Wolfowitz, Work und Russlands Aufstieg
Übersicht
1. Paul D. Wolfowitz und der Ukrainekonflikt
2. Ist die Feindstaatenklausel noch aktuell?
3. Robert Work und die Unipolarität
4. Russland als Großmacht?
Anmerkungen
„Ein Mensch lebt noch mit letzter List
In einer Welt, die nicht mehr ist.
Ein andrer, grad so unbeirrt,
Lebt schon in einer, die erst wird.“
(Eugen Roth, Zwischen den Zeiten)
„Ребята с фронта приехали, знают, что проблем много.
Но войска совершенно другие, и они воеванные. Такой
армии в мире больше нет, просто не существует.“
(Die Jungs, die von der Front zurückgekehrt sind, wissen,
dass es viele Probleme gibt. Die Streitkräfte sind aber
völlig andere geworden und sie sind kampferprobt. Es
gibt keine andere Armee auf der (ganzen) Welt wie diese;
sie existiert einfach nicht.)
(Putin, 17. Dezember 2025)
1. Paul D. Wolfowitz und der Ukrainekonflikt
In einem am 13. Dezember 2025 stattgefundenen Trialog zwischen zwei ehem. CIA-Analysten, Raymond McGovern (geb. 1939) und Graham E. Fuller (geb. 1937) sowie einem jungen brasilianischen Moderator, Nima R. Alkhorshid, hat McGovern eine Geschichte erzählt, die es in sich hat. Nach einer Beendigung des Zweiten Golfkrieges (auch Erster Irakkrieg genannt) 1991 fand ein Gespräch zwischen Paul D. Wolfowitz (1989-1993 Unterstaatssekretär für politische Fragen im Verteidigungsministerium) und Wesley Clark (Kommandeur des US Army National Training Center während der Operation Desert Storm) statt.
Clark beglückwünschte Wolfowitz mit der erfolgreichen Kriegsbeendigung und fragte anschließend, welche wichtigste Lehre er aus der Operation Desert Storm ziehen würde. Ohne lange zu überlegen, reagierte Wolfowitz prompt mit der Aussage: „Wir können solche Sachen nur machen, weil die Russen uns nicht stoppen können.“ „Wolfowitz war ein kluger Mann“, kommentierte McGovern anschließend dessen Äußerung, weil Wolfowitz gleich im nächsten Satz hinzufügte: „Es wird die Zeit kommen, in der alles ganz anderes wird. Wir müssen darum diese Übergangszeit nutzen, um unsere Macht und Stärke solange, wie es nur geht, aufzubauen, damit keiner uns im Wege steht.“
Das Gespräch fand 1991 statt! Dreißig Jahre später ist die „Übergangszeit“ vorbei. „Jetzt haben die Russen uns in der Ukraine gestoppt“, sagte McGovern grinsend und fuhr fort: „Das können wir nicht mehr einfach ignorieren. Deswegen sehe ich in der Veröffentlichung der National Security Strategy 2025 die Rückkehr zu unserer Region“, sprich die Rückabwicklung des US-Hegemonialanspruchs auf die Weltherrschaft.
Dass die erzählte Geschichte höchstwahrscheinlich nicht erfunden ist, bestätigen die geostrategischen Überlegungen, die Wolfowitz bereits ein Jahr später klar und deutlich formulierte. Die New York Times veröffentlichte 1992 ein Strategiepapier „Defense Planning Guidance“, das unter der Leitung von Paul D. Wolfowitz konzipiert wurde.
