Zwischen Nuklearhysterie und Geschichtsklitterung
Übersicht
1. Merz, Fischer, Münkler, Heusgen und die nuklearen Sandkastenspiele
2. Karol Nawrockis Geschichtsklitterung
Anmerkungen
„Ich kann die Bewegung von Himmelskörpern berechnen,
aber nicht den Wahnsinn der Menschen.“
(Isaac Newton, 1720)1
1. Merz, Fischer, Münkler, Heusgen und die nuklearen Sandkastenspiele
Europa werde seine Vorstellungen nur dann durchsetzen können, „wenn wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen, wenn wir selbst eine europäische Macht werden“, sagte der Bundeskanzler, Friedrich Merz, in seiner Regierungserklärung am 29. Januar 2026. Haben „wir“ aber Macht, um „die Sprache der Machtpolitik sprechen (zu) lernen“? Nur wer keine Macht hat, spricht von der Macht. Der Machthaber übt sie aus, redet darüber nicht.
Merz ist, wie immer, in seinem Element2. Im Frühjahr 2025 forderte er ultimativ Putin zum sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand auf. Als Putin die Aufforderung kommentarlos ignorierte, spielte Merz sein Ultimatum kleinlaut herunter. Das ganze Jahr 2025 bezichtigte Merz Putin stets des „Kriegsverbrechens“ wie etwa in seiner Regierungserklärung vom 24. Juni 2025: „Putin zeigt bis heute täglich mit seinen Kriegsverbrechen in der Ukraine, dass ihm gemeinsame Regeln gleichgültig sind …“
Am 3. September 2025 schimpfte er über Putin in der Sat.1-Sendung „newstime“: „Er ist ein Kriegsverbrecher. Er ist vielleicht der schwerste Kriegsverbrecher unserer Zeit, den wir zurzeit im großen Maßstab sehen.“ Die Empörung des Bundeskanzlers sucht seinesgleichen in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie verrät die Nervosität und Hilflosigkeit des Empörten, der außer Wutausbrüchen und emotionaler Entgleisung nichts zu bieten hat; er glaubt, mit Anpöbelung und Beleidigung eines fremden Staatsoberhaupts die eigene Ohnmacht überspielen zu können.
Und nun ein Sinneswandel!? Bei einem Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau sprach Merz am 21. Januar 2026 eine „Erkenntnis“ aus, auf die noch keiner gekommen wäre, wäre er nicht Bundeskanzler: „Russland ist ein europäisches Land.“ Woher kommt urplötzlich dieser „Geistesblitz“?
Hat Merz womöglich Trumps unfreundliche Europa- und Sicherheitspolitik nachdenklich gemacht und zum Umdenken bewegt? Mag sein! Skepsis ist dennoch angebracht! Wie ein Chamäleon seine Farbe wechselt, passt sich Merz ideen- und machtlos an die außenpolitischen Gegebenheiten an. Er ist ein Spieler, kein Macher, ein Rollenspieler, kein Machtspieler. Er spielt die Rolle eines Amtsträgers, der glaubt, Macht zu besitzen, die er nicht hat, und Machtspieler zu sein, ohne Macht zu besitzen. Er täuscht damit nur sich und das Publikum.
Verliebt in sein Rollenspiel wechselt Merz ständig seine Spielzeuge. Jetzt hat er ein neues, nukleares Spielzeug entdeckt. Von einer möglichen deutschen Beteiligung an einem europäischen nuklearen Schutzschirm phantasiert er. „Wir wissen, dass wir hier strategisch und auch militärpolitisch einige Entscheidungen treffen müssen, sagte er am 29. Januar 2026 in Berlin bei einem Treffen mit der litauischen Regierungschefin, Inga Ruginiene. Dafür sei aber „die Zeit im Augenblick noch nicht reif“, fügt er kleinlaut hinzu, wohl wissend, dass Deutschland sich in zwei völkerrechtlich bindenden Verträgen – dem Zwei-plus-vier-Vertrag und dem Nichtverbreitungsvertrag über Atomwaffen – verpflichtet hat, keine eigenen Atomwaffen zu haben.
