Eine Prognose
Übersicht
1. 2025: Krieg ohne Ende
2. 2026: Ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende?
Anmerkungen
„Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.“
1. 2025: Krieg ohne Ende
„Am Ende des Jahres stehen die Europäer vor der grundlegenden Frage, ob sie der Meinung sind, dass taktische Siege (tactical victories) ausreichen, um den strategischen Krieg (the strategic war) zu gewinnen, nämlich den Erhalt des seit acht Jahrzehnten bestehenden transatlantischen Bündnisses“, zitiert Politico am 23. Dezember 2025 Ivo Daalder (2009-2013 US-Botschafter bei der Nato)1.
Dass Daalder einen 2025 offen zutage getretenen tiefgreifenden Dissens zwischen der EU und Trumps Amerika in der Russland- und Ukrainepolitik als einen „strategischen Krieg“ zum „Erhalt“ der Nato-Allianz deutet, ist nur bedingt zustimmungsfähig. Zwar beobachten wir seit Trumps erneuter Machtübernahme einen deutlichen geo- und sicherheitspolitischen Strategiewandel; der US-Demokrat irrt aber, wenn er Trumps „Grand Strategy“2 mit einem „Krieg“ vermengt, der sich gegen die Aufrechterhaltung des transatlantischen Bündnisses richtet.
Zum einen hat Trump nie eine Strategie verfolgt, die Nato zu zerschlagen. Warum sollte er auch? Mit seiner Ökonomisierung der Sicherheitspolitik wendet er sich nicht von der Nato ab, sondern will vielmehr die europäischen Nato-Verbündeten für die US-Dienstleistungen zur Verteidigung Europas zahlen lassen. Zum anderen ist es der Trump-Administration gelungen, beinahe alle Kosten des Ukrainekrieges auf die EU-Bündnispartner abzuwälzen.
Von „taktischen Siegen“ der europäischen Bündnispartner kann darum ebenfalls keine Rede sein. Die EU-Europäer waren im Jahr 2025 ganz im Gegenteil desillusioniert, demoralisiert und fühlten sich von allen Seiten in die Enge getrieben. An der „Ostfront“ lief es für sie gar nicht gut, da die ukrainischen Streitkräfte eine Niederlage nach der anderen erleiden mussten und sich auf der ganzen Frontlinie auf dem Rückzug befinden. Und von Übersee konnten die Europäer nichts Gutes erwarten, setzte Trump sie doch stets unter massiven ökonomischen Druck sowohl für den Ukrainekrieg als auch für die US-Sicherheitsdienstleistungen vollumfänglich bezahlen zu müssen.
Ja, das Jahr 2025 war für die gestressten und genervten EU-Europäer kein Vergnügen. Und so überschrieben Paul Dallison und Giulia Poloni ihren Beitrag am 26. Dezember 2025 in Politico mit den Worten: „Tschüs, 2025. Es war mir kein Vergnügen, dich gekannt zu haben.“
Darin schrieben sie: „In Europa war es ein seltsames Jahr, Deutschland tauschte seinen … Bundeskanzler Olaf Scholz gegen Friedrich Merz, der immer so aussieht, als hätte man ihm gerade den Supermarktparkplatz weggeschnappt, obwohl er geduldig darauf gewartet hat. Frankreich und Italien tauschten die Rollen: Italien gilt als Inbegriff der Stabilität, wohingegen Frankreich sich in ein … Chaos verwandelte, in dem so viele Premierminister gewählt wurden, dass man zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels nicht weiß, ob Eric Cantona dieses Amt noch innehat. In Brüssel ist Ursula von der Leyen ungefähr so beliebt wie unerwünschte invasive Operationen und hat nicht nur eine, sondern gleich drei Vertrauensabstimmungen im Europäischen Parlament überstanden, das heutzutage so weit nach rechts gerückt, dass es vom Zusammenbruch bedroht ist.“
Und was erwartet uns im Jahr 2026? Keine(r) weiß es so genau mit einer einzigen Ausnahme: die italienische Premierministerin, Giorgia Meloni. In ihrer Weihnachtsansprache hat sie uns allen viel Mut zugesprochen. „Das vergangene Jahr war für uns alle schwierig. Aber keine Sorge, denn das nächste Jahr wird noch viel schlimmer werden“, sagte sie sarkastisch.