Die der Zeitung zugespielten und nicht für die Öffentlichkeit bestimmten geostrategischen Überlegungen der USA für die Zeit nach dem „Kalten Krieg“ sorgten weltweit für Aufsehen. Die konzipierte Präventivstrategie setzte zum Ziel der amerikanischen Geopolitik, „den Aufstieg neuer Rivalen überall zu verhindern – also das Emporkommen der Staaten, die Washington feindlich gesinnt seien, und den Aufstieg demokratischer US-Verbündeter wie Deutschland und Japan.“1
Der Golfkrieg hat Wolfowitz´ konzipierte Präventivstrategie aus seiner Sicht voll und ganz bestätigt. Seine Zufriedenheit war darum mehr als berechtigt. China war noch nicht so weit und Russland lag militärisch und ökonomisch am Boden und war viel zu schwach, um irgendwelchen Widerstand leisten zu können. Die 1990er-Jahre und das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts waren zweifelsohne die Jahre des Triumpfs der US-Hegemonie.
Dreißig Jahre später können seine Epigonen nur mit Nostalgie und Wehmut auf diese „glorreichen“ Zeiten der US-Hegemonie zurückblicken. Dass es so weiter nicht ewig gehen kann, davor hat Wolfowitz´ uns alle gewarnt, wie McGovern gerade erzählte, und hat dabei recht gehabt, wie wir heute wissen.
Mit dem Ukrainekrieg werden nun die geopolitischen Karten neu gemischt. Ohne Russlands militärische und Chinas ökonomische Stärke geht heute auf der weltpolitischen Bühne nichts mehr. Momentan leben der „Westen“ und der „Nichtwesten“ allerdings aneinander vorbei. Der eine lebt „in einer Welt“, um Eugen Roths tiefsinnigen Reim nochmals zu zitieren, „die nicht mehr ist“, und der andere „in einer, die erst wird“.
2. Ist die Feindstaatenklausel noch aktuell?
Wie prekär und labil die weltpolitische Lage ist, die darauf deutet, dass wir ins Zeitalter der Großmächterivalität geschlittert sind, zeigt sich nicht nur am Ukrainekonflikt zwischen Russland und der Nato-Allianz, sondern zunehmend auch an einem sich anbahnenden und immer schärfer werdenden Konflikt zwischen China und Japan.
Dieser Konflikt wurde durch Aussagen der japanischen Premierministerin, Sanae Takaichi, ausgelöst, die eine militärische Reaktion Japans bei einer chinesischen Invasion Taiwans andeutete, was China als „Wiederaufleben des Militarismus“ verurteilte und mit Sanktionen und diplomatischem Druck reagierte.
Mehr noch: Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges drohte China nun mit Berufung auf die Feindstaatenklausel des Art. 53 der UN-Charta mit einer Gewaltanwendung.
Die Feindstaatenklausel ist eine Klausel in den Art. 53 und 107 der UN-Charta, wonach gegen die Feindstaaten des Zweiten Weltkrieges (gemeint sind in erster Linie Deutschland und Japan) von den Unterzeichnerstaaten Zwangsmittel ohne Ermächtigung durch den UN-Sicherheitsrat verhängt werden können, falls diese erneut eine aggressive Politik verfolgen sollten. Sie schlossen auch militärische Interventionen mit ein.
Zwar wurde die Feindstaatenklausel durch die Resolution 49/58 der Generalversammlung vom 9. Dezember 1994 offiziell für „hinfällig“ erklärt, der formelle Änderungsprozess wurde aber nie abgeschlossen.
Am 21. November 2025 veröffentlichte die chinesische Botschaft in Tokio einen Auszug aus der UN-Charta, der sich eben auf diese Feindstaatenklausel bezieht und löste einen diplomatischen Eklat aus. Im Anschluss daran reichte Peking bei den Vereinten Nationen eine formelle Beschwerde gegen Takaichis Äußerungen ein. Die Botschaft rief Japan, „als ein Land, das im Zweiten Weltkrieg eine Niederlage erlitten hat“, dazu auf, „über seine historischen Verbrechen nachzudenken“ und seinen Kurs in der Taiwan-Frage zu ändern.
Das japanische Außenministerium wies seinerseits dieses Anliegen zurück und warf China vor, die „veralteten Bestimmungen“ falsch auszulegen, die seiner Ansicht nach nicht mehr der UN-Praxis entsprächen und darum irrelevant sind.
