Verlag OntoPrax Berlin

Steht die Nato vor dem Aus?

In schweres Fahrwasser geraten

Übersicht

1. Vasallität oder Sklaverei?
2. Die Nato im Wandel der Zeit
3. Trumps sicherheitspolitische Outsourcing-Philosophie

Anmerkungen

„Now this is not the end. It is not even the beginning of the end.
But it is, perhaps, the end of the beginning.“
(Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom
Ende. Aber es ist vielleicht das Ende des Anfangs)
(Winston Churchill, 10. November 1942)

„Wer die Nato heute infrage stellt, riskiert den Vorwurf der Naivität oder des Verrats. Debatten
sind unerwünscht. Zweifel gelten als gefährlich. Die Organisation, die einst Katastrophen
verhindern sollte, betrachtet Katastrophen nun als Beweis ihrer Relevanz.“
(John Mac Ghlionn, The Hill, 23.01.2026)1

1. Vasallität oder Sklaverei?

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte der belgische Premier, Bart de Wever, am 20. Januar 2026 mit Blick auf Europas Abhängigkeit von den USA, dass es einen Unterschied zwischen einem „glücklichen Vasallen“ und einem „miserablen Sklaven“ gebe.

„Ein glücklicher Vasall zu sein, ist eine Sache. Ein miserabler Sklave zu sein, ist etwas anderes“ (Being a happy vassal is one thing. Being a miserable slave is something else), sagte er und fuhr fort: „Wenn jemand sagt: >Ich will euch Nato-Gebiet wegnehmen, sonst beginne ich einen Handelskrieg<, dann werden wir einen Handelskrieg beginnen. Es hat keinen Sinn mehr, nachgiebig zu sein. Wenn Sie jetzt zurückweichen, verlieren Sie Ihre Würde.“

Diese selbstbezichtigende Äußerung eines europäischen Spitzenpolitikers ist sehr bemerkenswert. Ob der belgische Premier so richtig verstanden hat, wie selbstentlarvend doch seine Äußerung war, die Würde des Menschen nicht etwa auf dessen unveräußerliche Freiheit, sondern auf das Dasein eines „glücklichen Vasallen“ zu beziehen.

Soll das also heißen, dass im Verhältnis zwischen Europa und Amerika die Alternative zur Aufrechterhaltung der eigenen Würde nicht frei oder unfrei, sondern ein „glücklicher Vasall“ oder ein „miserabler Sklave“ zu sein bedeutet? Zwar ist die Erkenntnis nicht ganz neu, dass zwischen Europa und Amerika ein Vasallenverhältnis besteht. Doch so offen hat bis jetzt noch kein EU-Spitzenpolitiker gesagt.

Tatsache ist, „dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern. Deutschland steht unter der Zwangsherrschaft des US-Imperialismus, ist ein tributpflichtiger Vasallenstaat“, schrieb Brzezinski in den 1990er-Jahren.2 Bereits 1958 stellte Kurt-Georg Kiesinger unumwunden fest: „Wir sind doch faktisch ein Protektorat der Vereinigten Staaten.“3 Was sonst!?

Geschichte der Allianzen ist immer eine Geschichte des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen den Staaten, weil jede Allianz nicht nur ein freiwilliger Zusammenschluss unter gleichberechtigten und/oder gleichstarken Partnern ist, sondern sich auch oft als ein Unterwerfungsverhältnis darstellt. Vor allem im klassischen Altertum waren Allianzen „oft genug die Vorstufe der Vasallität mit Tributpflicht und schließlich der Eingliederung in den Reichsverband der Schutzmacht.“4

Die Nato-Allianz, die in Friedenszeiten für andere Zwecke als einen gemeinsamen Krieg geschlossen wurde und mittlerweile bereits eine halbe Ewigkeit besteht, befand sich schon immer in einem Spannungsverhältnis „zwischen den beiden Extremen: Mitbestimmung der kleineren Verbündeten über die Politik der größeren und Führungsherrschaft der Schutzmacht, also Hegemonie“ (ebd.).

Was aber heute vor unseren Augen stattfindet, ist etwas ganz anderes. Das ist mehr als nur eine erneute, vorübergehende Spannung innerhalb der Allianz. Das ist womöglich der Anfang vom Ende.

Das ist die Sinnkrise eines Bündnisses, das aus der Zeit gefallen ist, in einem zeitlosen Zustand verharrt und immer noch glaubt, neue Bastionen an der sog. „Ostflanke“ und neuerdings auch an der Nordflanke in der Arktisregion (Grönland, Island, Norwegen, Schweden, Finnland) aufbauen zu müssen, als würde Russland das Nato-Gebiet schon morgen angreifen wollen.

