Auf dem Wege zum Frieden?
Übersicht
1. Warum fand das Gipfeltreffen in Alaska statt?
2. Das Gerede über die „Sicherheitsgarantien“
Anmerkungen
„The best and most effectual security for the future Peace of Europe would be the severance
from Russia of some of the frontier territories acquired by her in later Times, Georgia,
Circassia, the Crimea, Bessarabia, Poland & Finland.“
(Die beste und wirksamste Sicherung des zukünftigen Friedens in Europa wäre die Abtrennung
einiger, von Russland in der letzten Zeit erworbenen Grenzgebiete: Georgien,
Tscherkessen, die Krim, Bessarabien, Polen und Finnland.)
(Lord Palmerston, 26. Mai 1854)
1. Warum fand das Gipfeltreffen in Alaska statt?
Die Chronisten berichten: Aufgerollter roter Teppich! Begeisterter Empfang! Betonte Höflichkeit und Zuvorkommenheit! Trump empfing Putin auf dem Flugfeld der Militärbasis in Anchorage. Dort schüttelten sich beide die Hände und fuhren gemeinsam in Trumps Limousine zum Verhandlungsort.
Man erkannte Trump nicht. Der Polterer war wie gewandelt: Ohne Poltern, Drohungen und Respektlosigkeit! Ganz im Gegenteil: Der „liebe Donald“ aus Washington veranstaltete einen liebevollen Empfang für einen „lieben Vladimir“ aus Moskau. Was für eine Ehrerbietung für einen kurz zuvor verachteten und ausgestoßenen Paria!
Aber wozu? Will Trump wirklich Frieden in der Ukraine erreichen? Oder will der „liebe Donald“ seinen „lieben Vladimir“ vielmehr hinter das Licht führen? „Erdrückung durch Umarmung“ würde dann eine solche Verhandlungsmethode heißen. Oder will Trump etwas ganz anderes, gilt er doch laut seinen begeisterten Anhängern als der „beste Dealmaker aller Zeiten“? Oder nicht?
Da ist zumindest Michael Kimmage (Prof. f. Geschichte an der Catholic University of America) ganz anderer Meinung. In seinem am 19. August 2025 in Foreign Affairs erschienenen Beitrag „The Pernicious Spectacle of Trump’s Russia-Ukraine Diplomacy“ (Das verderbliche Spektakel von Trumps Russland-Ukraine-Diplomatie) äußert er große Zweifel daran, dass Trump überhaupt ein Vermittler zwischen Russland und der Ukraine sein kann.
Denn die Trump-Administration habe gar keinen Plan, um den Krieg zu beenden. Trump schwanke stets von einer Position zu der anderen und wechsle sie wie Handschuhe: Heute fordert er einen bedingungslosen Waffenstillstand, morgen redet er von einer umfassenden Friedensregelung, um am darauffolgenden Tag mit Drohungen aufzuwachen, sich ganz aus dem Konflikt zurückzuziehen.
Die Trump unterstellte außenpolitische Wankelmütigkeit charakterisiert Kimmage als eine „Pantomime der Diplomatie“ (pantomiming of diplomacy). Zugleich greift er scharf die EU-Europäer an, die bei ihren Begegnungen mit Trump, statt sein Kasperletheater zu unterbinden, stets ein „Spektakel der Kriecherei“ (spectacle of sycophancy) inszenieren.
Moskau könne wiederum „sein diplomatisches Theater“ mit den USA nutzen, um sich als ein Land zu präsentieren, das einen Frieden anstrebe. In diesem Sinne wäre das Treffen in Alaska „ein Geschenk an Putin“, glaubt Kimmage zu wissen und meint warnend, dass „Trumps diplomatische Farce“ (Trump’s diplomatic charade) letztendlich an den Folgen für die US-Weltmachtstellung gemessen werde.
Denn was Trump tue, sei nicht mehr und nicht weniger als die Zerstörung des „Nachkriegseuropas“ – eines „Kronjuwels der US-Außenpolitik“ (Postwar Europe is the crown jewel of American foreign policy, empört sich Kimmage.
