Trump versus Putin
Übersicht
1. Im Lichte von „Chicken Game“ und Umarmungsstrategie
2. Gefangen zwischen „Madman-Strategie“ und „aggressivem Unilateralismus“
Anmerkungen
„Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge in einer Welt, die
Brillanz ohne Weisheit, Macht ohne Gewissen erreicht hat. Wir haben die Geheimnisse
des Atoms entschleiert und die Lehren der Bergpredigt vergessen. Wir wissen mehr über
den Krieg als über den Frieden und mehr über das Sterben als über das Leben.“
(General Omar Nelson Bradley, 1893-1981)1
„Als Reaktion auf die Beschlagnahmung des russischen Tankers >Marinera< durch die USA im Atlantik
forderten Abgeordnete der Staatsduma, dass das russische Militär amerikanische Schiffe versenken
und Europa mit Oreschnik-Raketen angreifen solle.“
(The Moskow Times, 7. Januar 2026)
„Am 9. Januar meldete das russische Verteidigungsministerium einen Großangriff, bei dem unter anderem
eine Oreschnik-Rakete auf wichtige Ziele in der Ukraine zum Einsatz kam.“
(газета.ru, 9. Januar 2026)
„Russische Truppen müssen verstehen, dass europäische Friedenstruppen, falls sie in die Ukraine entsandt
werden, es ernst meinen und nicht >irgendwo in der Nähe von Lwiw in Kasernen herumsitzen werden<.“
(Ben Hodges, The Guardian, 8. Januar 2026)
1. Im Lichte von „Chicken Game“ und Umarmungsstrategie
Zu Beginn dieses Jahres überschlagen sich die Ereignisse. Dabei zeichnet sich eine Tendenz ab, die nachdenklich stimmt. Die Entwicklungen um Venezuela1, die Beschlagnahmung des russischen Tankers am 7. Januar 2026 und die seit Monaten ergebnislos geführten sog. „Friedensverhandlungen“ zwischen Russland und den USA zur Beilegung des Ukrainekonflikts deuten allesamt darauf hin, dass Trump ein Doppelspiel spielt. In seinen medialen Auftritten wirft er mit Nebelkerzen um sich, spielt mal einen Friedensapostel, mal einen starken Mann und ein anderes Mal einen unentschlossenen und haltungslosen Narzissten, dem es allein um seine Selbstdarstellung und/oder Zurschaustellung seines Egos geht.
In Wirklichkeit ist er aber ein instinktsicherer Machtspieler, der ganz genau weiß, was er will, und setzt seinen Machtwillen rücksichts- und skrupellos durch. Und es sieht so aus, als würde Trump permanent das „Chicken Game“ spielen und über Leichen gehen.
Dieses Spiel wird mit hohem Einsatz – unter Umständen mit dem Einsatz des Lebens – und mit allen denkbaren und undenkbaren psychologischen, wenn nicht gar psychopathologischen Tricks gespielt. „Der Gegenspieler soll unter den entnervenden Eindruck geraten, er habe es mit einem völlig unberechenbaren, in seiner Reaktionsfähigkeit stark eingeschränkten >Partner< zu tun. Umso mehr ist er … bereit … das Steuer herumzureißen und den Kollisionskurs zu verlassen.“2
Genau diesen „unberechenbaren“, unentschlossenen oder haltungslosen Zeitgenossen spielt Trump und erweckt den Eindruck, als würde er nicht wissen, was er tut. Doch der Schein trügt! Trump spielt nur einen ahnungslosen Draufgänger, ist aber seiner Natur nach mehr als berechenbar.
Dass Trump alles andere als unentschlossen und/oder haltungslos ist, sondern ganz im Gegenteil ein klares Urteilsvermögen besitzt und weitsichtig ist, beweist sein Interview mit dem Playboy-Magazin, das er vor gut fünfunddreißig Jahren im März 1990 gegeben hat.