Das Komische daran ist nur, dass der Anführer des Bündnisses – Trumps Amerika – in Russland keinen Feind mehr sieht, wohingegen die Bewahrer der reinen Lehre – die europäischen Nato-Zwerge – nach wie vor die „Gefahr aus dem Osten“ kommend sehen und nicht einmal im Traum daran denken, auf ihre lieb gewordenen Denkgewohnheiten verzichten zu müssen.

Die transatlantischen Bündnisgenossen sind sich dabei untereinander nicht mehr grün, da sie einen unlösbaren strategischen Dissens haben: Sie marschieren nicht mehr im gleichen Schritt und Tritt, sondern in ganz entgegengesetzte Richtungen. Die europäische Kriegspartei hat mit Trumps Amerika einen „guten Kameraden“ verloren und einen „besseren“ werden sie wohl „nit“ finden, der an ihrer „Seite im gleichen Schritt und Tritt“ gehen wird.

Trumps Amerika und der EU fehlt mittlerweile eine gemeinsame geo- und sicherheitspolitische Strategie, die eine Allianz zusammenhält. Allianzen sind „nur so viel wert wie ihre Fähigkeit, ihren Zweck zu erfüllen. In diesem Sinne sind Allianzen identisch mit ihrer Strategie. … Die Frage nach der Allianzstrategie ist immer die Frage nach der Hierarchie der Sicherheitsinteressen und nach der Verteilung der Macht in einem Bündnis.“5

Trumps „Grand Strategy“6 wünscht sich ein Ende des Krieges in der Ukraine, muss aber feststellen, dass seine europäischen Bündnisgenossen nicht nur dagegen steuern, sondern verbissen und gehässig auch noch mehr Öl ins Feuer des Krieges gießen – in der Hoffnung, der Krieg werde sich auf wundersamer Weise in einen von ihnen diktierten Frieden verwandeln.

Diese starre und unbewegliche Haltung der europäischen Kriegspartei stößt immer mehr auf Trumps Aggression, die sich nicht nur an den zahlreichen abfälligen Äußerungen, sondern auch an seiner immer deutlich werdenden Anti-Europapolitik zeigt. Nicht von ungefähr verstieg sich einer seiner Protagonisten zu der Äußerung: „Greenland Is a Punishment for Europe’s Role in Ukraine. Europeans can expect more of the same until they get with the peace program“ (Grönland ist eine Strafe für Europas Rolle in der Ukraine. Die Europäer müssen damit rechnen, dass sich das Gleiche wiederholt, bis sie sich dem Friedensplan anschließen)7.

Die geo- und sicherheitspolitische Großwetterlage hat sich in den vergangenen vier Jahren seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine drastisch zu Lasten des transatlantischen Bündnisses geändert. Trumps Amerika hat im Gegensatz zu Europas Führungspersonal längst verstanden, dass die Nato-Allianz heute nicht mehr das ist, was sie noch vor dem Kriegsausbruch war.

Aus Trumps Sicht ist es darum nur folgerichtig, sich strategisch neu aufzustellen, um zu retten, was noch zu retten ist8, bevor es zu spät ist. Dass Trumps Strategie vor allem zu Lasten der europäischen Nato-Verbündeten geht, versteht sich ganz von selbst. Die Empörung des belgischen Premiers, Bart de Wever, ist darum nicht ganz unbegründet, verrät aber zugleich die ganze Ohnmacht und Hilflosigkeit des verzwergten Europas. Es befindet sich selbstverschuldet schon lange „in einem geopolitischen Abseits“9, muss sich aber selbst diesen beklagenswerten Zustand ankreiden und den Vorwurf der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gefallen lassen.

Bereits 2004 stellte Ulrich Menzel fest: „Nicht nur sicherheitspolitisch ist Europa Trittbrettfahrer der USA, auch die sozialstaatliche Abfederung des europäischen Paradieses ist nur möglich, weil die USA den Militärausgaben gegenüber den Sozialausgaben mehr Gewicht beimessen.“10

Die geo- und sicherheitspolitische Trittbrettfahrer-Mentalität rächt sich heute umso mehr, als die EU-Europäer schmerzlich feststellen müssen, wie sehr sie infolge ihrer eigenen, geopolitisch halbierten und sicherheitspolitisch nichtexistenten Souveränität von Trumps Amerika vorgeführt werden.