Trumps Vorgehensweise sei zu chaotisch, seine Stellungnahmen seien voller Lügen und sein Politikstil zu abrupt, als dass die ausländischen Staats- und Regierungschefs ihm vertrauen könnten. Ohne Vertrauen gäbe es aber keine sinnvolle Zusammenarbeit und ohne Vertrauen verlieren die Allianzen an Validität.
Eine solch harsche Kritik an Trumps Außenpolitik und die scharfe Abrechnung mit seiner Russland- und Ukrainepolitik sind nichts Neues im US-außenpolitischen Establishment. Man denkt nur an den Rundumschlag gegen Trumps Außenpolitik, die die Direktorin für Außen- und Verteidigungspolitik am American Enterprise Institute, Kori Schake, erst vor gut einem Monat geübt hat.
In ihrer Schrift „Dispensable Nation. America in a Post-American World“ (Eine entbehrliche Nation. Amerika in einer postamerikanischen Welt) ging sie mit der Trump-Administration hart ins Gericht.1 Das Problem all dieser Kritiker ist aber, dass sie sich bei aller berechtigten Empörung stets an der „glorreichen“ Vergangenheit orientieren, die so, wie sie mal war, nicht mehr existiert, wodurch sie Trumps tatsächlich gemachten taktischen und strategischen Fehler verkennen.
Dass Trump wankelmütig und unentschlossen sei, „keinen Plan“ habe und nur eine Show abziehe, wie Kimmage verächtlich und abfällig behauptet, gehören zu jenen üblichen Anfeindungen und Diffamierungen seiner Person, die seine Gegner und Kritiker bereits seit Jahren medial praktizieren.
Man denke zum Vergleich an Helmut Kohl. Kein anderer Kanzler wurde so gern, so oft und so hämisch karikiert wie Kohl. Vielen ist er aber vor allem als „Kanzler der Einheit“ in Erinnerung geblieben. Dass Trump alles andere als wankelmütig, unentschlossen und haltungslos ist, sondern ganz im Gegenteil ein klares Urteilsvermögen besitzt und weitsichtig ist, beweist sein Interview mit dem Playboy-Magazin, das er vor gut fünfunddreißig Jahren im März 1990 gegeben hat.
In dem Interview bezeichnete er Gorbatschow als einen „schwachen“ Politiker, der „die UdSSR zerstört“, und prophezeite seinen Sturz: „Ich glaube, er werde gestürzt; er zeigt unglaubliche Schwäche. … Seine Schwäche wird ihn und seine Kumpels das Wertvollste kosten: ihre Jobs.“
Darauf angesprochen, wie er „die Zukunft der Welt“ sieht, sagte der vierundvierzigjährige Trump: „Ich denke oft an einen Atomkrieg. … Er ist die größte Katastrophe, die größte Bedrohung für die Welt, und niemand spricht über die Einzelheiten. Es ist wie eine Krankheit – niemand glaubt, dass er sie bekommt, bis er sie hat. … Ich halte es für die größte Dummheit, dass die Leute glauben, es werde keinen Atomkrieg geben, weil sie wissen, wie zerstörerisch er sein wird. Und das ist ein völliger Schwachsinn.“
Und auf die Frage, was er dagegen getan hätte, wäre er US-Präsident, antwortete er: „Er würde an militärische Übermacht glauben. Er würde niemandem vertrauen. Er würde den Russen nicht vertrauen; er würde unseren Verbündeten nicht vertrauen; er würde über ein riesiges Arsenal verfügen, es perfektionieren und verstehen, wie alles funktioniert. Das Problem ist, dass wir die reichsten Länder der Erde kostenlos schützen … Die ganze Welt lacht darüber, dass wir Japan schützen …“
Diese Geisteshaltung und politische Einstellung hat Trump, wie wir mittlerweile wissen, bis heute beibehalten. Von einer Wankelmütigkeit, Haltungslosigkeit und fehlendem Urteilsvermögen kann darum keine Rede sein.