Nach dem Motto „Schlimmer geht’s immer“ sehen wir das kommende Jahr auf uns zukommen. Nach einem knapp vier Jahre andauernden Krieg in der Ukraine ist dessen Ende ungeachtet der stattfindenden sog. „Friedens“-Verhandlungen noch lange nicht in Sicht. Russland ist zur Weiterführung des Krieges bereit und gut gewappnet, um seinen „Diktatfrieden“ durchzusetzen. Die Ukraine ist zu keinen Kompromissen bereit und will ebenfalls weiterkämpfen, auch wenn ihr Soldaten, Kriegsmaterial und Kriegsfinanzierung fehlen.
Trumps Amerika ist eigentlich ebenfalls nicht gegen die Fortsetzung des Krieges, auch wenn es stets vom Frieden spricht. Warum soll es auch, verdient doch die US-Rüstungsindustrie am Krieg prächtig? Auch die US-amerikanische Luft- und Weltraumaufklärung für die ukrainischen Streitkräfte, ohne die kein Krieg des 21. Jahrhunderts denkbar und möglich ist, läuft ununterbrochen weiter und die US-Geheimdienste denken gar nicht daran, sie zu stoppen.
Und Europa? Es will sich natürlich nicht lumpen lassen und ist bereit, den Krieg gegen den „Aggressor“ und „Völkerrechtsbrecher“ Putin weiter zu finanzieren. Schließlich muss es unsere „Freiheit, Sicherheit und Wohlstand“ verteidigen, wie Bundeskanzler Merz in seiner Neujahrsansprache betont. Für deren Erhalt müsse in Europa der Frieden in Freiheit gesichert werden. Russlands Krieg gegen die Ukraine betreffe auch Deutschland, so Merz. Täglich werde „Deutschland von Sabotage, Spionage und Cyber-Angriffen überzogen.
Merz scheint in diese Phraseologie derart verliebt zu sein, dass er nicht müde wird, seit Monaten die gleichen Parolen und Schlagworte mantraartig zu wiederholen: Freiheit, Sicherheit und Wohlstand, Sabotage, Spionage und Cyber-Angriffen.
Beweise für diese schwerwiegenden An- und Beschuldigungen? Das hat Merz gar nicht nötig! Es reicht ihm all das unter einem Schlagwort „Epochenbruch“ zu subsumieren. „The Global Zeitenwende“ (Olaf Scholz) war ja gestern3. Heute ist „Epochenbruch“ das Schlagwort des Jahres!
Nun ja, Schlagworte sind wie ein Kamuffel, das in der Öffentlichkeit etwas marktschreierisch verkündet, was freilich nur seine eigene Ahnungslosigkeit kaschiert. Ein Schlagwort suggeriert Tiefsinn, ist aber sinnentleert. Was es mittteilt, sind meistens unverbindliche Assoziationen mit dem, was nicht da ist, aber da sein könnte.
Alle überlieferten, politisch motivierten Schlagworte verbrauchen sich in Folge unaufhaltsamer Abnutzung ihrer Bedeutung in der Kampfarena der Macht. Sie bilden nur selten die Machtwirklichkeit ab, nützen sich wie Scholz` „Zeitenwende“ schnell ab und/oder verkommen zur Trivialität des Banalen.
Es ist längst an der Zeit, eine neue realitätsadäquatere Außenpolitik zu praktizieren, statt Phrasen zu produzieren, unsubstantiierte An- und Beschuldigungen zu verbreiten und den geopolitischen Rivalen Russland mit Schimpftiraden zu überziehen. Zu einer Verständigung mit Russland – im Zweifel zu russischen Bedingungen – gibt es heute keine Alternative, zu schwach sind Deutschland und Europa, ob Merz, Macron, Starmer und Co. das hören wollen oder nicht.
Nein, sie wollen davon auch nichts hören und verfahren wie zu Zeiten des „Kalten Krieges“ nach der Devise: „Lieber tot als rot“ (Better dead than red). In die Sprache der Gegenwart übersetzt, dürfte das wohl heißen: Lieber die Fortsetzung des Krieges als einen russischen „Diktatfrieden“. Hat Europa aber eine andere Wahl als die russischen Friedensbedingungen zu akzeptieren?
Jawohl, es gibt eine andere Wahl, wenn man manchen kriegsbegeisterten Zeitgenossen zuhört. Sie erwecken den Eindruck, als würden sie vor lauter Kraft kaum gehen können. Am 17. Juli 2025 stellte der Befehlshaber der US-Bodentruppen in Europa und Afrika, General Christopher Donahoe, in Wiesbaden einen Plan zur Abschreckung an der „Ostflanke“ vor und erklärte, die Nato könnte die Region Kaliningrad „in beispielloser Zeit und schneller als je zuvor von der Landkarte tilgen“.