Von einer „geopolitischen Kommission“ sprach die deutsche EU-Kommissionspräsidenten, Ursula von der Leyen, hochtrabend schon im Jahr 2019. Diese sucht man allerdings bis heute vergeblich mit der Lupe. Weder Trump noch Putin nehmen die EU heute geopolitisch ernst. Heute wären Bart de Wever und Co. schon froh, wenigstens als ein „glücklicher Vasall“ und nicht als ein „miserable Sklave“ behandelt und nicht vor den Pforten der Macht abgewiesen zu werden.

Ja, die Macht! Wie besessen trachten wir immer und immer wieder nach der Macht und noch mehr Macht, um sich im grellen Lichte der Macht zu sonnen und bloß nicht „nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde“ (Goethe)11 zu bleiben.

Und sollten wir von der Macht abgewiesen werden, so verlangen wir wenigstens Freiheit und Gerechtigkeit, was letztlich – wie Nietzsche einst lehrte – auf ein und dasselbe hinausläuft: „Man will Freiheit, solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie, will man Übermacht; erringt man sie nicht …, will man Gerechtigkeit, d. h. gleich Macht“ (Der Wille zur Macht, Nr. 784).

2. Die Nato im Wandel der Zeit

„United West, divided from the rest“ (Der vereinte Westen, vom Rest der Welt getrennt). Unter dieser Schlagzeile veröffentlichte die 2007 mit Hauptsitz Berlin gegründete Denkfabrik „European Council on Foreign Relations“ (ecfr.eu) ein Jahr nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine am 22. Februar 2023 ihre Umfrageergebnisse über die „Global public opinion“ bezüglich des Ukrainekonflikts.

„The united West is dead“ (Der vereinte Westen ist tot)! Unter dieser Schlagzeile veröffentlichte die gleiche Denkfabrik nunmehr knapp drei Jahre später am 15. Januar 2026 in Politico diese traurige Todesanzeige. Voller Trauer und Entsetzen über den „Tod“ des Verstorbenen und den Verlust des >geliebten< „vereinten Westens“ schreibt Mark Leonard (Direktor und Mitbegründer des European Council on Foreign Relations) in seiner Traueranzeige:

„Die internationale liberale Ordnung neigt sich dem Ende zu. Tatsächlich könnte sie bereits tot sein. Der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses, Stephen Milleräußerte sich vergangene Woche ähnlich, als er sich über die US-Intervention in Venezuela und die Festnahme des Diktators Nicolás Maduro freute: >Wir leben in einer Welt, die von Stärke, von Gewalt und von Macht beherrscht wird … Das sind die ehernen Gesetze der Welt<.“

Auf Millers Freude über die Festnahme des venezolanischen Staatspräsidenten reagierte Leonard vorwurfsvoll mit der Replik: „But America’s 47th president is equally responsible for another death — that of the united West“ (Der 47. US-Präsident trägt aber gleichermaßen die Verantwortung für einen anderen Tod – den des vereinten Westens).

Die Europäer haben bereits längst erkannt, „dass Washington eher Feind als Freund ist“ (Washington is more foe than friend), fügte Leonard gleich hinzu. Ja, die Europäer! Sie fühlen sich von Gott und der Welt verlassen und vom „Gottvater“, genannt „Daddy“ (Mark Rutte), im Stich gelassen.

76 Jahre lang wohnten sie gemütlich in einem prachtvollen Elternhaus mit dem Spitznamen „Nato“ und jetzt vertreibt der „Daddy“ sie aus diesem lieb gewordenen Palast. Jetzt müssen sie wohl in ihrem greisen Alter in einer schmucklosen Baracke wohnen und sehen, wie sie da zurechtkommen. Ungeheuerlich! Nun ja, die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Stimmung in der Allianz.

Die US-Europa- und Allianzpolitik vollzieht vor unseren Augen einen zu Zeiten der Biden-Administration nicht für möglich gehaltenen rasanten Transformationsprozess. Russland soll auf einmal nicht mehr der Todfeind der USA und Europa nicht mehr Freund für die Ewigkeit sein. „Trumps außenpolitische Revolution?“12 Wirklich?

Russland ist kein Feind mehr, aber auch kein Freund und Europa ist kein Freund mehr, aber auch kein Feind. Weder Freund noch Feind! Was dann? Was wird nun aus der Nato-Allianz? Ein Verein, der mehr als nur ein lockerer Zusammenschluss, aber weniger als ein festes Bündnis ist?

Kehren wir etwa zu den Zeiten vor dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zurück, in denen feste und unbefristete Bündnisse die seltene Ausnahme waren, „eben weil das europäische Staatensystem auf der Beweglichkeit der Machtverteilung zwischen den Staaten, auf der Begrenzung und der Revision von Engagements, auf einem Wechselspiel der nationalen Interessen und auf leicht veränderlichen Konstellationen zwischen ihnen beruhte“13?