In dem Interview bezeichnete er Michail Gorbatschow als einen „schwachen“ Politiker, der „die UdSSR zerstört“, und prophezeite seinen Sturz: „Ich glaube, er werde gestürzt; er zeigt unglaubliche Schwäche. … Seine Schwäche wird ihn und seine Kumpels das Wertvollste kosten: ihre Jobs.“
Darauf angesprochen, wie er „die Zukunft der Welt“ sieht, sagte der vierundvierzigjährige Trump: „Ich denke oft an einen Atomkrieg. … Er ist die größte Katastrophe, die größte Bedrohung für die Welt, und niemand spricht über die Einzelheiten. Es ist wie eine Krankheit – niemand glaubt, dass er sie bekommt, bis er sie hat. … Ich halte es für die größte Dummheit, dass die Leute glauben, es werde keinen Atomkrieg geben, weil sie wissen, wie zerstörerisch er sein wird. Und das ist ein völliger Schwachsinn.“
Und auf die Frage, was er dagegen getan hätte, wäre er US-Präsident, antwortete er: „Er würde an militärische Übermacht glauben. Er würde niemandem vertrauen. Er würde den Russen nicht vertrauen; er würde unseren Verbündeten nicht vertrauen; er würde über ein riesiges Arsenal verfügen, es perfektionieren und verstehen, wie alles funktioniert. Das Problem ist, dass wir die reichsten Länder der Erde kostenlos schützen … Die ganze Welt lacht darüber, dass wir Japan schützen …“
Diese Geisteshaltung und politische Einstellung hat Trump, wie wir mittlerweile wissen, bis heute beibehalten.
Dass das Draufgängertum in der US-Außenpolitik eine lange Tradition hat, offenbart ausgerechnet die Kubakrise 1962, ohne jetzt behaupten zu wollen, dass wir heute auf eine vergleichbare Krise zusteuern.
Überliefert ist die Atmosphäre der innersten Entscheidungszirkel des Krisenmanagements, in welcher die Kennedy-Brüder ihre Absichten gegenüber Chruschtschow artikulierten: „Sie planten, >to cut his balls off<, ihm >die Hoden abzuschneiden<, ihn folglich zu >kastrieren<.“3
Kein Geringerer als der damalige Verteidigungsminister Robert S. McNamara hob noch Jahre später immer wieder hervor, „wie knapp man an der Katastrophe vorbeigeschlittert sei.“ Die treibende Kraft in diesem machtpolitischen Pokerspiel war John F. Kennedy selber. Ihm gelang es „Chruschtschow öffentlich zu demütigen: Sein Widersacher spielte das amerikanische >Chicken-Spiel< nicht mit und gab nach; diese >Blamage< trug später entscheidend zu seinem Machtverlust bei … Dass es Kennedy um die Desavouierung seines Gegenspieles ging, während er gleichzeitig hinter dem Rücken selbst seiner Berater mit Chruschtschow Kompromisse aushandelte, hat Hersch in The Dark Side of Camelot minutiös rekonstruiert. Am Ende … steht der >kastrierte< Chruschtschow als Beispiel skrupulöser politischer Vernunft da und der >siegreiche< Kennedy als rücksichtsloser Risikospieler.“4
Neuerdings tritt Trump zu Beginn des Jahres 2026 auch so auf, als wäre er ein „rücksichtsloser Risikospieler“, um damit Putin mit seinem US-amerikanischen „Chicken Game“ beeindrucken zu können und ihn gefügig zu machen. Das Problem ist nur, dass Trump an den Falschen geraten ist. Putin ist kein Spieler, sondern ein Staatsmann, der ums geo- und sicherheitspolitische Überleben Russlands besorgt ist.
In einem Film „Weltordnung 2018“, der im März 2018 ausgestrahlt wurde, erklärte Putin, dass ein Atomangriff zu einer globalen Katastrophe für die Menschheit und die Welt führen würde, und fügte anschließend hinzu: „Но я как гражданин России и глава российского государства хочу задаться вопросом: а зачем нам такой мир, если там не будет России?“ (Als russischer Bürger und Staatsoberhaupt möchte ich mich aber fragen: Wozu brauchen wir eine solche Welt, wenn Russland nicht mehr existiert?)