Die russische Reaktion folgte auf dem Fuße. Leonid Slutsky (Vorsitzender des Ausschusses für Internationale Angelegenheiten der Staatsduma) erklärte ein Nato-Angriff auf die Region Kaliningrad würde Vergeltungsmaßnahmen Russlands nach sich ziehen, die in seiner Nukleardoktrin vorgesehen seien. Auch Putins Pressesprecher, Dmitrij Peskow, kommentierte Donahoes Äußerung gleich am darauffolgenden Tag mit der Feststellung: „Dies ist eine weitere feindselige und aggressive Äußerung, wie wir sie häufig von den Nato-Beamten hören“.
Die Feindseligkeit der Nato gegenüber Russland zwinge Moskau zu geeigneten Maßnahmen, um die Sicherheit des Landes zu gewährleisten, fügte Peskow hinzu. „Die Nato ist ein Instrument der Konfrontation; sie ist ein Block, der unserem Land feindlich gesinnt ist. Dies zwingt uns, all dies zu berücksichtigen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten.“
Wie gefährlich und verantwortungslos derartige Äußerungen sind, zeigt ein Kommentar aus China vom 18. Dezember 2025. Laut dem chinesischen Nachrichtenportal Sohu würden im Falle einer Nato-Invasion in die Region Kaliningrad innerhalb von fünf Stunden 34 Millionen Menschen sterben. Die Chinesen prognostizierten bei einem solchen hypothetischen Szenario, dass Russland wohl kaum einen konventionellen Krieg führen, sondern stattdessen Nuklearwaffen gegen die vorrückenden Nato-Streitkräfte einsetzen würde. Innerhalb von fünf Stunden könnten etwa 480 Atomangriffe erfolgen, die 34 Millionen Menschen töten und weitere 60 Millionen verletzen würden. Große Teile Europas lägen dann in Trümmern.
„Nach einem Atomangriff würden Millionen Tonnen radioaktiver Staub in die Atmosphäre gelangen. Innerhalb weniger Wochen könnten die Temperaturen um 40 Grad sinken, was zu einem >nuklearen Winter< führen würde“, heißt es in dem Artikel. Es wird zugleich festgestellt, dass Nato-Repräsentanten Russlands Entschlossenheit und seine Bereitschaft zur Reaktion im Falle eines Angriffs unterschätzen.
Als wäre die Zeit stehen geblieben! Solche Horrorszenarien kennt man bereits aus den Zeiten des „Kalten Krieges“. Wie auch immer man dazu stehen mag, zeigen derartige Szenarien doch unmissverständlich, wie sehr die militärischen und politischen Entscheidungsträger in Europa mit dem Feuer spielen.
Das Jahr 2025 endete, wie es begonnen hat: im Krieg!
2. 2026: Ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende?
Und was erwartet uns im Jahr 2026? Die Erfahrung mit dem Jahr 2025 stimmt uns für das Jahr 2026 nicht gerade zuversichtlich. Statt Beilegung müssen wir vielmehr mit einer Zuspitzung des Ukrainekonflikts rechnen. Nichts spricht dafür, dass 2026 ein friedliches Jahr sein wird, es sei denn, die ukrainische Front zerfällt und Russland setzt seinen „Diktatfrieden“ durch. Alles andere wäre eine große Überraschung.
1965 schrieb Helmut Schmidt rückblickend und zukunftweisend zugleich: „Die Drohung mit der nuklear-strategischen Vergeltung durch die USA hat in Zukunft nur noch beschränkte strategische Bedeutung; stattdessen wächst die Notwendigkeit gemeinsamer konventioneller Verteidigungs-fähigkeit. Die nuklear-strategische Rüstung einer Weltmacht wird zum Schirm, unter dessen Schutz gegen nuklear-strategische Vergeltung alle anderen Aggressions- und Kriegsformen wieder möglich werden. … Die Existenz der nuklearen Bomben hat bisher den Krieg nicht unmöglich gemacht – Korea, Vietnam, Algier, Suez, Ungarn sprechen dagegen.“4
Dagegen spricht auch der Ukrainekrieg, wie wir heute wissen. Die Gefahr eines direkten konventionell geführten Krieges zwischen Russland und der Nato-Allianz, der schon jetzt indirekt, klammheimlich und vor der Öffentlichkeit verborgen und mit voller Kraft auf ukrainischem Boden geführt wird, ist akut und kann über die ukrainischen Grenzen hinaus in einen offenen militärischen Schlagabtausch schneller, als man denkt, ausarten.