Schwebt der Trump-Administration heute womöglich ebenfalls so ein globales Staatensystem vor, das „auf der Beweglichkeit der Machtverteilung“ und „einem Wechselspiel der nationalen Interessen“ beruht? Das wäre dann eine traditionelle europäische Politik des Machtgleichgewichts. Gegen diese unorthodoxe US-Außenpolitik wird aber seitens der Kriegsfalken und Ewiggestrigen diesseits und jenseits des Atlantiks heftig opponiert.

Vor allem die Neocons sind aufgebracht. Unlängst veröffentlichte der berühmt-berüchtigte Robert Kagan, der im Vorfeld des Irakkrieges 2003 Furore machte und mit seinem provokanten Spruch „Amerikaner sind vom Mars, Europäer von der Venus“14 Europa in Aufruhr versetzte, am 18. Januar 2026 einen zornigen Artikel „America vs. the World“ in The Atlantic.

Darin schreibt er empört bereits im Untertitel: „President Trump wants to return to the 19th century’s international order. He will leave America less prosperous—and the whole world less secure“ (Präsident Trump will zur internationalen Ordnung des 19. Jahrhunderts zurückkehren. Er wird Amerika weniger wohlhabend und die ganze Welt unsicherer machen).

„Die von den USA dominierte liberale Weltordnung ist am Ende“ (The American-dominated liberal world order is over), entrüstet sich Kagan und will genauso wenig, wie die Gleichgesinnten in Europa, wahrhaben, dass die Neocons wie Kagan und die sog. „liberalen Internationalisten“ (und nicht Trump) es mit ihrer gut zwei Jahrzehnte lang andauernden brutalen Interventions- und Invasionspolitik waren, die die US-Hegemonie überdehnt und dadurch geschwächt haben.

Stattdessen macht Kagan ausgerechnet Trump, der zwar auch nicht gerade aus dem Schöngeist-Verein stammt, damit aber nichts zu tun hat, für diese Entwicklung verantwortlich.

„Nicht etwa, weil die USA sich als unfähig erwiesen hätten, sie aufrechtzuerhalten. Vielmehr ist die amerikanische Ordnung deshalb beendet, weil die USA beschlossen haben, ihre historisch beispiellose Rolle als Garant globaler Sicherheit nicht länger zu spielen. Die amerikanische Macht, die die Weltordnung der letzten 80 Jahre stützte, wird nun stattdessen zu deren Zerstörung eingesetzt“, schreibt Kagan aufgebracht.

Es ist zwar in der Tat nicht von der Hand zu weisen, dass Trump mit seiner rücksichts- und gnadenlosen Außenpolitik den letzten Nagel in den Sarg der US-Hegemonie schlagen könnte. Solche Nostalgiker wie Kagan haben aber immer noch nicht begriffen oder wollen nicht begreifen, dass „die Weltordnung der letzten 80 Jahre“ (the world order of the past 80 years) nicht mehr existiert. Sie versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten ist, und aufzuhalten, was nicht mehr aufzuhalten ist. Ein solches Unterfangen wäre genauso erfolgreich, wie wenn man versucht hätte, sich bei einem Schiffbruch an den Wogen festhalten zu wollen.

Die Weltordnung(en) der vergangenen achtzig Jahre15 sind genauso vorbei, wie die Blockkonfrontation des „Kalten Krieges“, auch wenn das erstarrte und versteinerte Blockdenken der Transatlantiker immer noch präsent und allgegenwärtig ist. Deswegen reagieren sie so irritiert und gereizt auf Trumps neue Geo- und Sicherheitspolitik, die auf Distanz zu europäischen Nato-Verbündeten geht und zugleich versucht, einen Modus Vivendi mit Russland zu finden.

Ob dieser Versuch ehrlich gemeint ist, sei dahingestellt. Der Zusammenprall der gegensätzlichen Machtinteressen innerhalb des mittlerweile auseinanderdriftenden Bündnisses ist jedenfalls nur schwer abzuwenden, ist doch die EU-Führungsschicht weder gewillt noch in der Lage, von ihrem Gewohnheitsdenken und Feindbildern loszuwerden. Die mit Trump neuentstandene geopolitische Realität lässt freilich den EU-Machteliten keine andere Wahl, als sich anzupassen oder unterzugehen.

