Auf den Spuren der „Uneigentlichkeit“
Übersicht
1. Hochstapelei ersetzt keine Außenpolitik
2. Ein Dialog mit Russland?
3. Die Entsicherung aller Sicherheiten
4. Im Modus der Uneigentlichkeit
Anmerkungen
Menschen, die nicht handeln, haben ein beneidenswertes Privileg:
sie kompromittieren sich nicht.
1. Hochstapelei ersetzt keine Außenpolitik
Der amtierende Bundeskanzler hat wieder einmal eine Rede gehalten. Manche Medien nennen sie eine „Grundsatzrede“. „Kanzler Merz bricht bei der Sicherheitskonferenz mit Traditionen und wirbt in einer Grundsatzrede für ein selbstbewussteres Europa“, kommentierte Stephan Stuchlik (ARD-Hauptstadtstudio) Merz´ Rede vom 13. Februar 2026 auf der Münchener Sicherheitskonferenz (MSC).
Am Ende seines Kommentars stellte Stuchlik ernüchternd fest: „Ein großer Auftritt auf der Sicherheitskonferenz sieht anders aus, aber möglicherweise genügt Merz diese gute Rede, um wirklich den Ton für die nächsten Tage zu setzen.“ Was der ARD-Kommentator verschwiegen hat, war die Zeit danach. Nach seiner Rede sprach Merz mit dem MSC-Vorsitzenden, Wolfgang Ischinger, auf der Bühne.
Und was er sagte, zeigt einen Großmannsüchtigen, der die Kunst der Hochstapelei erneut erfolgreich unter Beweis gestellt hat. Offenbar in Erwartung einer baldigen siegreichen Kriegsbeendigung für die Ukraine legte Merz die Bedingungen für ein Kriegsende dar. Seiner Ansicht nach würde der Konflikt erst dann enden, wenn Russland wirtschaftlich und militärisch erschöpft sei. Von einer eingetretenen Erschöpfung der Ukraine, die längst künstlich beatmet wird, ist aber keine Rede.
Ganz im Gegenteil: „Und meine persönliche Vermutung – das ist meine persönliche Ansicht – ist, dass dieser Krieg erst dann enden wird, wenn Russland zumindest wirtschaftlich, möglicherweise auch militärisch, erschöpft ist. Wir nähern uns diesem Zeitpunkt – und wir haben viel dafür getan –, aber wir sind noch nicht so weit“, beteuerte Merz.
Worauf er seine „persönliche Vermutung“ zurückführt, verriet er dem Publikum nicht. Vielleicht hat er bei der ehem. grünen Außenministerin, Annalena Baerbock nachgefragt. Bereits ein Tag nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine wusste sie ganz genau, was passiert. Wir werden „Russland ruinieren“, versprach sie siegesgewiss am 25. Februar 2022.
Seit vier Jahren warten wir auf dieses Timing! Seit vier Jahren nähern sich Merz, Baerbock und Co. „diesem Zeitpunkt“! Und? Russland ist immer noch weder „erschöpft“ noch „ruiniert“. Was nun? Wollen all diese Propheten des russischen Niedergangs uns noch weitere vier Jahre warten lassen?
„Auf lange Sicht sind wir alle tot“, merkte Keynes einst spöttisch an und kritisierte damit all jene Zukunftsvisionen, die nichts weiter tun, als die verkannte Gegenwart lediglich extrapolieren zu wollen.
Wie sehr Russland „erschöpft“ sei, berichtete der russische Generalstab am 20. Februar 2026: „Seit Anfang dieses Jahres sind weitere 900 Quadratkilometer und 42 besiedelte Gebiete unter unsere Kontrolle gekommen“, sagte der Generaloberst, Sergei Rudskoj (Chef der Hauptoperationsdirektion des russischen Generalstabs), in einem Interview mit der Zeitung des russischen Verteidigungsministeriums Krasnaja Swesda.