„Der unwahrscheinliche Krieg“, von dem der deutsch-kanadische Journalist, Rudolf Woller (1922-1996) in seinem gleichnamigen Werk 1970 inmitten des „Kalten Krieges“ sprach5, kann heute wahrscheinlich werden. Das Pokerspiel zwischen Russland, den USA, der EU und der Ukraine um eine friedliche Regelung des Ukrainekonflikts nach der Beendigung der Kriegshandlungen kann auch dergestalt misslingen, dass die Verhandlungen auch scheitern können und es zur Zuspitzung des Konflikts kommt.
Denn alle Seiten setzen auf Eskalation statt auf Deeskalation, um ihre jeweiligen Forderungen aus einer tatsächlichen oder vermeintlichen „Position der Stärke“ durchsetzen zu wollen. Und es wird hochgepokert, weil dieses Spiel mit unerhört hohem Einsatz gespielt wird. Und dieser Einsatz kann je nach der Kriegsparteizugehörigkeit nicht unterschiedlicher sein.
Setzt das Kiewer Regime unter Aufstachelung der EU-Führungsspitze kompromisslos alles auf eine Karte und riskiert dabei auch alles, nämlich das eigene Land zu verlieren, so versucht die EU, die sich in einer ganz schwachen Verhandlungsposition befindet, die stattfindenden Verhandlungen zwischen Russland und den USA mittels einer immer bedrohlich klingenden verbalen Eskalation zu torpedieren, damit bloß kein russischer „Diktatfrieden“ zustande kommt.
Stattdessen will die EU ihren eigenen „Diktatfrieden“ Russland oktroyieren, ohne dazu weder militärisch noch ökonomisch in der Lage zu sein. Eine verkehrte Welt! Das Einzige, was der EU übrigbleibt, ist eine verbale Eskalation in Permanenz, womit sie auch eine Bauchlandung erleiden kann. Wer eskaliert, muss ja auch mit Gegenreaktion rechnen, die zu noch mehr Eskalation führen kann usw. usf.
Bei einem solchen Eskalationsspiel baute der berühm-berüchtigte Nuklearstratege, Herman Kahn (1922-1983), in seinem Werk „On Escalation“ (1965) eine Eskalationsleiter von 44 Sprossen auf und sprach dabei von „Wettbewerb in der Risiko-Bereitschaft“ (competition in risk-taking).
„Gemeint ist ein genaues Kalkulieren des nächsten Schrittes beim Höheschrauben des Einsatzes von militärischen oder politischen Machtmitteln. Und zwar mit dem Ziel, in einer gesteuerten Eskalation oder De-Eskalation immer mehrere gedankliche Möglichkeiten zur Auswahl zu haben. Der Gegner soll veranlasst werden, Nutzen oder Schaden abzuwägen, um so … seinen eigenen Interessen entsprechend zu handeln. Er soll entweder kapitulieren oder seinen Einsatz … vermindern, sodass ein Ausgleich, ein Abbau der Spannungen, möglich ist.“6
Was ist aber, wenn die Steuerung der Eskalation misslingt und wir statt Deeskalation eine weitere Zuspitzung der Eskalation erleben und statt Kapitulation oder Abbau der Spannungen ungewollt und unbeabsichtigt immer wieder eine weitere Stufe auf der Eskalationsleiter besteigen und in einen Krieg hineinschlittern, den wir gar nicht wollten, aber nicht vermeiden konnten?
Ein solcher Krieg in Europa würde höchstwahrscheinlich eine atomare Schwelle überschreiten und nicht ohne weiteres nur konventionell geführt werden.
In diese Lage können wir schneller, als man denkt, geraten, sollten die Verhandlungen zwischen Russland und den USA scheitern, falls keine Einigung über eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung7 erzielt wird.
Es ist zu vermuten, dass die Denkansätze, die die Eskalation in Permanenz anspornen, ideologische Vorbehalte in unheilvoller Weise mit geo- und sicherheitspolitischen Intentionen vermengen. Soweit überhaupt eine Verhandlungsbereitschaft in Europa vorhanden ist, ist sie nur zum geringeren Teil realpolitisch orientiert. Zu einem größeren Teil leitet sie sich dagegen von axiologisch-moralischen Grundprinzipien ab, hinter denen sich eine traditionelle, seit Jahrhunderten praktizierte Feindschaft zu Russland verbirgt.
Eine Verhandlungsposition, die allein auf Russophobie beruht, ist freilich keine Strategie, sondern deren Abwesenheit und bezeugt nur einen strategischen Dilettantismus, der eher auf Ohnmacht als auf kraft- und machtvolles Handeln verweist.