Das Denken in Kategorien des „Kalten Krieges“ hat sich überlebt, ausgedient und ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Ein erneutes Tauwetter zwischen Russland und den USA hat den Stellenwert der Nato-Allianz für Trumps Amerika genauso nivelliert, wie Trumps fortschreitende Ökonomisierung der Sicherheitspolitik den Sinn und Zweck des Bündnisses verstellt.

Es ist heute genau das eingetreten, wovor General de Gaulle vor knapp sechzig Jahren gewarnt hat. Zu Bundeskanzler Kiesinger sagte er im Januar 1967 in Paris: „Seine größte Sorge über die Zukunft Europas sei der Verlust des Willens zu eigenen Anstrengungen und Selbstbehauptung als Folge der Gewöhnung an das amerikanische Militärprotektorat über Westeuropa in der Entfremdung von der Verantwortung für die eigene Sicherheit und Unabhängigkeit unter dem Schirm eines Bündnisses, das unter fremden – amerikanischen – Befehl stehe.“16

Noch fünfzehn Jahre später kritisierte der Vater der Containment-Politik, Georg F. Kennan (1904-2005), die Westeuropäer dafür, dass diese „sich seit dem Kriege stärker an uns angelehnt“ haben, „als für Westeuropa gut ist. Wir sind für unsere europäischen Verbündeten zu einer Art Zuflucht geworden. In ihren Augen haben wir sie der Notwendigkeit enthoben, eine eigene Politik gegenüber Osteuropa oder Deutschland zu entwickeln, was für sie natürlich sehr bequem ist; aber das muss jetzt aufhören. Es wäre nur von Vorteil, wenn die Amerikaner sich allmählich zurückzögen und die Westeuropäer allmählich eine weit größere Verantwortung für das übernehmen, was im Wesentlichen schließlich ihre eigene militärische und politische Zukunft ist. Ich sehe … keinen Grund, warum Westeuropa nicht eine eigene konventionelle Streitmacht aufbauen sollte. In Bezug auf Bevölkerungsgröße und Industriepotential ist Westeuropa den Sowjets zumindest gleichwertig.“17

Trumps Europa- und Sicherheitspolitik ist, wie man sieht, nicht einmal originell und hat ihre Vor- und Nachdenker, die weit in die Zeiten des „Kalten Krieges“ zurückreichen.

3. Trumps sicherheitspolitische Outsourcing-Philosophie

Der jahrzehntelang geübte Selbstverzicht Europas auf einen eigenen Selbstbehauptungswillen rächt sich heute doppelt und dreifach. Zum einen ist der US-Protektor kein gütiger Hegemon und Europa kein „glücklicher Vasall“ mehr. Die EU-Staaten (allen voran Deutschland) geraten neuerdings nicht nur sicherheitspolitisch, sondern mit wachsender Tendenz nunmehr auch energiepolitisch in eine Abhängigkeit von den USA, nachdem sie sich für teure amerikanische „Moleküle der Freiheit“ und gegen billiges russisches „autokratisches“ Gas entschieden haben.

Ende Mai 2019 bezeichneten zwei Vertreter des US-Energieministeriums auf der Clean Energy Conference in Vancouver US-amerikanisches LNG als „Freiheitsgas“ und „Moleküle der amerikanischen Freiheit“. Seitdem spotten die Russen über das irrwitzige Geschäftsgebaren der EU-Europäer, die die teuren und unsicheren „Moleküle der Freiheit“ zum Schaden der eigenen Volkswirtschaften bevorzugen.

Am 18 Januar 2026 berichtete Politico: „Fears grow over Europe’s soaring dependence on US gas imports. American LNG was meant to be a safe alternative to Russian gas. That’s no longer a given, with transatlantic relations in crisis“ (Die Sorgen über Europas steigende Abhängigkeit von US-Gasimporten wachsen. Amerikanisches LNG sollte eine sichere Alternative zu russischem Gas sein. Angesichts der Krise in den transatlantischen Beziehungen ist das nicht mehr selbstverständlich).

Die EU werde voraussichtlich bis zum Ende des Jahrzehnts fast die Hälfte ihres Gases aus den USA beziehen, was eine große strategische Verwundbarkeit für Europa darstelle, da die Beziehungen zu Washington einen Tiefpunkt erreicht haben, schreiben Politico-Autoren, Ben Munster und Victor Jack.

„Die zunehmende Abhängigkeit der EU von Importen des US-Flüssigerdgases hat eine potenziell risikoreiche neue geopolitische Abhängigkeit geschaffen“, stellte auch Ana Maria Jaller-Makarewicz (leitende Energieanalystin am Institute for Energy Economics and Financial Analysis) fest.