Im Oktober 2018 fragte der Moderator einer Diskussion beim Waldai Internationalen Forum Putin, ob seine Aussage „Wozu brauchen wir eine solche Welt, wenn es darin kein Russland geben wird?“ mit der Aussage „ Nach uns die Sintflut “ vergleichbar wäre, worauf Putin antwortete:
„Die Frage war, ob wir, und ob ich, bereit sind, die uns zur Verfügung stehenden Waffen, einschließlich Massenvernichtungswaffen, zur Verteidigung unserer Interessen einzusetzen. Ja, in dieser Situation warten wir gewissermaßen darauf, dass jemand Atomwaffen gegen uns einsetzt, wohingegen wir selbst nichts tun. Der Angreifer muss jedoch wissen, dass Vergeltung unausweichlich ist und dass er vernichtet werden wird. Und wir, die Opfer der Aggression, werden als Märtyrer in den Himmel kommen, wogegen sie einfach verrecken werden , weil sie nicht einmal Zeit zur Reue haben werden.“
Nehmen wir die beiden Äußerungen ernst, so ist für Putin der Ukrainekrieg kein Spiel, sondern eine bitterernste Angelegenheit. Darum lässt Putin sich vom Trumps Draufgängertum nicht sonderlich beeindrucken. Als Trump im Oktober 2025 versuchte, mit Putin sein Tomahawk-Game zu spielen, war das Spiel nach einem Telefonat zwischen den beiden schnell zu Ende.5 Putin hat offenbar mit Trump Klartext geredet. Das hat gesessen! Da war Trump mit Sicherheit not amused, musste aber seine Drohung gesichtswahrend zurückziehen.
Und nun? Seine Strategie, einen „Frieden“ in der Ukraine innerhalb von „24 Stunden“ herbeizuführen, ist selbst nach einem Jahr seiner Präsidentschaft nicht in Erfüllung gegangen. Warum konnte Trump aber sein Ziel bis dato nicht erreichen? Wollte er wirklich einen Frieden in der Ukraine erzielen oder Putin vielmehr hinter das Licht führen?
Alles deutet mittlerweile darauf hin, dass Trumps zur Schau gestellten Friedensbestrebungen kein Selbstzweck sind. Dem „besten Dealmaker aller Zeiten“ geht es zwar nicht mehr um eine „strategische Niederlage“ Russlands, wie die Kriegsfalken diesseits und jenseits des Atlantiks drei Jahre lang predigten, sondern um einen Strategiewechsel vom Krieg zum Frieden. Der Frieden wird aber nicht um des Friedens willen, sondern um des Geschäfts willen angestrebt.
„Es ist nichts Persönliches. Es geht nur ums Geschäft!“ Und der Krieg schadet dem Geschäft, dem „Big Business“! Statt einer Kriegsfinanzierung und Waffenlieferungen durch die Biden-Administration wendete Trump eine Verhandlungsmethode an, die man als Erdrückung durch Umarmung bezeichnen könnte. Trump wollte auf die sanfte Tour einen Frieden erreichen. Nur gab es einen Haken. Er wollte einen Frieden nur zu seinen Bedingungen, was mit Putin und der russischen Führung nicht zu machen ist. Daran ist bis jetzt beinahe alles gescheitert.
Zwar wollte Trump keine „strategische Niederlage“ Russlands, wohl aber eine strategische Kontrolle über Russland bzw. seine Ressourcen. Deswegen plädierte er als Lockangebot gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft im Februar 2025 für die Rückkehr Russlands in die Runde der G8, was in Russland selbst als ziemlich deplatziert empfunden wurde.
Wie auch immer, die Umarmungsstrategie ist letztlich auf der ganzen Linie gescheitert, weil Putin und seine Mannschaft nicht im Traum daran dachten, erneut Teil der Pax Americana zu werden, wie es in den 1990er-Jahren der Fall war. Die russische Führung und die sie stützenden Machteliten ließen sich von Trumps Umarmungsstrategie nicht sonderlich beeindrucken, zu tief sitzen noch die bitteren Erfahrungen der 1990er-Jahre in ihren Knochen und zu misstrauisch sind sie zu US-Versprechungen und Versicherungen aller Art geworden.