Die ständige Beteuerung, aus einer „Position der Stärke“ handeln und verhandeln zu wollen, verrät genau das Gegenteil: eine Position der Schwäche, die mit einer verbalen Eskalation die eigene Machtlosigkeit kaschiert, aber nicht beseitigt.
Der fortdauernde Krieg in der Ukraine hat die Grenzen der Eskalation aufgezeigt. In einem Kriege zwischen den zwei mehr oder weniger gleichstarken Gegnern wie Russland und der Nato, der heute auf ukrainischem Boden geführt und für den die arme und leidgeprüfte Ukraine von ihrem korrupten Regime geopfert wird, ist es außerordentlich schwierig vorwegzunehmen, ob ein endloses Drehen an der Eskalationsschraube zur einer Deeskalation, Kapitulation oder vielleicht doch zu einem Übergreifen des Krieges auf die benachbarten Länder und darüber hinaus führen kann und den ganzen Konflikt aus dem Ruder laufen lässt.
Dass man alles unternehmen muss, um unter allen Umständen eine unkontrollierte Eskalation zu verhindern, die nicht nur zum Ausbruch eines konventionellen, sondern auch eines nuklearen Krieges führen könnte, versteht sich von selbst. Tun die EU-Entscheidungsträger aber wirklich alles, um die Zwangsläufigkeit einer nuklearen Eskalationsspirale auszuschließen und Europas Frieden so wenig wie möglich zu gefährden?
Zweifel sind angebracht! Wenn Verteidigungspolitik den Sinn haben soll, uns ein möglichst hohes Maß an Sicherheit zu gewährleisten, so ist eine Eskalationspolitik in Permanenz kein probates Mittel dafür, zumal Europa militärisch nichts zu bieten hat, um Russland in Angst und Schrecken zu versetzen und damit abzuschrecken. Mit seiner aggressiven und ungezügelten Rhetorik kann es allerdings die Verhandlungsatmosphäre derart vergiften, dass Russland zu Maßnahmen greifen könnte, die sich Europa nicht einmal in einem Alptraum vorstellen kann.
Es war nie im Sinne des Erfinders einen „Wettbewerb in der Risiko-Bereitschaft“ (competition in risk-taking) soweit zu eskalieren, dass die Abschreckung mit dem Beginn eines Krieges endet. Ganz im Gegenteil: Jede weitere Eskalationsstufe („Sprosse“) musste auf den Gegner derart abschreckend wirken, dass er daran gehindert wird, selbst weiter zu eskalieren.
Bezogen auf den Ukrainekonflikt, ist diese Eskalationstheorie untauglich, einen Frieden in der Ukraine zu erzielen, zu ungleich sind die Kräfteverhältnisse zwischen Russland und Europa verteilt, das ohne die USA alles andere als „kriegstüchtig“ ist.
Und folgt man den offiziellen Verlautbarungen der Trump-Administration, so will Trump Amerika sich ganz aus dem Konflikt raushalten und die EU bleibt sodann mit Russland allein auf weiter Flur ihrem eigenen Schicksal überlassen.
Wo stehen wir nun am Beginn des Jahres 2026? Es gibt drei mögliche Szenarien: Der Krieg geht wie bisher unvermindert weiter, was unwahrscheinlich ist, oder Europa wird gezwungen sein, Russlands Friedensbedingungen zu akzeptieren, was eher wahrscheinlich ist, oder die EU-Europäer müssen sich dem siegesbewussten Russland entgegenstellen, eine Ausweitung des Konflikts in Kauf nehmen und so „den unwahrscheinlichen Krieg“ wahrscheinlich machen.
Ja, was für wunderbare Aussichten erwarten uns im Jahr 2026! Ein frohes neues Jahr?
Anmerkungen
1. Zitiert nach Eli Stokols, This is shattering’: Europe reels from Trump’s new world order, Politico, 23.12.2025.
2. Dazu Silnizki, M., Trumps „Grand Strategy“. Im Kriegsschatten der Großmächte. 25. Oktober 2025, www.ontopraxiologie.de.
3. Silnizki, M., „The Global Zeitenwende“. Russlandbild des Bundeskanzlers. 20. Dezember 2022,
www.ontopraxiologie.de.
4. Schmidt, H., Verteidigung oder Vergeltung. Ein deutscher Beitrag zum strategischen Problem der Nato.
Stuttgart 41965, 239 f.
5. Woller, R., Der unwahrscheinliche Krieg. Eine realistische Wehrkonzeption. Stuttgart 1970.
6. Zitiert nach Woller (wie Anm. 5), 11 f.
7. Siehe demnächst meine Studie über „Gesamteuropäische Sicherheitsordnung“.