Und ihre Fachkollegen, Raffaele Piria und Hannah Lentschig, schreiben am 29. Januar 2026 in einem gemeinsamen Gastkommentar fürs Handelsblatt: „Die rasch wachsende Abhängigkeit Europas von amerikanischem Gas ist eine strategische Fehlentwicklung“, denn „Energie ist längst ein geopolitisches Machtinstrument“ geworden und „die wachsende Marktmacht der USA“ erhöht „Europas Verwundbarkeit gegenüber geopolitischem Druck“.

Zum zweiten führt die Kombination von der US-Prädominanz in der militärischen Kommandohierarchie der Nato und der US-Kernwaffensuprematie dazu, dass die EU-Europäer gegenüber der US-Hegemonialstellung innerhalb der Allianz wehrlos und der potentiellen Machtwillkür des US-Hegemonen völlig ausgeliefert sind.

Diese Schutzlosigkeit und sicherheitspolitische Ohnmacht nach innen macht Europa anfällig für jede Art der Erpressbarkeit seitens seines „Schutzpatrons“ – selbst dann, wenn es um seine eigenen existentiellen Lebensinteressen geht.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine berechtigte Frage: Wer ist dann überhaupt eine größere Gefahr für Europa: der „Außenfeind“ Russland oder der „Freund“ die USA? Die Antwort findet man in einem Kissinger zugeschriebenen Bonmot: „Amerikas Feind zu sein, kann sehr gefährlich sein. Aber Amerikas Freund zu sein, ist tödlich.“

Wieso klammert sich Europa überhaupt so verkrampft und ängstlich an die Allianz als vermeintlichen Rettungsanker? Aus Angst vor Russland? Wohl kaum! Denn es ist noch lange nicht ausgemacht, dass Amerikas nukleare Schutzgarantie im Falle des Falles auch wirksam wird, wie Wadephul zuletzt bei einem Treffen mit seiner schwedischen Kollegin Stenergard am 26. Januar 2026 in Stockholm zu wissen glaubte.

Es ist vielmehr jener auf Carl Schmitt zurückgehende, ontologische Begriff der Feindschaft, die in Russland einen existenziellen, die westliche Zivilisation bedrohenden „absoluten Feind“ sieht18. Mit einem solchen Feind verhandelt man nicht, sondern führt einen totalen Vernichtungskrieg, um ihm „eine strategische Niederlage“ zuzufügen.

Wie auch immer, das sich neuformierte, amerikanisch-russische Tandem und die Ökonomisierung der Sicherheitspolitik durch die Trump-Administration haben die traditionelle Bedeutung der Nato-Allianz als Verteidigungsbündnis (zurzeit des „Kalten Krieges“), das in Zeiten der Unipolarität längst zu einem Angriffsbündnis geworden ist, nivelliert und deren Stellenwert für die beiden Partner auf unterschiedliche Art und Weise depraviert.

Trumps ökonomischer und friedenspolitischer Druck auf Europa erhöht einerseits die Entfremdung zwischen den zwei zerstrittenen Allianzpartnern und entwertet dadurch die sicherheitspolitische Relevanz der Allianz. Andererseits verliert die Nato strategisch an Bedeutung für Trumps „Grand Strategy“19.

Seine neue Europa- und Sicherheitspolitik läuft letztendlich darauf hinaus, die US-Rüstungsgeschäfte mit den europäischen Nato-Partnern von den Sicherheitsrisiken, die sich aus dem Art. 5 des Nato-Vertrages ergeben, zu entkoppeln, was den Sinn und Zweck des Bündnisses auf den Kopf stellt und den Stellenwert der Allianz für Europa devalviert.

Diese Feststellung bestätigt gerade die vom US-Kriegsministerium am 23. Januar 2026 veröffentlichte neue nationale Verteidigungsstrategie. Das Pentagon geht davon aus, dass sich Russland für die Nato-Mitglieder in Osteuropa auf absehbare Zeit als eine „anhaltende, aber beherrschbare“ Bedrohung darstellen wird.

Das neue Strategiepapier sieht vor, dass die Nato-Verbündeten die Führung bei der Verteidigung ihrer eigenen Interessen übernehmen, wohingegen Washington „aktiv und furchtlos die amerikanischen Interessen in der westlichen Hemisphäre verteidigen“ wird. Dabei übt es eine scharfe Kritik an der europäischen Politik und erklärt die Absicht, die Militärhilfe für Verbündete zu reduzieren, damit diese „beginnen, auf eigenen Beinen zu stehen“.