Trumps Problem liegt heute ganz woanders, als seine Dauerspötter es vermuten mögen. Mit seiner Handelspolitik hat er sich zuletzt verzockt und dadurch einen katastrophalen geostrategischen Fehler begangen, dessen Folgen nicht zu unterschätzen sind.
Was ist passiert? In Anbetracht seiner erfolgreichen Zollpolitik gegenüber seinen europäischen Bündnisgenossen, mit der er sich auf der ganzen Linie durchgesetzt hat, ist Trump im Glauben, er könne ab jetzt übers Wasser gehen und der ganzen Welt seine Handelspolitik diktieren, übermütig geworden.
Von seinem Erfolg geblendet, hat er am 14. Juli 2025 Russlands Handelspartnern Brasilien, Indien und die anderen BRICS-Staaten mit Strafzöllen von bis zu 100 Prozent gedroht. Diese sollten erhoben werden, wenn es bei den Bemühungen um ein Ende des Ukrainekrieges binnen 50 Tagen, die er dann später auf 10 Tage reduziert hat, keine Einigung gebe.
Im Anschluss daran hat Trump am 6. August 2025 zusätzliche Zölle in Höhe von 25 Prozent für Importe aus Indien unter dem Vorwand angekündigt, dass Indien trotz des Krieges gegen die Ukraine russisches Öl kauft.
Das war schließlich des Guten zu viel. Trumps Vorgehensweise löste in indischen Regierungskreisen und in der indischen Gesellschaft einen Sturm der Entrüstung aus. Die indische Regierung hat daraufhin ihre Pläne zur Beschaffung neuer Waffen und Flugzeuge aus den USA gestoppt und sich nicht einschüchtern lassen.
Mit seinem Einschüchterungsversuch hat sich Trump vergaloppiert, weil er mit einer solchen Reaktion offenbar nicht gerechnet und dadurch geopolitisch eine Bauchlandung erlitten hat. Denn seine Ankündigung, die Zölle zu erhöhen, löste nicht nur eine handfeste Krise in den amerikanisch-indischen Beziehungen aus, sondern führte auch zur Zerstörung der mühsam aufgebauten strategischen Partnerschaft zwischen den USA und Indien, die dazu dienen sollte, Indien gegen China in Stellung zu bringen.
Statt sich also einschüchtern zu lassen, hat sich Indien demonstrativ Russland und China zugewandt und seine politischen und ökonomischen Beziehungen intensiviert. Erstmals seit 2018 reist Indiens Regierungschef, Narendra Modi, nach China.
Modi wird am 31. August 2025 die Eröffnung des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Tianjin besuchen. Chinas Außenminister Wang, der sich kürzlich in Indien aufhielt, sagte, „dass eine gesunde und stabile Beziehung zwischen China und Indien den grundlegenden und langfristigen Interessen unserer beiden Länder dient.“
Auch Putins Staatsbesuch wurde vor Ende 2025 in Delhi angekündigt. Wie man sieht, Trump ist es >gelungen<, die BRICS-Staaten noch enger zusammenzuführen, statt sie zu spalten.
Vor dem Hintergrund dieser katastrophalen geostrategischen Fehleinschätzung und Folgewirkung der Sanktions- und Zollpolitik muss das Gipfeltreffen zwischen Trump und Putin in Alaska gesehen werden.
Das primäre Ziel des Gipfeltreffens in Alaska war weder ein Bemühen um einen Frieden in der Ukraine noch „die Aufwertung Putins“, wie manche politischen Kommentatoren glauben, sondern zuallererst ein Rettungsanker für Trump.
Das haben die Politmatadore aus Deutschland gar nicht verstanden, als sie in ihrer gewöhnten provinziellen Manier herumpöbelten. „Der Aggressor hat sich Zeit erkaufen können und die Fernsehbilder bekommen, die er für die russische Heimatfront braucht“, „analysierte“ der FDP-Chef Christian Dürr das Treffen in Anchorage. „Dass Putin nun mit diesem Punktsieg im Gepäck aus Alaska abreisen konnte, muss die Europäische Union endgültig aufrütteln,“ fügte Dürr anschließend belehrend hinzu.