„Insofern steht es nicht in unserem eigenen Ermessen und nicht in unserer eigenen Zuständigkeit, Atomwaffen in Deutschland zu haben.“ Dies heißt aber nicht, „dass wir mit anderen Staaten Europas nicht auch über die gemeinsame atomare Abschreckung sprechen“, betonte er trotzig. Luftschlösser nennt sich das, was Merz hier zum Besten gibt. Er spielt wieder einmal die Rolle eines Machers, hinter dem sich nichts außer seiner realitätsentrückten Phantasiewelt verbirgt.
Um mit Russland nuklear gleichzuziehen, braucht Europa hunderte und aberhunderte Milliarden Euro, entsprechende Trägertechnologie und viel, sehr viel Zeit, die es nicht hat. Atomwaffen gewährleisten nicht mehr Sicherheit und die sog. „Abschreckung“ garantiert keinen „ewigen Frieden“.
„Ich habe leider noch immer den Eindruck“, schreibt Helmut Schmidt 1967, „dass in weiten Kreisen der führenden Politiker und Militärs der Bundesrepublik die recht primitive Auffassung vertreten wird, die Abschreckung müsse unter allen Umständen funktionieren.“3
„Abschreckung ist ein … defensives strategisches Prinzip“ und „nicht identisch mit Vergeltung“, schreibt Schmidt an einer ganz anderen Stelle. „Das Prinzip der Abschreckung kann (auch) versagen, wenn der Aggressor das ihm angedrohte Risiko irrtümlich oder gerechterweise für erträglich hält, wenn der Aggressor nicht von dem Willen oder der Fähigkeit des Abschreckenden zur Ausführung seiner Drohung überzeugt ist, wenn dem Aggressor keine alternative Handlungsmöglichkeit offenbleibt, oder wenn er seine Aggressionsentscheidung nicht aus rationaler Bewertung der Lage trifft.“4
Merz gehört offenbar immer noch zu jenen „führenden Politiker und Militärs der Bundesrepublik“, die „die recht primitive Auffassung“ vom Atomwaffenbesitz vertreten und die von Helmut Schmidt angesprochenen Probleme der Abschreckung nicht mitbedenken, zieht er doch mit seiner aggressiven Rhetorik „keine alternative Handlungsmöglichkeit“ in Betracht.
Der Bundeskanzler soll vielleicht darüber nachdenken, in den Ruhestand zu gehen, seinen wohlverdienten Lebensabend genießen und unter Pensionären über Deutschland als Atommacht phantasieren. Vorbilder hat er ja!
Bereits vor gut zwei Jahren predigten zwei Pensionäre eine atomare Aufrüstung Deutschlands. Der eine heißt der grüne Ex-Außenminister, Joseph Fischer, genannt Joschka (geb. 1948), der gegen die friedliche Nutzung der Atomenergie lebenslang gekämpft hat, 2023 aber urplötzlich nichts anderes im Sinne hatte, als im „zarten“ Alter von 75 Jahren der atomaren Abschreckung und Aufrüstung das Wort zu reden.
„Wir müssen unsere Abschreckungsfähigkeit wiederherstellen“, verkündet Joseph Martin Fischer, genannt Joschka, in der „Zeit Online“ am 3. Dezember 2023. Zwar gefalle ihm der Gedanke daran „überhaupt nicht“, beschwichtigt Joschka, aber der Ex-Außenminister Fischer ist „besorgt“ und der festen Überzeugung, dass kein Weg daran vorbeiführe. „Solange wir einen Nachbarn Russland haben, der der imperialen Ideologie Putins folgt, können wir nicht darauf verzichten, dieses Russland abzuschrecken“, sagt Fischer „unserem“ Joschka.