„In Europa und anderswo werden die Verbündeten eine führende Rolle bei der Abwehr von Bedrohungen spielen, die für sie schwerwiegender sind als für uns“, heißt es im Strategiepapier. Russland wird nach Einschätzung Pentagons zwar mit wirtschaftlichen und demografischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, aber weiterhin eine Macht mit einem starken Militär, einer starken Industrie und dem größten Atomwaffenarsenal der Welt sein.

Das Pentagon wird darum die Einsatzbereitschaft der US-Streitkräfte zur Verteidigung des Landes gegen russische Bedrohungen sicherstellen, zugleich aber die Rolle der USA in der Nato anpassen. Moskau sei zudem gar nicht in der Lage eine Hegemonie in Europa auszuüben, weil die europäischen Nato-Mitglieder Russland wirtschaftlich und bevölkerungsmäßig und damit auch militärisch überlegen seien, behauptet das Pentagon.

Diese Analyse des US-Kriegsministeriums ist weder neu noch originell. George F. Kennan vertrat bereits Anfang der 1980er-Jahre – also zu der Zeit, als die Sowjetunion viel mächtiger als das gegenwärtige Russland war, – die Auffassung: „Die Russen sind kaum in der Lage, aus unseren derzeitigen großen Schwächen Nutzen zu ziehen. Sie haben eigene Sorgen, die ausreichen, um ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen … Ich glaube deshalb nicht, dass sie in naher Zukunft aus dem beunruhigenden Zustand Westeuropas Kapital schlagen werden.“20

Die Russen haben auch heute wie in den 1980er-Jahren genug „eigene Sorgen, die ausreichen, um ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen“ und sind darum keine Gefahr für Europa.

All jenen, die Kriegshysterie schüren, sei gesagt: Putin hat keine Absichten Europa zu überfallen: weder heute noch morgen oder übermorgen. Das Pentagon weißt das ganz genau und fordert deswegen Europa dazu auf, im Falle des Ukrainekrieges die Führungsrolle zu übernehmen, „mit kritischer, aber begrenzter“ Unterstützung der Vereinigten Staaten.

Was Pentagons Strategiepapiere letztendlich zum Ausdruck bringen will, ist eine Art sicherheitspolitische Outsourcing-Philosophie – eine Auslagerung der von den USA bis dato erbrachten Sicherheitsdienstleistungen an die externen, sprich europäischen Nato-Verbündeten. Es geht mit anderen Worten um die Abwälzung der US-Sicherheitsrisiken der Konfrontation mit Russland auf die EU-Europäer – ungeachtet dessen, dass die Trump-Administration selber immer wieder betont, dass Russland keine Gefahr für Europa ist.

Nach dem Motto: „Sicher ist sicher“ wälzt Trump en passant die Sicherheitsrisiken der Konfrontation mit Russland auf die EU-Europäer ab und entwertet damit komplett die sicherheitspolitische Bedeutung des Bündnisses für Europa, wodurch die Nato de facto überflüssig wird. Diese Entwicklung ist zwar für das verängstigte Europa besorgniserregend, aber längst überfällig, weil die Nato mit dem Ende des „Kalten Krieges“ ein Anachronismus geworden ist.

Allein die Mentalität des „Kalten Krieges“ und die von der Clinton-Administration in Gang gesetzte Nato-Expansionspolitik21 hielten sie noch am Leben.

Mit dem Krieg in der Ukraine wurde eine weitere Nato-Expansion abrupt beendet und mit Trumps radikaler Wende in der Russland- und Ukrainepolitik trat ein Ereignis ein, das die geo-, sicherheits- und bündnispolitische Bedeutung der Allianz ins Gegenteil verkehrte: Nicht die USA müssen Europa mit Leib und Seele vom „aggressiven Russland“ schützen, sondern die US-Rüstungsindustrie muss mit ihren Waffenlieferungen Hilfe zur Selbsthilfe geben, damit die Europäer sich selbst beschützen können.

Lieber vom Krieg profitieren als daran beteiligt zu sein, ist das eigentliche Credo der Europa- und Allianzpolitik der Trump-Administration.

Der Wert Europas für Amerika war allerdings auch nie eine absolute, sondern immer eine veränderliche Größe und, über lange Zeit betrachtet, war er nie so gering, wie heute, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges!

Was folgt daraus für Europa? Es wird sich anpassen müssen, will es den geo- und sicherheitspolitischen Herausforderungen der Zeit gewachsen sein. Und die Nato? Sie ist das Relikt des „Kalten Krieges“ und hat die besten Zeiten hinter sich. Der Ukrainekrieg zeigt, dass der Proxykrieg der Nato-Allianz gegen Russland mittels der Proxyarmee des Kiewer Regimes nichts ausrichten kann und auf der ganzen Linie gescheitert ist.