Und die berühmte Scharfmacherin der FDP, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (gegenwärtig Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im EU-Parlament), stand ihrem Parteifreund in nichts nach, als sie anmerkte: „Der Gipfel in Alaska war die befürchtete große Show, die die USA schlecht vorbereitet haben, die ohne Ergebnisse war und einen klaren Gewinner Wladimir Putin hatte.“ Sie warf zugleich „Dealmaker Trump“ vor, Putin in Alaska den roten Teppich ausgerollt zu haben, ohne im Gegenzug einen Deal zu erhalten.
Diese in der EU grassierende Unkultur der Pöbelei ist einem europaweiten geopolitischen Analphabetentum zu verdanken und ist typisch für die EU-Machteliten, die über den Tellerrand des verzwergten Europas nicht hinausblicken und von den Winkelzügen der Weltpolitik keine Notiz nehmen.
Das Gipfeltreffen in Alaska war eine gesichtswahrende Aktion für Trump unter wollwollender Unterstützung Putins. Denn Trump hat sich, wie gesagt, in seinem Sanktions- und Zollkrieg gegen die BRICS-Staaten vergaloppiert und überschätzt. Seine sanktionspolitische Einschüchterung hat die BRICS-Gruppe nicht auseinandergebracht, sondern ganz im Gegenteil zusammengeführt.
Das hat Trump spät, aber nicht zu spät verstanden. Putin hat seinerseits verstanden, dass Trump es verstanden hat, und half seinem „lieben Donald“ selbstverständlich aus eigennützigen geopolitischen Erwägungen sich rechtzeitig und gesichtswahrend aus der Affäre zu ziehen. Nur die provinziell denkende EU-europäische politische Klasse hat das bis heute nicht verstanden und wird das vermutlich auch nie verstehen.
Der Ukrainekonflikt spielte zwar eine wichtige, aber bei weitem nicht die wichtigste Rolle. Auch deswegen war das Treffen auf drei Stunden verkürzt und ist schnell zu Ende gegangen, weil die Verhandlungen zwischen Trump und Putin vermutlich bereits in Trumps Limousine, die die beiden zum Verhandlungsort gebracht hat, unter vier Augen stattgefunden haben und dort das Allerwichtigste vereinbart wurde.
Man munkelt, dass Putin in Privatgesprächen durchaus ein passables Englisch spricht. Alles andere wurde sodann entweder längst ausverhandelt oder in drei Stunden abgehakt.
2. Das Gerede über die „Sicherheitsgarantien“
Die skizziere geopolitische Dimension des Gipfeltreffens in Alaska hatten die EU-Kriegsfalken nicht auf dem Schirm. Zu sehr sind sie auf den Ukrainekonflikt fixiert und können den (geopolitischen) Wald vor lauter (ukrainischen) Bäumen nicht sehen. Sie werden mittlerweile zunehmend mit Hohn und Spott überschüttet.
Neulich nannte der britische Schriftsteller und Historiker, Owen Matthews (geb. 1971), sie verächtlich „die Pygmäen Europas“ (The pygmies of Europe).
Unter dem Titel, der für sich spricht: „The pygmies of Europe still haven’t realised how irrelevant they’ve become over Ukraine“ (Die Pygmäen Europas haben noch immer nicht begriffen, wie irrelevant sie in der Ukraine geworden sind) veröffentlichte Matthews am 18. August 2025 in The Telegraph einen Beitrag, in dem er die bereits vergessenen, drei vergangenen Kriegsjahre in Erinnerung gerufen hat:
„Nachdem eine Reihe diplomatischer Bemühungen … vor dem Krieg gescheitert waren, entschieden sich die europäischen Staats- und Regierungschefs, weitere diplomatische Kontakte mit dem Kreml zu vermeiden. Allein schon die Idee eines Dialogs mit Russland wurde von britischen und EU-Vertretern abgelehnt. Russland sollte isoliert, sanktioniert und als Paria gemieden werden. Jeder Vorschlag für Gespräche mit Putins bösem Imperium wurde als Verrat an unseren tapferen ukrainischen Verbündeten angesehen.