Putin agiert vielmehr bedächtig und führt Verhandlungen getreu Stalins Spruch über die Briten: „Vielleicht glauben Sie, dass wir, nur weil wir die Verbündeten der Engländer sind, vergessen haben, wer sie sind und wer Churchill ist. Sie tun nichts lieber, als ihre Bundesgenossen übers Ohr zu hauen.“6
Und das Misstrauen ist durchaus angebracht, verliefen die Verhandlungen doch bis dato ergebnislos. Trumps netten Gesten und schönen Worten folgten keine Taten und es wurden auch keine handfesten Ergebnisse erzielt, die den russischen Wünschen und Forderungen irgendwie entgegenkamen.
Nach dem Scheitern seiner Umarmungsstrategie glaubt Trump, dass die Zeit jetzt gekommen sei, eine härtere Gangart einzulegen. Und nun versucht er auf eine harte Tour Putin unter Druck zu setzen, indem er im Januar 2026 ein Machtspielfestival organisierte: Venezolanische „Festtage“, die mit der Entführung des venezolanischen Staatspräsidenten abrupt beendet wurden. Ein Wink mit dem Zaunpfahl! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Kurz zuvor wurde der Drohnenangriff auf Putins Residenz vom 28. auf den 29. Dezember 2025 unternommen, der nach Überzeugung der russischen Geheimdienste von der CIA geplant, geleitet und ausgeführt wurde. Und zuallerletzt betrieb die US-Marine Piraterie, indem sie am 7. Januar 2026 einen russischen Tanker beschlagnahm.
Dass Trump ein Doppelspiel spielt, steht mittlerweile außer Frage. Eines hat Trump indes mit seinem Husarenstück doch noch erreicht: Der nach dem Gipfeltreffen in Alaska ausgerufene Geist von Anchorage ist passé. Er wurde zu Grabe getragen und Trump hat sich als ein unseriöser Mitspieler erwiesen, der mit gezinkten Karten spielt. Er hat damit sich selbst desavouiert.
Trump hat in den Augen der Russen endgültig seine Glaubwürdigkeit verloren und diese gegen ein paar Tanker umgetauscht. Wie billig und wie peinlich! Hätte man von einem ehem. Immobilienhändler wirklich etwas anderes erwarten können? Wohl kaum!
Vor diesem Hintergrund erweisen sich die sog. „Friedensverhandlungen“ immer mehr als ein Non-Event. Das Spiel ist aus! The game is over! Und der „beste Dealmaker aller Zeiten“ hat sich selbst ausgespielt. Für die russische Führung ist er kein ernstzunehmender Verhandlungspartner mehr, selbst wenn die Scheinverhandlungen weiterlaufen sollten. Über Krieg oder Frieden wird nunmehr allein an der Front entschieden.
2. Gefangen zwischen „Madman-Strategie“ und „aggressivem Unilateralismus“
Und was nun? Jetzt macht Trump sich mit einem Rundumschlag Luft und lebt in den ersten Januartagen des neuen Jahres nach dem Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s gänzlich ungeniert.“ Nachdem er das ganze Jahr 2025 hindurch vergeblich versucht hat, wenigstens eine Feuerpause zu ergattern, wovon Selenskyj verständlicherweise mit seinen europäischen Kriegskameraden die ganze Zeit geträumt hat, dabei aber auf einen entschiedenen Widerstand der russischen Führung gestoßen ist, hat Trump sich offenbar für eine neue Strategie – die „Madman-Strategie“ – entschieden.
Es war der US-Präsident Richard Nixon (1969-1974), der die „Madman-Theory“ (Wahnsinnstheorie) erfand. Sie besagt: Wenn der Gegner das Gefühl hat, dass du unberechenbar oder gar unbedacht bist, dann wird er sich hüten, dich zu sehr unter Druck zu setzen.
Die Nixon-Administration wollte die Welt davon überzeugen, dass der US-Präsident nicht zurechnungsfähig und darum zu allem fähig sei. Dieser Bluff sollte die Furcht vor einem Atomkrieg schüren und nicht zuletzt im Vietnamkrieg funktionieren.