Und der andere Pensionär – der „Geostratege“ der Republik, Herfried Münkler (geb. 1951) – sekundiert: „Wir brauchen einen gemeinsamen Koffer mit rotem Knopf“. In einem Interview mit dem „Stern“ forderte er am 29. November 2023: „Europa muss atomare Fähigkeiten aufbauen“. „Die Briten“ – mutmaßte er – „haben zwar Atom-U-Boote, Frankreich die Bombe, aber werden sie die wirklich einsetzen, um Litauen oder Polen zu schützen? Das darf man aus Sicht des Kremls bezweifeln. Wir brauchen einen gemeinsamen Koffer mit rotem Knopf, der zwischen großen EU-Ländern wandert.“
Jawohl, Sie haben es gehört: Den „roten Knopf“, „der zwischen großen EU-Ländern wandert“, brauchen „wir“. Unbedingt! So wie ein Tourist im Sommerurlaub wird der „rote Knopf“ jeder Sommer aus einem EU-Land in das andere EU-Land „wandern“ und dessen Repräsentanten gemütlich am Strand sitzend mit ihm spielen. Was will man mehr?
Auf diese Idee ist unser Bundeskanzler noch nicht gekommen. Das macht nichts. Er muss nur ein Kontakt mit den Pensionären, Joschka, Herfried und Co., aufnehmen. Sie wissen Bescheid. Ideen gehen ihnen nämlich nicht aus. Neuerlich plädierte „unser“ Joschka am 29. Januar 2029 erneut für „atomare Aufrüstung Europas“.
„Europa muss das machen, denn die amerikanische Schutzgarantie ist ab sofort ungewiss“, sagte er dem „Tagesspiegel“, lehnte aber immerhin rein nationale atomare Bewaffnung Deutschlands ab. Wäre er heute jung, würde er Wehrdienst leisten, fügte der grüne Ex-Außenminister scheinheilig hinzu, wohl wissend, dass er als junger Joschka den Wehrdienst verweigert hätte, hätte er einen Einberufungsbefehl erhalten.
„Die Zeit ist eine andere“, rechtfertigt er sich heute. „Wir werden bedroht. Wir müssen uns verteidigen.“ Wirklich? Seine militante Gesinnung ist nicht erst seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine am 24. Februar 2022 entstanden. „Unser“ Joschka hat offenbar im Gegensatz zu unsereinem vergessen, wie ein gewisser grüne Außenminister Fischer – gerade an die Macht gelangt – sich 1999 für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Volksrepublik Jugoslawien mitentschieden hat.
Offenbar hat Joschka vergessen, wie der Außenminister Fischer inmitten des Kosovokrieges die aufgeheizte Stimmung weiter anheizte: „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen. Deswegen bin ich in die Grüne Partei gegangen“ (Auszug aus der Joschka Fischer-Rede auf dem Parteitag am 13. Mai 1999).
Mit diesen Worten rechtfertigte Fischer die Entscheidung der rot-grünen Bundesregierung, die unter gewaltigem Druck der Clinton-Administration, vor allem der berühmt-berüchtigten US-Außenministerin, Madeline Albright, stand, in den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu ziehen. Hat „unser“ Joschka all das vergessen? Wir nicht!
Glaubt Joschka wirklich, dass der grüne Ex-Außenminister Fischer wirklich glaubt, Putin mit dieser Strategie abschrecken zu können? Da hätte Helmut Schmidt, der von Joschka einst als Sponti „bekriegt“ wurde, ihm, wie gesehen, diesen Unsinn schnell aus dem Kopf geschlagen.
Jetzt ruft er die deutsche Jugend zum Wehrdienst auf! Um in einen Krieg gegen Russland zu ziehen oder noch besser: das Kiewer Regime zu verteidigen? Aus der Geschichte hat er wohl nichts gelernt! Und er ist nicht der Einzige. Auch Merkels ehem. Sicherheitsberater und Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen (geb. 1955), sagte am 30. Januar 2026 dem MDR, es gebe seit Jahren den Vorschlag des französischen Präsidenten, die französische Atomkräfte auch zum Schutz Europas einzusetzen. Es sei absolut notwendig, auf dieses Angebot als Ergänzung zum Nuklearschirm der USA einzugehen. Er halte dies für den „richtigen Weg“.
