stürze, ohne sich darüber im Klaren zu sein, welche „Grand Strategy“ es eigentlich verfolge. Und er warnte davor, dass der Großmächtewettbewerb Xi und Putin letztlich in die Arme des jeweils anderen treiben könnte, wenn die USA den unterschiedlichen Herausforderungen durch China und Russland nicht gerecht werden11.
Genau diese von Wyne befürchtete Entwicklung ist heute eingetreten. Indem sich die USA spätestens seit Trumps erster Amtszeit (2017-2021) gleichzeitig gegen Russland und China in Stellung brachten, haben sie „die beiden in die Arme des jeweils anderen“ getrieben und damit in fahrlässigster Weise zwei Gebote der US-Geopolitik des „Kalten Krieges“ verletzt.
Das erste stammt von Henry Kissinger und lautet: „Washington muss immer viel bessere Beziehungen mit Moskau und Peking als Moskau und Peking untereinander haben“. Und das zweite geht auf einen rumänisch-amerikanischen Militärstrategen und Ex-Berater von Ronald Reagan, Edward Luttwak: „Die USA können sich eine Konfrontation mit Moskau leisten, falls sie nicht im Konflikt mit China stehen. Sie können sich auch eine Konfrontation mit China leisten, falls sie nicht im Konflikt mit Moskau stehen. Eine gleichzeitige Konfrontation mit China und Moskau können sich die USA aber nicht leisten.
Genau gegen diesen Kampf an zwei Fronten versucht Trump sich in seiner zweiten Amtszeit zu stemmen. Der Versuch blieb freilich bis jetzt noch erfolgslos12. Es ist womöglich bereits zu spät. Die immer enger werdende strategische Partnerschaft zwischen Russland und China ist angesichts der nicht enden wollenden aggressiven US-Außenpolitik der Trump-Administration kaum zu durchbrechen.
Zu diesem informellen eurasischen „Bündnis“ gesellen sich mittlerweile auch Iran und Nordkorea. Selbst Indien nähert sich dieser strategischen Partnerschaft an, nachdem Trump es mit seiner aggressiven Zollpolitik vor dem Kopf gestoßen hat.
Trumps Amerika gerät heute immer mehr ins geopolitische und geoökonomische Abseits und es wird schwer, daraus herauszukommen, solange eine konfrontative US-Außenpolitik aufrechterhalten wird. Vielleicht sollte sich Trump, auch wenn es seinem Naturell zuwider ist, auf eine kooperative US-Außenpolitik besinnen und George Kennans Rat folgen.
Das Erfolgserlebnis des „Kalten Krieges“ wird sich nicht mehr wiederholen. Wir leben heutzutage in einer geopolitischen und geoökonomischen Großmächtekonstellation, in der der Triumph des Westens unter US-Führung über seine geopolitischen Rivalen nicht einmal theoretisch mehr denkbar und möglich ist.
Anmerkungen
1. Zitiert nach Uri Friedman, The New Concept Everyone in Washington Is Talking About. How exactly
did great-power competition go from being an “arcane term” a few years ago to “approaching a cliché”?
The Atlantic, 6. August 2019.
2. Zitiert nach William Woodward, Kennan Blasts Involvement in Vietnam. The Harvard Crimson, 20. April 1967.
3. Näheres dazu Silnizki, M., George F. Kennan und die US-Russlandpolitik der 1990er-Jahre. Stellungnahme zu Costigliolas „Kennan’s Warning on Ukraine“. 7. Februar 2023, www.ontopraxiologie.de.
4. Vgl. Russell L. Riley, Bill Clinton: Foreign Affairs. Miller Center 2019 (?).
5. Zitiert nach Silnizki (wie Anm. 3).
6. Loth, W., Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941-1955. München 1980, 63 FN 16.
7. Zitiert nach Friedman (wie Anm.1).
8. Zitiert nach Friedman (wie Anm. 1).
9. Zitiert nach Friedman (wie Anm. 1).
10. Vgl. H.R. McMaster/Gary D. Cohn, America First Doesn’t Mean America Alone. We are asking a lot of our
allies and partners. But in return the U.S. will once again be a true friend. WSJ May 30, 2017.
11. Friedman (wie Anm. 1).
12. Näheres dazu Silnizki, M., Trumps „Grand Strategy“. Im Kriegsschatten der Großmächte. 25. Oktober 2025.