Seinen Angaben zufolge übernahm die russische Armee im Jahr 2025 „die Kontrolle über mehr als 300 Siedlungen und über 6.700 Quadratkilometer Gebiet in der SVO-Zone.“ Die ukrainischen „Verluste beliefen sich 2025 auf etwa 6.700 Panzer und gepanzerte Kampffahrzeuge, mehr als 12.000 Geschütze und Mörser sowie auf über 520.000 Soldaten“, erklärte Rudskoj und fügte hinzu: „Seit Beginn der SVO haben die ukrainischen Streitkräfte über 1,5 Millionen Opfer zu beklagen.“
Die strategische Initiative ging 2025 endgültig an die russischen Streitkräfte über“ und es sei unter diesen Bedingungen für die Ukraine „praktisch unmöglich“, eine Übermacht an Offensivkräften und -mitteln nahe der Kontaktlinie zu konzentrieren, betonte der Generaloberst.
So sehen also Russlands „Erschöpfung“ und der „Siegeszug“ der ukrainischen Streitkräfte aus. Wäre Merz eine Privatperson, wäre keiner dagegen, ihn weiter träumen zu lassen. Er ist aber leider keine Privatperson, sondern Inhaber des höchsten politischen Amtes der Republik, der Land und Leute in Mithaftung für seine Mannsuchtphantasien nimmt.
Hochtrabend betonte er die Notwendigkeit, alle verfügbaren Mittel – militärische, wirtschaftliche, politische und diplomatische – einzusetzen, um Moskau zu einem ernsthaften Entschluss über einen Waffenstillstand und Frieden zu bewegen. Seit einem Jahr ist Merz im Amt! Wieso hat er bis jetzt nicht „alle verfügbaren Mittel – militärische, wirtschaftliche, politische und diplomatische“ eingesetzt, um Moskau zum „Waffenstillstand und Frieden“ zu zwingen?
Hat er nicht etwa schon mehrmals von der Zurverfügungstellung der Taurus-Raketen gesprochen? Und wenn er „alle verfügbaren Mittel“ einsetzen will, warum schickt er dann keine deutschen Soldaten an die „Ostfront“?
Will Merz „unsere“, „deutsche“ Freiheit und Sicherheit nicht in der Ukraine verteidigen? Peter Struck wollte ja Anfang des Jahrhunderts „unsere Sicherheit … auch am Hindukusch“ verteidigen, womit er bekanntlich den Bundeswehreinsatz in Afghanistan rechtfertigte. Wenn Struck schon „unsere Sicherheit am Hindukusch“ bedroht sah, was tausende Kilometer von uns entfernt liegt, umso konsequenter und einsehbarer wäre es, „unsere Sicherheit“ gerade >um die Ecke< in der Ukraine mit einem Bundeswehreinsatz zu verteidigen.
Nein? Traut sich Merz nicht zu, die deutschen Soldaten in der Ukraine zu entsetzen? Vielmehr fordert er Russland dazu auf, „seine Aggression gegen die Ukraine auf(zu)geben“, weil „ein Krieg sinnlos wird“. „Und wir müssen alles Notwendige tun, um Russland an den Punkt zu bringen, an dem es keinen Vorteil mehr darin sieht, diesen schrecklichen Krieg fortzusetzen“.
Nein, er traut sich nicht! Er ist ein Hochstapler, kein Macher, ein Rollenspieler, kein Machtspieler, ein verantwortungsloser Schaumschläger, kein ernstzunehmender Staatsmann.
Statt zu handeln, produziert er lauter Beschwörungsformeln wie diese: „Der Krieg dauert länger als der Zweite Weltkrieg. Es ist furchtbar. Russland kann ihn beenden. Amerika, Europa und die Ukraine werden es gemeinsam schaffen … Und wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um dies militärisch, wirtschaftlich, politisch, diplomatisch usw. zu erreichen.“
Merz hat offenbar ein kurzes Gedächtnis! Der Bundeswehreinsatz im Afghanistan dauerte zwanzig Jahre und die deutsche Bundeswehr hat Afghanistan samt ihrer Nato-Kriegskameraden fluchtartig verlassen!