Da möchte unsereiner all jenen pensionierten „Rettern“ Deutschlands und Europas nur zurufen: Pensionäre an die Front! Gewehr in die Hand und los an die „Ostfront“! Was gibt es noch „Schöneres“ und „Erhabenes“, als dem deutschen Vaterland am Lebensabend einen allerletzten Dienst zu erweisen? Oder nicht?
Offenbar sind sich unsere pensionierte Atomkrieger gar nicht darüber im Klaren, dass Russland schon heute in der Lage wäre, ganz Europa in wenigen Stunden und mehrmals in Schutt und Asche zu legen. Von welcher atomaren Abschreckung fantasieren sie dann überhaupt. Sie sollten lieber auf Verständigung mit Russland statt auf Abschreckung setzen.
„Die Russen“ – meinte der US-Diplomat, Georg W. Ball (1909-1994), einst, der unter den Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson Staatssekretär im US-Außenministerium war, – „sind wiederholt vom Osten her überrannt worden und allein in diesem Jahrhundert zweimal vom Westen überfallen worden. Sie haben eine pathologische Furcht vor Umzingelung. Wenn wir mutwillig versuchen sollten, sie zum rücksichtslosen Handeln zu verleiten, dann können wir am erfolgreichsten sein, wenn wir die atavistische Umklammerungsangst der Russen verstärken und sie an zwei Fronten bedrohen.“5
Statt jedoch diese >Urangst< der Russen ernst zu nehmen, wird eine Angst vor Russen geschürt, die Nuklearhysterie verbreitet und über die „nukleare Erpressung“ Russlands schwadroniert. Diese „Philosophie der Angst“ – dieses immer noch nicht überwundene Schlagwort „lieber tot als rot“ – führt uns in die Irre, verstellt den Blick auf die realen Gefahren, die lauern, und verschleiert unser eigenes Unvermögen oder den Unwillen, uns in die Lage des Rivalen zu versetzen, um seine ureigenen, vitalen Lebensinteressen zu begreifen und notfalls anzuerkennen.
2. Karol Nawrockis Geschichtsklitterung
Bei der Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau beschuldigte der polnische Staatspräsident, Karol Nawrocki (geb. 1983), die UdSSR der Mittäterschaft am Holocaust und löste in Russland eine Welle der Empörung aus. Er äußerte sich dazu am 27. Januar 2026 in seiner Rede im Museum Auschwitz.
Seiner Ansicht nach trägt nicht nur Nazideutschland, sondern auch die Sowjetunion die Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Weil dieser Krieg zum Holocaust geführt habe, sei die UdSSR an dieser Tragödie mitschuldig. Folgt man dieser perversen Logik, dann müssten England und Frankreich ebenfalls am Holocaust mitschuldig sein.
Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 gaben Großbritannien und Frankreich eine formelle Garantieerklärung vom 31. März 1939 für die Unabhängigkeit Polens ab und festigten diese mit dem Beistandspakt vom 25. August 1939, um deutsche Expansionspläne zu stoppen. Dieser löste zwar nach dem deutschen Überfall am 1. September 1939 die Kriegserklärungen der Westmächte am 3. September 1939 aus, den Worten folgten aber keine Taten.
Die Westmächte haben Polen fallen gelassen und sich als Papiertiger erwiesen. Bis heute beschuldigt Polen den „Westen“ des Verrats an der polnischen Sache. Das hat aber Nawrocki, der selber ja ein Historiker ist, unter den Teppich gekehrt, als er Russland der Ungeheuerlichkeit beschuldigte. Dass die Rote Armee wegen der Befreiung Polens 600.000 sowjetische Soldaten und Offiziere verloren hat, hat Nawrocki anscheinend ebenfalls „vergessen“.