Nun ja, was gestern nicht relevant und veraltet war, kann morgen relevant und in Anbetracht der Großmächterivalität jede Zeit reaktiviert werden. Schließlich wurde die Klausel aus der UN-Charta nicht entfernt und hat ihre Geltung formalrechtlich nicht verloren.
Auch Russland könnte theoretisch die Feindstaatenklausel gegen Deutschland reaktivieren, verhält sich die amtierende Bundesregierung doch im Ukrainekonflikt gegenüber Russland mittlerweile derart aggressiv, feinselig und militant, was sich die Russen auf Dauer nicht ohne Weiteres gefallen lassen werden.
In einer zum Abschluss der Ukraine-Gespräche in Berlin am 15. Dezember 2025 verabschiedeten gemeinsamen Erklärung heißt es, eine von Europa geführte und den USA unterstützte Truppe würde die ukrainischen Streitkräfte unterstützen und die Sicherheit des Luftraums und der Meere gewährleisten. Dies solle „auch durch Operationen innerhalb der Ukraine“ geschehen.
Ohne Russlands Zustimmung käme dieses Dokument einer Kriegserklärung gleich. Und sollte Deutschland an solchen „Operationen“ mitbeteiligt sein, könnte dann die Feindstaatenklausel in Kraft treten und es bedürfte für Russland keiner Zustimmung des UN-Sicherheitsrats, um gegen Deutschland militärisch vorzugehen. Denn jedes UN-Mitgliedsland hätte in diesem Falle das Recht, in den unter die Klausel fallenden Ländern militärisch auch ohne weiteres UN-Mandat einzugreifen.
Die Bundesregierung ignoriert zwar seit Jahr und Tag die Feindstaatenklausel. „Sie ist obsolet und einfach kein Thema mehr“, sagte der deutsche UN-Botschafter Peter Wittig. „Das ist ein Relikt von 1945, das viele nicht einmal mehr kennen“, zitierte Die Welt ihn am 19. September 2012. Das ist aber lange her. Die Zeiten haben sich seitdem dramatisch geändert. Die Bundesregierung soll sich heute lieber nicht in der trügerischen Sicherheit wiegen, dass ihr nichts passieren und sie weiter Russland mit aggressiver Rhetorik ungestraft provozieren kann.
Wer wie der amtierende Bundeskanzler, Friedrich Merz, zündelt, sich bewusst wie ein Agent Provocateur benimmt, Putin als „Kriegsverbrecher“ beschimpft und immer wieder direkt oder versteckt mit der Lieferung der Taurus-Raketen droht, riskiert eine Reaktivierung der Feindstaatenklausel durch Russland und eine Einstufung Deutschland als „Feindstaat“ gemäß den Art. 53 und 107 der UN-Charta mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.
Wer sich so aggressiv wie Merz, Wadephul und Pistorius verhält, muss sich nicht wundern, wenn eine entsprechende Gegenreaktion seitens der Sieger- und nuklearen Supermacht Russland erfolgt. Da wird keine Nato-Allianz helfen können. Und Trumps Amerika? Es wird im Zweifel an der Seitenlinie stehen bleiben und sich wie ein „weiser Affe“ nach einem chinesischen Sprichwort verhalten: „Ein weiser Affe beobachtet von der Spitze eines hohen Berges aus den Kampf zweier Tiger“, bleibt ruhig und mischt sich nicht in die Streitigkeiten oder Konflikte anderer ein, sollen diese sich doch gegenseitig bekämpfen.
Manche US-Geostrategen, die sich bei Festtagen und in Sonntagsreden „Freunde“ Deutschlands nennen, werden insgeheim nur froh darüber sein, wenn die Russen und die Deutschen zum wiederholten Mal aufeinander losgehen.
Dass die amtierende Bundesregierung das nicht begreift, macht fassungslos. Man sollte sein Schicksal unnötigerweise lieber nicht herausfordern!