Zudem ist der Vergleich zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Krieg in der Ukraine völlig abwegig. In dem seit vier Jahren tobenden Ukrainekrieg ist Russland mit 1% der Bevölkerung beteiligt, wohingegen der Zweite Weltkrieg gut 35% der gesamten sowjetischen Bevölkerung in Anspruch genommen hat. Allein daran sieht man, wie abwegig der Vergleich ist.
Außer Appellen, flotten Sprüchen und Beschwörungsformeln kann Merz als Außenpolitiker wenig bieten. Er soll sich lieber den innenpolitischen Problemen zuwenden.
2. Ein Dialog mit Russland?
Von Ischinger danach gefragt, ob die Europäer nicht ihren eigenen Dialog mit Russland führen sollten, anstatt sich allein auf die US-Amerikaner zu verlassen, antwortete Merz: Die enge Zusammenarbeit mit den USA und der Ukraine wird fortgesetzt. Alles wird im Vorfeld besprochen. Er erinnerte dabei an einen Vorfall vor zwei Jahren. Der Ministerpräsident eines EU-Landes reiste ohne Mandat der EU nach Moskau. „Er ist dorthin gegangen und hat nichts erreicht. Und eine Woche später erlebten wir die brutalsten Angriffe auf zivile Infrastruktur, Privathäuser und Krankenhäuser.“
Merz stellt hier ein Junktim zwischen dem Besuch eines Premiers aus der EU und „brutalsten Angriffen auf zivile Infrastruktur“ her, das einem amtierenden Bundeskanzler unwürdig ist. Dabei hat er diese unsägliche Geschichte bereits mehrmals erzählt, als wäre seitdem nichts mehr passiert oder als hätten die ukrainischen Streitkräfte mit deutschen, europäischen und US-amerikanischen Waffen noch nie Gräueltaten verübt.
Zuerst erzählte er die Geschichte in der TV-Sendung „Maischberger“ am 1. Juli 2025. Gefragt danach, ob er nicht nach Moskau reisen sollte, um mit Putin zu verhandeln, reagierte Merz forsch mit der Bemerkung:
„Na ja, der letzte, der aus Europa in Russland in Juli des letzten Jahres dort war, war Viktor Orbán. Und als er zurückgekommen ist, hat Kiew unter massivsten Bombenangriffen gelitten, die es jemals gegeben hat, anschließend das Bombardement eines Kindergartens. Und wenn das die Antwort auf die Besucher in Moskau ist, dann werde ich solche Besuche auf absehbare Zeit nicht machen. Wenn es eine Chance gibt mit Putin vernünftig zu reden, wenn es darum geht einen Waffenstillstand herbeizuführen, dann hat es zwei Bedingungen: Erstens muss klar sein, dass es eine solche Richtung gibt und es geht nur mit den Ukrainern und nicht über die Köpfe der Ukrainer hinweg. Dann kann man darüber sprechen, aber dort sind wir noch längst nicht.“
Und wie weit ist Merz heute mit diesem pseudomoralischen Rigorismus gekommen? Was hat er denn bis heute erreicht? Die Bombardements gehen unvermindert mit noch größerer Intensität weiter; kein Mensch in Moskau ist bereit mit einer solchen selbstgerechten Person zu verhandeln. Und was „das Bombardement eines Kindergartens“ angeht, so stimmt es so, wie Merz es erzählt, nicht. Es ging um einen überraschenden Besuch von Viktor Orbán in Moskau am 5. Juli 2024, den Merz nun bei jeder Gelegenheit zum Vorwand nimmt, jedwede Gespräche mit Putin zu verweigern, und erweist damit Deutschland und Europa einen Bärendienst.