Mehr noch: In seiner Rede verstieg er sich zu der Äußerung: „Polen hat die UdSSR und die Bolschewiki besiegt. Finnland hat die UdSSR und die Bolschewiki besiegt. Die Japaner und Afghanen haben die Sowjetunion besiegt.“
Nawrockis Aussagen kommentierte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, mit den Worten: Sie stellen eine „Verhöhnung des Andenkens an die Opfer des Holocaust“ dar. Als Historiker musste der junge polnische Präsident eigentlich einen brachialen Antisemitismus im Polen der Vorkriegszeit sowie die polnische Kollaboration mit den Nazis kennen, die sich aktiv an der Verfolgung der Juden durch die deutschen Besatzungstruppen sowie durch die SS und die Polizei in Polen beteiligte.
Nicht vergessen werden darf auch die Zerschlagung der Tschechoslowakei, an der Polen sich im Oktober 1938 aktiv beteiligte, indem es nach dem Münchner Abkommen ein Ultimatum stellte und Teschener Schlesien besetzte. Der Einmarsch wurde als „historische Gerechtigkeit“ für die Grenzziehung von 1920 verklärt.
Überliefert ist in diesem Zusammenhang ein 1938 stattgefundenes Gespräch zwischen dem polnischen Botschafter in Frankreich, Juliusz Łukasiewicz (1936-1939), und seinem US-amerikanischen Amtskollegen, W. Bullitt. Darin erklärte Łukasiewicz: „Wenn die Sowjetunion der Tschechoslowakei Hilfe leistet, ist Polen bereit, Seite an Seite mit Deutschland gegen die UdSSR zu kämpfen. Die polnische Regierung ist zuversichtlich, dass die russischen Truppen innerhalb von drei Monaten vollständig besiegt sein werden und Russland dann nicht einmal mehr den Anschein eines Staates erwecken wird.“
Zur Erinnerung6: Am 6. November 1918 wurde in Krakau feierlich die Polnische Republik, ein neuer europäischer Staat, ausgerufen. „Polen, als größter und mächtigster der neuen europäischen Staaten, könnte sich leicht eine Einflusssphäre sichern, die sich von Finnland bis zum Kaukasus erstreckt“, erklärte das erste polnische Staatsoberhaupt, Józef Piłsudski (1867-1935).
Der damals junge Józef Beck (Piłsudskis engster Vertrauter und von 1932 bis 1939 polnischer Außenminister) verriet, wie das junge Polen versuchte, diese „Sphäre“ zu sichern: „In den ukrainischen Dörfern haben wir jeden umgebracht und alles niedergebrannt, der auch nur den geringsten Verdacht auf Illoyalität hatte. Ich selbst habe die Arbeit mit einem Gewehrkolben erledigt.“
Zur gleichen Zeit stellten ethnische Polen in der damaligen Republik 54,5 % der Bevölkerung, Ukrainer 17,2 %, Juden 10,6 %, Deutsche 8,3 % und Weißrussen 5 %. Die polnische Armee verfügte 1920 über mehr als 730.000 Mann mit 200 amerikanischen Panzerfahrzeugen und 300 Flugzeugen, 1.494 französischen Geschützen, ganz zu schweigen von Hunderttausenden von Gewehren und Maschinengewehren.
1922 eroberte Polen die Region Vilnius mit der Hauptstadt Litauens Wilno. Sowohl in Schlesien als auch in Pommern, das gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 an Piłsudski abgetreten wurde, wurde eine Politik der Entgermanisierung und Polonisierung energisch verfolgt, unter anderem durch organisierte Massenangriffe auf nichtpolnische Bevölkerung und die Fälschung von Volkszählungen.
400.000 Deutsche verließen Pommern. Die deutsche Bevölkerung sank zwischen 1921 und 1925 von 2,5 Millionen auf 1,032 Millionen. Nach einem ähnlichen Vorgehen unter direktem Einsatz des Militärs erreichte Polen am 15. November 1920, dass der Völkerbund Danzig zur „Freien Stadt“ erklärte.
Von den 410.000 Einwohnern der Stadt waren 95 % ethnische Deutsche. Im Stillen verstärkten die Polen nach und nach ihre Garnison und setzten die Polonisierung der einheimischen Bevölkerung, die an Völkermord grenzte, um, wie sie es bereits in Belarus, der Ukraine und Schlesien versucht haben.