3. Robert Work und die Unipolarität
Dass sich die Übergangszeit, von der Wolfowitz gesprochen hat, lange vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine dem Ende zuneigte, bezeugt eine Rede des stellvertretenden US-Verteidigungsministers, Robert Work (2014-2017), aus dem Dezember 2015. Vor genau zehn Jahren hielt Work am 14. Dezember 2015 beim ersten Nationalen Sicherheitsforum der den US-Demokraten nahestehenden Denkfabrik Center for a New American Security (CNAS) eine Grundsatzrede.
Darin sprach er bereits von der unipolaren Weltordnung, die „an Bedeutung verliert“. „Wir treten in eine multipolare Welt ein, in der die globale Führungsrolle der USA voraussichtlich in Frage gestellt werden wird“ (The unipolar world is starting to fade and we enter a more multipolar world, in which U.S. global leadership is likely to be increasingly challenged).
Es finde „das Wiederaufleben des Großmachtwettbewerbs“ (the reemergence of great power competition) statt, warnt Work. Mit einem ausdrücklichen Verweis auf den bekannten US-Politikwissenschaftler, John Mearsheimer, übernimmt er sodann dessen Definition einer Großmacht (a great power) als einer Macht, die „über ausreichende militärische Ressourcen verfügt, um in einem umfassenden konventionellen Krieg gegen die dominierende Macht (das wären die Vereinigten Staaten) ernsthaften Widerstand zu leisten, und der über eine nukleare Abschreckung verfügt, die einen Erstschlag gegen sie überstehen könnte.“
Mit Großmacht meinte Work verklausuliert Russland – den alten Rivalen des „Kalten Krieges“. Freilich war Russland 2015 noch nicht soweit, um dem US-Hegemon „ernsthaften Widerstand zu leisten“. Dessen ungeachtet lief für Work Vierteljahrhundert nach Wolfowitz´ Warnung die „Übergangszeit“ für die Auf- und Ausbau der US-Hegemonie allmählich aus. Eine bemerkenswerte Erkenntnis zu dieser Zeit!
Nach zehn weiteren Jahren können wir heute im Jahr 2025 mit Fug und Recht behaupten, dass die besten Zeiten der unipolaren Weltordnung unter Führung des US-Hegemonen hinter uns liegen, und wir in ein ganz neues Zeitalter eingetreten sind.
Nichts symbolisiert den Niedergang der unipolaren Weltordnung so sehr wie der Gedenkgottesdienst in der Washington National Cathedral für die ehem. Außenministerin, Madeleine Albright, Ende März 2022 kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine.
Mit der Trauerfeier für die am 23. März 2022 verstorbenen Albright wurde die US-Hegemonie buchstäblich zu Grabe getragen. Der Chronist berichtete über den stattgefundenen Gedenkgottesdienst: „In seiner leidenschaftlichen Laudatio zog Biden eine implizite Parallele zu den 1990er-Jahren“, die den „Kreuzzug für Demokratie auf dem Balkan gegen Milošević verkörperten … Mir war nicht entgangen, dass Madeleine maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Nato immer so stark bleibt, wie heute,“ sagte der US-Präsident, Joe Biden, und bezeichnete Madeleine Albright als „Nexus der außenpolitischen Gemeinschaft“ (nexus of the foreign policy community)2.
Und dieser „Nexus“ hat das Zeitliche gesegnet und mit ihm die „glorreichen“ Zeiten der US-Hegemonie. Mit dem Gedenkgottesdienst für Clintons Außenministerin wurde gleichsam auch die unipolare Weltordnung unwiderruflich und unwiederbringlich zu Grabe getragen. So schnell vergeht nun mal der Ruhm der Welt. „O quam cito transit gloria mundi!“
4. Russland als Großmacht?
„Wir betrachten Russland daher als eine wiedererstarkte Großmacht“ (So we consider Russia a resurgent great power). Seine langfristigen Perspektiven sind nach unserer Auffassung nach wie vor sehr herausfordernd, was es in den nächsten fünfundzwanzig Jahren möglicherweise eher aggressiver als weniger aggressiv machen könnte“, sagte Robert Work 2015 in seiner Rede voraus.