Seinem Stabschef, Harry Robbins Haldeman (1926-1993), soll Nixon gesagt haben: „Ich will die Nordvietnamesen glauben machen, dass ich den Punkt erreicht habe, wo ich alles tun werde, um den Krieg selbst mit dem Einsatz der Nuklearwaffen zu beenden. In zwei Tagen würde dann Ho Chi Minh persönlich in Paris erscheinen und um Frieden bitten.“7
Als Demonstration seiner „Verrücktheit“ befahl Nixon 1969 die Operation „Menu“, ein streng geheimes Flächenbombardement auf Kambodscha, das vom 18. März 1969 bis zum 26. Mai 1970 durchgeführt wurde, sowie die Invasion des Landes 1970. Diese Aktionen haben freilich keinen durchschlagenden Erfolg gebracht.
Nixon wandte seine „Madman-Strategie“ während des Vietnamkrieges an, um Nordvietnams Führung zu zeigen, dass er bereit ist, die Grenzen des Undenkbaren zu überschreiten. Sieht man nun Trumps Januar-Eskapaden, so scheint er diese „Madman-Strategie“ reaktivieren zu wollen. Als Showman weiß er sich in Szene zu setzen, inszeniert sich als einen unberechenbaren, außer Rand und Band geratenen Machtmenschen und schlägt wild um sich ohne Rücksicht auf Verluste, als gäbe es kein Morgen.
Mal lässt er ein Staatsoberhaupt entführen; mal nimmt er einen oder zwei Tanker in Beschlag, mal droht er mit der Besetzung einer Insel. Trump spielt die beste Rolle seines Lebens! Selbst der ausgebildete Clown Selenskyj ist ihm nicht gewachsen!
Wen will er nur mit seinem Machtspielfestival beeindrucken und/oder in Angst und Schrecken versetzen? Doch wohl nicht Putin? Dieser US-Cowboy kennt die russische Mentalität nicht. Offenbar hat er ganz schlechte Russlandberater, die er – was sowieso seine Lieblingsbeschäftigung ist – schleunigst feuern und die besseren anheuern sollte.
Die Russen bekommen nur dann weiche Knie, wenn man zu ihnen nett ist. Darum war auch Trumps Umarmungsstrategie gar nicht so falsch, selbst wenn diese versagt hat. Wenn er aber jetzt glaubt, mit seinen Drohgebärden Putin auf den Pelz zu rücken, dann hat Trump von der russischen Mentalität wirklich keine blanke Ahnung und hat noch nie von einem der berühmtesten, von Fürst Alexander Newski (1220-1263) stammenden Credos gehört, das jedes Kind in Russland kennt: „Кто с мечом к нам придет, тот от меча и погибнет“ (Wer mit dem Schwert zu uns kommt, wird durchs Schwert umkommen).
Mit diesem Volk ist nicht zu spaßen! Putin lässt sich nicht einfach unter Druck setzen, zumal er ganz genau weiß, mit wem er es zu tun hat. Trump zieht mit seinem „Madman-Spiel“ nur eine Show ab. Denn hinter der „Madman-Strategie“ verbirgt sich kein Wahnsinn eines verrückt gewordenen Machtspielers, sondern eine berechnete Machtpolitik eines skrupellosen Draufgängers, die man in Anlehnung an Jagdish Bhagwati und Hugh T. Patrick als einen „aggressiven Unilateralismus“ bezeichnen könnte8. Barry R. Posen nannte diesen „aggressiven Unilateralismus“ 2018 „illiberal hegemony“.
„Trump has ushered in an entirely new U.S. grand strategy: illiberal hegemony“ (Trump hat eine ganz neue Grand Strategie der USA eingeführt: die illiberale Hegemonie)9. Ob Trump mit seinem „aggressiven Unilateralismus“ erfolgsreicher als seine Amtsvorgänger sein wird, ist fraglich.
Zwar macht Trump mit seiner „illiberalen Hegemonie“ (horribile dictu) nicht den gleichen Fehler wie die Menschenrechtideologen des sog. „liberalen Internationalismus“ und betreibt eine ideologiefreie US-Außenpolitik, was zu begrüßen ist.