Als 1935 die Nachricht vom Tod des polnischen Staatspräsidenten, Józef Piłsudski, die Reichshauptstadt Berlin erreichte, sorgte sie für großes Aufsehen. Göring ging in Polen in der ersten Reihe hinter dem Leichnam. Alle großen deutschen Zeitungen brachten Beileidsbekundungen auf der Titelseite. Der Völkische Beobachter schrieb: „Das neue Deutschland senkt seine Fahnen und Standarten vor dem Sarg dieses großen Staatsmannes, der als Erster den Mut zu offenem Vertrauen und einem uneingeschränkten Bündnis mit dem Nationalsozialistischen Reich hatte.“
Adolf Hitler ordnete im Reich Staatstrauer an und sandte dem polnischen Präsidenten ein Telegramm, in dem er schrieb:
„Die Nachricht vom Tod Marschall Piłsudskis hat mich tief bewegt. Ich spreche Eurer Exzellenz und der polnischen Regierung mein aufrichtiges Beileid aus. Polen hat mit diesem Marschall, der nun in die Ewigkeit heimgerufen wurde, den Schöpfer seines neuen Landes und seinen treuesten Sohn verloren. Gemeinsam mit dem polnischen Volk trauert auch das deutsche Volk um den Tod dieses großen Patrioten, der durch seine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Deutschen nicht nur unseren Ländern einen großen Dienst erwiesen, sondern auch unschätzbare Hilfe bei der Befriedung Europas geleistet hat.“
An Piłsudskis Ehefrau Aleksandra schrieb Hitler: „Die traurige Nachricht vom Tod Ihres Mannes, Seiner Exzellenz Marschall Piłsudski, hat mich tief getroffen. Liebe Frau Piłsudski und Familie, bitte nehmen Sie mein tief empfundenes Mitgefühl entgegen. Ich werde das Bild des Verstorbenen stets in dankbarer Erinnerung bewahren.“
Darüber hinaus ordnete Hitler eine Messe im Berliner Dom an Pilsudskis symbolischem Sarg an. Dieser Moment ist auf dem Foto festgehalten und kann im Internet angesehen werden7.
Nach der Trauerfeier für den leeren Sarg erwies die NS-Ehrenwache dem Sarg militärischen Ehren. Gerüchten zufolge war dies das letzte Mal, dass Hitler an einer Trauerfeier teilnahm. Hitlers tiefe Zuneigung zu Pilsudski zeigte sich auch in seinen Worten, die er angeblich am 1. September 1939 geäußert haben soll: „Wenn Pilsudski noch am Leben wäre, hätte es keinen Krieg gegeben.“
1922 schrieb der große Liberale Italiens, Francesco Nitti (1868-1953): „Das ganze System des Versailler Friedensvertrages basiert auf Polen, also auf einem Staat, der fast zur Hälfte nationalfremde Elemente besitzt, neue Gebiete sucht, ungerechterweise Städte fremder Staaten wie Wilna besetzt hält und nach stets weiterer Ausdehnung giert, ohne die viel zu vielen Gebiete, die man ihm zugesprochen in Ordnung halten zu können.“8
Der Versailler Friedensvertrag sah nach Nittis fester Überzeugung für Polen eine doppelte Rolle vor: zum einen Russland von Deutschland zu trennen und zum anderen Deutschland militärisch zu bedrohen. In Anbetracht dieser geopolitischen Analyse prophezeite Nitti bereits im Jahr 1925 die kommenden Kriege: „Ohne Notwendigkeit wurden Polen absolut russische wie auch absolut deutsche Gebiete zuerkannt. Ein freies selbständiges Finnland war ein Bedürfnis, das selbst vom sowjetischen Russland ohne weiteres zugegeben wurde … Aber dass man von Russland gleichzeitig eine große Anzahl Gebiete Ostgaliziens und bei dieser Gelegenheit auch Bessarabien abtrennte und dass man über dies versuchte, ihm auch noch die Kaukasusrepubliken wegzunehmen, das war ein Irrtum … Ist nicht dies alles ein Grund für unvermeidliche zukünftige Kriege?“9
Der Expansionsdrang, der brutale Nationalismus in Verbindung mit einem extremen Antisemitismus, die Diskriminierung und Verfolgung nationaler Minderheiten im eigenen Land, eine feindselige Außenpolitik gegenüber einem ideologischen und geopolitischen Feind Sowjetrussland und nicht zuletzt eine maßlose Überschätzung der eigenen militärischen Stärke wurden Polen letztlich zum Verhängnis. 1939 hat Polen dafür mit erneutem Verlust seiner Staatlichkeit und der weitgehenden Verwüstung des Landes einen hohen Preis zahlen müssen.