2015 gab es nicht viele, die wie Work eine militärische Wiedererstarkung Russlands voraussahen. Sein Vorgesetzter und Oberbefehlshaber der Streitkräfte (Commander-in-Chief of the United States Armed Forces), Barack Obama, verhöhnte Russland als „Regionalmacht“. Kreml-Chef Putin agiere aus einer Position der Schwäche, beteuerte Obama im März 2014 mit Bezug auf die Krim-Krise.
Was Work allerdings mit der „Aggressivität“ meinte, war nicht „aggressiv“, sondern offensiv. Und Obamas Verhöhnung verwechselte „Regionalmacht“ mit geschwächter und angeschlagener Großmacht, die außen- und sicherheitspolitisch zwei Jahrzehnte lang defensiv agierte und ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang des Sowjetreiches nur langsam begann, sich zu berappeln und 2014 – von der sog. „Maidan-Revolution“ überrascht, in die Offensive überging.
Das reichte für Work aus, in dieser Offensivhaltung die Aggressivität Russlands als wiedererstarkter Großmacht zu erblicken. Russland blieb indes angesichts des Staatsstreichs in Kiew nichts anders übrig als aktiv zu werden. Defensivhaltung war keine Option mehr! Das hätte sonst zwangsläufig zu einem weiteren Verlust der „strategischen Tiefe“ (strategic depth) geführt.3
Der Zerfall des Sowjetimperiums bedeutete für Russland nicht nur ein Verlust an Status und Prestige, sondern auch und vor allem „der Verlust der strategischen Tiefe und Sicherheit“ (the loss of strategic depth and security). Nach dem Untergang der UdSSR verlaufe die westliche Grenze weniger als 500 km von Moskau. Russlands Bestreben „diese empfundene Verwundbarkeit“ (perceived vulnerability) zu kompensieren und zumindest teilweise „die strategische Tiefe“ (strategic depth) zurückzugewinnen, bestimmen im Wesentlichen die russische Außenpolitik (a major driver of Russian foreign policy) seit dem Untergang der Sowjetunion, schrieben zwei US-Politikwissenschaftler, Eugene Rumer und Richard Sokolsky in ihrer 2019 veröffentlichten umfangreichen Studie „Thirty Years of U. S. Policy Toward Russia: Can The Vicious Circle Be Broken?“4
Und dann kam der Staatsstreich 2014, der Russland räumlich noch weiter zurückdrängen und dadurch geostrategisch schwächen sollte. Das hätte sich kein Herrscher im Kreml gefallen lassen, wie auch immer er heißen möge. Der Umsturz in Kiew 2014 war, rein geostrategisch gesehen, eine schwerwiegende und folgenreiche Niederlage Russlands, die letztlich acht Jahre später, wie wir heute wissen, zum Ukrainekrieg geführt hat.
Da erschien die Krim-Eingliederung 2014 in die Russländische Föderation lediglich als Trostpflaster, das die bittere geostrategische Niederlage des Kremls nur kaschierte, aber nicht beseitigte. „Keiner weiß heute“, schrieb ich noch 2018, „welches >geopolitische Risiko< sich noch dahinter verbirgt“5. Heute wissen wir es.
Was nun? Mit dem Ukrainekrieg ist das eingetreten, was Wolfowitz 1991 vorausgesagt und Work 2015 als „das Wiederaufleben des Großmachtwettbewerbs“ (the reemergence of great power competition) begriffen hat, der nicht mehr aufzuhalten ist. Der erneute Aufstieg Russlands zur Großmacht, die laut der oben zitierten Definition von John Mearsheimer „über ausreichende militärische Ressourcen verfügt, um in einem umfassenden konventionellen Krieg gegen die dominierende Macht ernsthaften Widerstand zu leisten“, ist heute mit bloßem Auge zu sehen.