Ihre Zeit ist längst abgelaufen. Die Nato-Kriegskameraden haben das nur noch nicht verstanden. Russland ist es gelungen, nicht nur die Ukraine, sondern mittlerweile auch die Nato zu entmilitarisieren. Mit dieser Nato ist heute weder ein Krieg noch ein Blumentopf zu gewinnen.

Der konservative britische Premier und Tory-Grandseigneur, Harold Macmillan (1957-1963), hat einmal gesagt, dass ein Politiker nur eines zu fürchten habe: „Events, dear boy, events“ (Ereignisse, mein lieber Junge, Ereignisse). Und die „Ereignisse“ der vergangenen 12 Monate und insbesondere des Monats Januar 2026 haben das verzwergte Europa das Fürchten gelehrt, seitdem Trump vor einem Jahr das Zepter der Macht in die Hand genommen hat. Auf die Fortsetzung dieses „Machtspielfestivals“22 in den kommenden Monaten darf man gespannt sein!

Anmerkungen

1. John Mac Ghlionn, America should withdraw from NATO immediately, The Hill, 23.01.2026.
2. Brzezinski, Z., The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, 1997, 94.
3. Der Spiegel vom 21.05.1958.
4. Ruehl, L., Machtpolitik und Friedensstrategie. Einführung General Steinhoff. Hamburg 1974, 99.
5. Ruehl (wie Anm. 4), 105.
6. Näheres dazu Silnizki, M., Trumps „Grand Strategy“. Im Kriegsschatten der Großmächte. 25. Oktober 2025,
www.ontopraxiologie.de.
7. Philip Pilkington, Greenland Is a Punishment for Europe’s Role in Ukraine. Europeans can expect more of
the same until they get with the peace program, The American Conservative, Jan 23, 2026.
8. Vgl. Silnizki, M., Trump versus Europa. Amerikas neue Sicherheitsdoktrin. Overton-Magazin, 14. Dezember
2025, www.ontopraxiologie.de (erschienen auch im Overton-Magazin, 11. Januar 2026).
9. Silnizki, M., Europa in einem geopolitischen Abseits, in: des., Anti-Moderne. US-Welthegemonie auf
Abwegen. Berlin 2021, 90 ff.
10. Menzel, U., Paradoxien der neuen Weltordnung. Politische Essays. Suhrkamp 2004, 113.
11. Näheres dazu Silnizki, M., Im Strudel der Macht und Ohnmacht. Gedanken und Reflexionen. 14. November
2022, www.ontopraxiologie.de.
12. Silnizki, M., Trumps außenpolitische Revolution? Vom „liberalen Interventionismus“ zum „aggressiven
Unilateralismus“. 29. Oktober 2025, www.ontopraxiologie.de.
13. Ruehl (wie Anm. 4), 100 f.
14. Robert Kagan, Power and Weakness, Policy Review, No. 113 (June and July 2002); Robert Kagan, Macht
und Ohnmacht. Amerika gegen Europa in der neuen Weltordnung. Berlin 2003; siehe auch Silnizki, M.,
„Mars“ oder „Venus“? Robert Kagan und der Ukrainekrieg. 21. September 2025, www.ontopraxiologie.de.
15. Vgl. Silnizki, M., Im Wandel der Nachkriegsordnungen. Auf dem Wege zu einem zivilisatorischen
Pluriversums? 28. September 2025, www.ontopraxiologie.de.
16. Zitiert nach Ruehl (wie Anm. 4), 146 f.
17. Kennan, G. F., Machtpolitik in Ost und west, in: George Urban, Gespräche mit Zeitgenossen. Acht Dispute
Über Geschichte und Politik. Weinheim & Basel 1982, 229-280 (242).
18. Vgl. Silnizki, M., Carl Schmitt und „der Begriff des Politischen“. Im Spiegel der geopolitischen Gegenwart,
3. November 2024, www.ontopraxiologie.de.
19. Näheres dazu Silnizki (wie Anm. 6).
20. Kennan (wie Anm. 17), 243.
21. Näheres dazu Silnizki, M., George F. Kennan und die US-Russlandpolitik der 1990er-Jahre. Stellungnahme
zu Costigliolas „Kennan’s Warning on Ukraine“. 7. Februar 2023, www.ontopraxiologie.de.
22. Silnizki, M., Machtspielfestival im Januar 2026. Trump versus Putin. 10. Januar 2026,
www.ontopraxiologie.de.

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