Hegemonie verträgt nämlich keine Liberalität. Sie unterwirft, statt zu befreien, fordert die unbedingte Gefolgschaft, statt Freiheit zu fördern, und instrumentalisiert die Menschenrechte geopolitisch, indem sie die „Freiheitsrechte zu Ermächtigungsnormen umdefiniert“ und so „die gesamte Weltbevölkerung zum bloßen >Material< der Menschenrechtsverwirklichung“ degradiert.10
Die Menschenrechtsideologie hat den US-Hegemon vergessen lassen, dass er vielleicht (noch) der Herr der Welt, aber nicht deren Schöpfer ist. Trotz alledem verfolgt Trump aber systemkonform die gleichen Ziele wie seine Amtsvorgänger mit dem Unterschied, dass er Amerikas Hegemonie allein auf die westliche Hemisphäre zu reduzieren trachtet.
Trump befindet sich auf „einem strategischen Rückzug“11, weil er ganz genau verstanden hat, dass die USA nicht mehr in der Lage sind, die ganze Welt zu domestizieren.
Nur dort, wo er glaubt, das Sagen zu haben, will er ein unbeschränkter Herrscher über Land, Leute und Ozeane sein. Das erklärt auch seine Januar-Eskapaden. Wie ein Nilpferdbulle will er eine Duftmarke zur Markierung seines Reviers setzen und alle Eindringlinge davor warnen, dass er sie alle wegbeißen werde, sollten sie nur wagen, in sein Revier einzudringen. Das erklärt auch seine rabiate und aggressive Vorgehensweise.
Mit seinen Allmachtsphantasien kann Trump freilich überziehen und eine Bauchlandung erleiden. Nicht alle geopolitischen „Nilpferdbullen“ sind so stark, wie sie sich gebärden. Trump muss aufpassen, dass er mit seinem Machtspielfestival im kalten Januar 2026 nicht Opfer seiner eigenen Selbstanmaßung wird.
Anmerkungen
1. Zitiert nach General Lee Butler, Sind Kernwaffen notwendig? (Vortrag gehalten bei einem Runde Tisch-
Gespräch für das Canadian Network to Abolish Nuclear Weapons am 11. März 1999).
2. Woller, R., Der unwahrscheinliche Krieg. Eine realistische Wehrkonzeption. Stuttgart 1970, 9.
3. Zitiert nach Krippendorff, E., Kritik der Außenpolitik. Frankfurt 2000, 97.
4. Krippendorff (wie Anm. 3), 98.
5. Silnizki, M., Trumps Tomahawk-Game. Zwischen Endspiel und Endzeit? 18. Oktober 2025, www.ontopraxiologie.de.
6. Zitiert nach „Die unheilige Allianz“. Stalins Briefwechsel mit Churchill 1941-1945. Mit einer Einleitung und
Erläuterungen zum Text von Manfred Rexin. Rowohlt 1964, 37.
7. Zitiert nach Silnizki, M., Zwischen „Whataboutismus“ und „Madman-Strategie“? Zur Frage nach Trumps
künftiger Außenpolitik. 24. November 2024, www.ontopraxiologie.de.
8. Aggressive Unilateralism: America’s 301 Trade Policy and the World Trading System. Jagdish Bhagwati and
Hugh T. Patrick, Editors. University of Michigan Press 1990; siehe auch Roland Rajah, American trade policy
returns to „aggressive unilateralism“. The Interpreter, 9. April 2018.
9. Barry R. Posen, The Rise of Illiberal Hegemony. Trump’s Surprising Grand Strategy. Foreign Affaiers,
February 13, 2018.
10. Maus, I., Der zerstörerische Zusammenhang von Freiheitsrechten und Volkssouveränität in der aktuellen
nationalstaatlichen und internationalen Politik (1999), in: des., Über Volkssouveränität Elemente einer
Demokratietheorie. Berlin 2011, 359-374 (361 f., 374).
11. Silnizki, M., Die USA. Auf einem strategischen Rückzug, in: des., Trump versus Europa. Amerikas neue Sicherheitsdoktrin. 14. Dezember 2025, www.ontopraxiologie.de.