Es wäre ein großer Fehler diese Entwicklung ignorieren zu wollen. Was wir mit dem Ukrainekrieg erleben, ist kein Versuch zur Wiederherstellung des Russischen Reiches oder des Sowjetimperiums, wie die transatlantische Kriegspropaganda behauptet, sondern eine Kampfansage an das nach dem Ende des „Kalten Krieges“ entstandene Machtungleichgewicht in Europa.6
Russland wurde ungeachtet mancher Träumereien in den 1990er-Jahren und noch Anfang der 2000er-Jahre nicht Teil des „Westens“. „Der anfängliche Versuch, sich in die westlichen Strukturen zu integrieren und sogar eine Art >dritter Westen< (третьий Запад) neben den USA und der EU im Rahmen der euroatlantischen Welt werden zu wollen“, ist „kläglich gescheitert“7.
Auch manche europäischen Träume von der Niederwerfung Russlands im Ukrainekrieg sind längst ausgeträumt, selbst wenn einige wie der bekannte dänische Publizist, Per Nyholm (geb. 1943), immer noch nicht davon loslassen wollen.
Unlängst veröffentlichte Jyllands-Posten am 14. Dezember 2025 Nyholms Artikel, dessen Titel für sich spricht: „Europas krigsmål i Ukraine er Ruslands undergang“ (Europas Kriegsziel in der Ukraine ist der Untergang Russlands).
Und gleich zu Beginn seiner Veröffentlichung träumt er von „Russlands Niedergang“: „Europa sollte Russlands Niederlage genauso vollständig anstreben wie Deutschlands Niederlage im Jahr 1945. Russland muss mit westlichen Waffen in den von Putin und seinen Gangstern geschaffenen Abgrund getrieben werden.“
Davon träumt Europa mit seinen kleinen und großen Feldherren wie König Karl XII (1709), Napoleon (1812) oder Hitler (1941 ff.) seit Jahrhunderten8. Vergeblich, wie man weiß! Russland positioniert sich heute als Großmacht und Gegenspieler Europas. Eine geopolitische und geoökonomische Konfrontation zwischen Russland und den Nato-Ländern ist längst in vollem Gange und man stellt immer wieder die Frage: Wer sitzt in der nie enden wollenden Konfrontation zwischen Russland und Europa am längeren Hebel? Die Geschichte hat eigentlich die Frage schon längst beantwortet! Oder nicht?
Anmerkungen
1. Zitiert nach Kubbig, B. W., Wolfowitz’ Welt verstehen. Entwicklung und Profil eines „demokratischen Realisten“. HSFK 7 (2004).<br>
2. Zitiert nach Silnizki, M., „The Washington Blob“ und der Ukrainekonflikt. Zwischen Euphorie und Ernüchterung. 19. September 2023, www.ontopraxiologie.de.<br>
3. Vgl. Silnizki, M., Die Nato-Expansion und Russlands „Strategic Depth“, in: des., Dreißig Jahre US-Russlandpolitik. Zwischen Ideologie und Expansion. 17. Januar 2023, www.ontopraxiologie.de. <br>
4. Rumer, E./Sokolsky, R., „Thirty Years of U. S. Policy Toward Russia: Can The Vicious Circle Be Broken?“. Carnegie Endowment for International Peace, 20. Juni 2019.
5. Silnizki, M., Außenpolitisches Denken in Russland. Im Strudel von Geopolitik und Identitätsdiskurs. Berlin
2018, 98.
6. Näheres dazu Silnizki, M., Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip? Zur Sicherheitskonstellation von
heute und morgen. 11. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
7. Тренин, Д., Новый Баланс Сил. Россия в поисках внешнеполитического равновесия. Альпина паблишер. Москва 2021, 48 f.
8. Vgl. Silnizki, M., In Feindschaft vereint. Russland und Europa im Wandel der Zeit. 22. November 2025,
www.ontopraxiologie.de.