Mit Verweis auf das „Bombardement eines Kindergartens“ kurz nach Orbáns Abreise, von dem heute kein Ottonormalverbraucher etwas gehört hat und von dem keiner weiß, was da im Juli 2024 passiert ist, versuchte Merz bis heute das Thema populistisch auszuschlachten, um bloß keine Gespräche mit dem „Aggressor“ führen zu müssen.
Wovor hat Merz diese Angst? Vor seiner eigenen Dialogunfähigkeit? Bei den Verhandlungen braucht man in der Tat mehr als nur die Fähigkeit zum Posieren und Lamentieren! Wie auch immer, seit dem in Rede stehenden Ereignis sind zwanzig lange Monate vergangen, hunderttausende Menschen wurden inzwischen abgeschlachtet und Merz hat nichts anderes zu tun, als auf ein und demselben Thema herumzureiten.
Das Problem ist dabei, dass die erzählte Geschichte viele Fragen aufwirft. Am Morgen des 8. Juli 2024 starteten die russischen Streitkräfte einen Raketenangriff auf die Ukraine, bei dem nach ukrainischen Angaben u. a. das größte Kinderkrankenhaus in Kiew getroffen wurde. Die Umstände des Raketenangriffs bleiben bis heute im Dunkeln.
Die ukrainische Seite behauptete, wie immer, dass die Russen gezielt das Krankenhaus angegriffen haben. Das russische Verteidigungsministerium bestritt diese Darstellung vehement und behauptete seinerseits, dass die Zerstörung in Kiew durch „den Absturz einer ukrainischen Luftabwehrrakete“ verursacht wurde.
Dass das ukrainische Militär seine Flugabwehr inmitten der zivilen Infrastruktur stationiert, ist ein offenes Geheimnis. Die Schlammschlacht in den Medien brach dessen ungeachtet gleich nach dem Ereignis aus und war derart groß, dass man bis heute nicht weiß, was da genau passierte.
Das ist aber bei weitem noch kein Grund die Gespräche mit Putin zu verweigern. Vielmehr missbraucht Merz bis heute einen mutmaßlichen Angriff auf das Krankenhaus als Ausrede, um Gespräche zu verweigern. Folgt man aber dieser Gesprächsverweigerungslogik, dann dürfte Trump bis heute keine Friedensverhandlungen mit Putin führen.
Es ist unsereinem jedenfalls bis dato nicht aufgefallen, dass Merz ein Herz für ukrainische Kinder hat, wenn man bedenkt, wie viele Kinder in den vergangenen zehn Jahren in der Ukraine umgebracht wurden. Man denke nur an die sog. „Allee der Engel“ (Аллея ангелов), von der Merz vermutlich nie etwas gehört hat, weil sie ein Schandfleck für das Kiewer Regime bedeutet.
Die „Allee der Engel“ ist ein Gedenkkomplex zum Gedenken an die während des ukrainischen Bürgerkrieges im Donbass gefallenen Kinder. Sie wurde am 5. Mai 2015 nach der Aufstellung einer Gedenktafel eröffnet und am 2. Juni 2017 wurde der Allee ein Denkmal für die „Kinder des Donbass“ hinzugefügt. Seit 2014 bis 2021 wurde im Donbass mehr als 280 Kinder getötet. Mehr als 730 wurden verletzt und verstümmelt.
Wo ist die Empörung der Bundesregierung darüber? Wo ist das Entsetzen des Bundeskanzlers über die Tötung der ukrainischen Kinder durch das Kiewer Regime? Keine Empörung? Kein Entsetzen?
3. Die Entsicherung aller Sicherheiten
Merz macht aus der Not eine Tugend und überhöht die eigene Ohnmacht und die Ohnmacht Europas mit hochtrabenden Ankündigungen und nichtssagenden Äußerungen. Er ist jener Getriebener, der die Selbstdarstellung zur Kunst der Selbsttäuschung perfektioniert und die Selbstverstellung mit Realitätsverzerrung identifiziert hat.