Und heute? Polen hat offenbar mit seiner feindseligen antirussischen Außenpolitik aus seiner leidvollen Geschichte nichts gelernt. Mit ihrer zur Schau gestellten, etwas gekünstelten, aber trügerischen Selbstsicherheit wiederholt die polnische Machtelite die Fehler der Zwischenkriegszeit, indem sie sich maßlos überschätzt.
Sich in einer trügerischen Sicherheit zu wiegen und zu hoffen, dass die Nato im Notfall zu Hilfe eilen wird, kann unter Umständen ein sehr gefährliches Unterfangen werden – erst recht, wenn Polen heutzutage keine Konfrontation mit Russland auslässt, wie man an der zitierten Äußerung des jungen polnischen Präsidenten ablesen kann.
Vor dem Hintergrund der eben skizzieren Nuklearhysterie und am Beispiel der zitierten Äußerungen des polnischen Staatsoberhaupts, der ganz bewusst eine Geschichtsklitterung betreibt und sich damit voll und ganz im Trend der Geschichtspolitik in Europa befindet, die noch mehr antirussische Ressentiments schürt, da kann man sich nur an den Kopf fassen und mit dem Emeritus, Christoph Türcke (geb. 1948), fragen: „Wenn der Verstand das logische Korsett ist, das die Realität abwehrt, verbiegt und verstellt; wenn Kunst heißt, ein Lügengespinst zu zerreißen, das Gespinst aber selbst Kunst ist, denn Verstellung ist Kunst – wie soll man da kein toller Mensch werden?“10
Anmerkungen
1. Zitiert nach Lachman, D., Der programmierte Börsencrash, Handelsblatt, 4.09.25, S. 20.
2. Silnizki, M., Friedrich Merz in seinem Element. Unterwegs mit einem außenpolitischen Abenteurer.
13. Juli 2025, www.ontopraxiologie.de.
3. Schmidt, H., Einleitung, in: Kahn, H., Eskalation. Die Politik mit der Vernichtungsspirale. Berlin
1967, 24.
4. Schmidt, H., Verteidigung oder Vergeltung. Ein deutscher Beitrag zum strategischen Problem der Nato.
Stuttgart. 4. Aufl. 1965, 241 f.
5. Ball, G. W., Kalte Kriegsmanie im Weißen Haus, in: Bittorf, W. (Hg.), Nachrüstung. Der Atomkrieg rückt
näher. Spiegel-Verlag. Hamburg 1981, 167-170 (169).
6. Zum Nachfolgenden siehe Виктор Стариков, Великопольский суицид: Варшава помогла Гитлеру
поджечь фитиль Второй мировой войны. 15. января 2020.
7. Siehe „Trauerfeier für Josef Pilsudski Hedwigs-Kathedrale in Berlin am 18. Mai 1935“. Bundesarchiv-
Bilddatenbank.
8. Nitti, F., Der Niedergang Europas. Die Wege zum Wiederaufbau. Frankfurt 1922, 197.
9. Nitti, F., Der Friede. Frankfurt 1925, 10 f.
10. Türcke, C., Der tolle Mensch. Nietzsche und der Wahnsinn der Vernunft. Frankfurt 1989, 58.