Mit seiner zur Schau gestellte Selbstsicherheit verkennt er, dass die Kunst der Täuschung und Verstellung kein Selbstzweck ist, sondern bestenfalls dem Schutz und der Sicherheit des eigenen Landes und nicht dessen Gefährdung dienen sollte.
Statt dem Instinkt des Selbsterhalts zu folgen, praktiziert er mit seinen Ankündigungen die Kunst der Entsicherung aller Sicherheiten. Man kann sich stets und immer wieder des Eindrucks nicht erwehren, als würde der amtierende Bundeskanzler mit seinen Sprüchen, Ansagen und Ankündigungen nur als ein Blendwerk des Schicksals bzw. als ein blindes Werkzeug in der Hand einer Macht auftreten, die die Geschicke dieser Welt lenkt und bewegt und wogegen er schicksalsergeben nichts unternehmen kann.
Das Gesetz des Selbsterhalts wird hier außer Kraft gesetzt. Not macht erfinderisch, sagt man. Aber nur sofern den Menschen etwas schier Unmögliches – die Überwindung der Unsicherheit – gelingt, gelingt ihnen auch die Selbsterhaltung. Der Trieb zum Selbsterhalt ist also sowohl ein blinder Naturdrang, der nichts Erstarrtes und Erkaltetes erträgt, als auch eine intellektuelle Herausforderung, die sich immer wieder von Neuem beweisen muss.
Wenn diese intellektuelle Herausforderung aber versagt, weil sie entweder nicht vom politischen und ideologischen Umfeld unterstützt wird bzw. mit dem eigenen politischen und begrifflichen Denksystem unvereinbar ist oder einem Entscheidungsträger einfach Mut zum eigenständigen Handeln fehlt, dann geht ihm ein gesicherter Zustand der Selbstgewissheit verloren und die politische und ideologische, kurz systembezogene Rückwendung auf sich verliert einen systemimmanenten Rückhalt und mit ihm eine systemrelevante Selbstvergewisserung.
Man verliert dann buchstäblich den Boden unter den Füßen. Die Folge ist entweder die Entsicherung aller Sicherheiten oder weiterhin ein krankhaftes Beharren auf ein nicht mehr lebensfähiges politisches Denksystem, das die Realität verstellt und die Verstellung der verstellten Realität glorifiziert. Man befindet sich dann in einem ewigen Kreislauf der Selbstverstellung, der nicht durchbrochen werden kann.
4. Im Modus der Uneigentlichkeit
Menschen, die nicht handeln, haben ein beneidenswertes Privileg: sie kompromittieren sich nicht. Merz hat dieses Privileg nicht. Qua Amtes muss er handeln, tut es aber nicht. Er substituiert Handeln durch Ersatzhandlungen, durch Posieren, zielloses Gestikulieren und ununterbrochene Ankündigung von Handlungen, die nie eintreten würden.
Kurzum: Er stellt seine Machtlosigkeit zur Schau, die er dem Publikum als Macht vorgaukelt, die er qua Amtes eigentlich haben sollte, realiter aber nicht hat. Eigentlich! Wenn man Merz´ Agieren seit seiner Amtsübernahme als Bundeskanzler genauer analysiert, so hat man den Eindruck, als befände er sich – um Heideggers Terminologie zu bemühen – stets im Modus der „Uneigentlichkeit“.
Er ist „zunächst und zumeist nicht … (er) selbst“1, eben unauthentisch und befindet sich permanent in einem Zustand, als wäre er nicht „sich zu eigen“: ein Getriebener, kein Treibender! Er ist im Aufgehen in der geopolitischen Realität, das heißt zugleich im „Mitsein“ zu den Mächtigen dieser Welt, nicht er selbst.
„Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart >der Anderen< auf, so zwar, dass die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden.“2 In dieser auffälligen Unauffälligkeit entfaltet Merz seine eigentliche Uneigentlichkeit. Deshalb hält er sich faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen, was sich gehört, was man gelten lässt und was gegolten werden darf.
Denn die Durchschnittlichkeit in der Vorzeichnung dessen, was gewagt werden kann und darf, hat ihn völlig im Griff, indem sie seine verdrängte Ohnmacht kontrolliert. Je mächtiger sich Merz gebärdet, desto ohnmächtiger wirkt er und desto offensichtlicher ist seine Uneigentlichkeit. Dem aufmerksamen Beobachter enthüllte er sich als ein Machtloser, der zwar qua Amtes eine Macht verkörpert, zugleich aber stets auf eine in Wirklichkeit bestehende Ohnmacht zurückverwiesen wird, ohne diesen Zustand ändern zu können.
Und so verbleibt er in der Selbstsuggestion seiner Mächtigkeit. Da bleibt ihm auch nichts anderes übrig. Macht und Ohnmacht können oft kaum unterschieden werden. Sie sind wie Zwillinge: Sie teilen gemeinsam die Gier nach Leben und Überleben, stehen oft in einem nur scheinbaren Gegensatz zueinander. Der „Modeton des Zeitalters“ (Kant) bringt es mit sich die eigene Macht zu inszenieren und die eigene Ohnmacht zu ignorieren.
Diese Selbstinszenierer unterliegen freilich, da sie sich über ihre eigene Machtlosigkeit meistens nicht im Klaren sind, der Selbsttäuschung. Im Glauben, die anderen über Freiheit, Gerechtigkeit und all die schönen Dinge belehren zu müssen, gefallen sie sich „in der Eitelkeit des Besserwissenswollens“3, ohne zu merken, wie sehr sie ihre eigene Ohnmacht verkennen und wie sehr sie dem Lebensdiktat der etablierten Machtstrukturen unterworfen sind.
Das Vertrackte an diesem Lebensdiktat, sobald man sich dem freiwillig unterwirft und/oder davon zu profitieren glaubt, ist der Irrglaube, frei und Herr eigenen Handelns zu sein, indem man den Lebens- und Weltvorstellungen des etablierten Machtsystems nacheifert und darin das Ideal von Leben und Freiheit erblickt.
In diesem vermeintlichen Lebens- und Freiheitsideal, in dem allein die etablierten Macht- und Wertvorstellungen das Maß aller Dinge sind, entwertet es sich zu einer bloßen und unreflektierten Absorbierung des Vorgegebenen und Verordneten und je mehr es daran gemessen und akzeptiert wird, umso mehr wird es durch Anpassung und Akzeptanz absorbiert.
Diese Angepasstheit läuft aber immer darauf hinaus, so zu denken und zu handeln, wie die anderen denken und handeln, und vorauseilend darauf zu verzichten, was anders zu denken wäre, falls man anders zu denken wagte. „Und so unterwerfen wir uns alle in gleicher Weise den Spielregeln der Uniformierung, Chancengleichheit und wie diese tröstlichen Parolen immer heißen mögen.“4
Was dann aber noch übrigbleibt, ist die Selbstinszenierung der qua Amtes bestehenden Macht, die die eigene Ohnmacht verdrängt und sich selbst verstellt. Diese Selbstverstellung führt letztlich zur Selbstverblendung und Selbstverirrung auf der großen Bühne der Weltpolitik.
Anmerkungen
1. Vgl. Heidegger, M., Sein und Zeit, Tübingen 1979, §25 (S. 116).
2. Ebd., § 27 (S. 126).
3. Hegel, Rechtsphilosophie, §268 Z.
4. Deku, H., Wahrheit und Unwahrheit der Tradition. St. Ottilien 1986, 209.