Damit mussten die Amerikaner die Initiative ergreifen und parallel dazu inoffizielle Gespräche führen, sogar unter Trumps Vorgänger Joe Biden. Die Einzelheiten dieser inoffiziellen Gespräche, die als „Track 2“-Gespräche bekannt wurden, sind noch nicht veröffentlicht. Das Ergebnis ist jedoch, dass Trump und nicht die Europäer die Kontrolle über den endgültigen Ausgang des Krieges übernommen hat.“
Und nun vergießen die EU-Kriegsfalken, die sich drei Jahre lang vehement weigerten, sich mit einem Paria aus Moskau an einen Tisch zu setzen, Krokodilstränen und fordern die Teilnahme an Friedensgesprächen. Mit welchem Recht denn? Und vor allem wozu? Um Friedensgespräche mit Putin zu führen oder vielmehr Trumps Friedensverhandlungen zu torpedieren?
Es ist völlig unklar, wie Europa Putin dazu bewegen oder zwingen will, seinen Krieg zu für Selenskyj akzeptablen Bedingungen zu beenden, ohne sich mit Putins sicherheitspolitischem Forderungskatalog aus dem 17. Dezember 2021 auseinanderzusetzen.
Statt direkte Gespräche mit Russland zu führen, beharrt Europa weiterhin darauf, dass Russland auf dem Schlachtfeld besiegt werden kann und muss, wenn man der Ukraine nur genügend Waffen liefert. Das ist dieselbe fatale Logik wie in Vietnam nach 1968 oder in Afghanistan 2009, als Obama die Truppen aufstockte und das US-Militär versicherte, dass der Krieg gewinnbar sei, wenn man nur genügend Bomben abwerfen könne, schreibt Matthews.
Das Ergebnis derartiger Siegesgewissheiten ist hinlänglich bekannt: Der Vietnam- wie Afghanistankrieg wurden auf schandvolle Weise verloren. Aus dieser fatalen Kriegslogik ziehen „die Pygmäen Europas“ aber keine Schlüsse und tun mit ihren abenteuerlichen sicherheitspolitischen Vorschlägen alles, um Trumps Friedensbemühungen zu torpedieren und aus der sog. „Position der Stärke“ den nicht mehr gewinnbaren Krieg weiter führen zu können.
Wenn man sich nun den sicherheitspolitischen Wunschkatalog der EU-Europäer vor Augen führt, so erweckt er den Eindruck, als sei Russland und nicht die Ukraine auf dem besten Wege, den Krieg zu verlieren. Eine solche Realitätsverweigerung macht sprachlos.
Darüber hat gerade der bekannte CNN-Reporter, Stephen Collinson, in seinem CNN-Beitrag „Why Trump deserves credit for his Ukraine push — and why it may all fall apart“ (Warum Trump für seinen Vorstoß in der Ukraine Anerkennung verdient und warum alles scheitern könnte) am 19. August 2025 Gedanken gemacht.
Kritisch setzt er sich mit europäischen „Sicherheitsgarantien“ für die Ukraine bzw. mit dem Vorschlag der italienischen Premierministerin, Giorgia Meloni, auseinander. Sie schlage die Sicherheitsgarantien nach dem Vorbild des Nato-Beistandsversprechens gemäß Artikel 5 vor, dergestalt, dass diese zwar außerhalb formeller Bündnisstrukturen gelten, nicht desto weniger aber auf ähnliche Weise funktionieren.
Collinson fragte daraufhin verwundert: Warum soll Putin, der den Krieg führt, um die Nato-Beitrittsbestrebungen der Ukraine zu unterbinden, einem Abkommen zustimmen, das der Ukraine einen ähnlichen Bündnisstatus einräume? Er wusste offenbar nicht, dass die russische Führung sich bereits im Istanbuler „Vertrag über die dauerhafte Neutralität und Sicherheitsgarantien für die Ukraine“ (Договор о постоянном нейтралитете и гарантиях безопасности Украины) vom 15. April 2022 zu den Sicherheitsgarantien gemäß Artikel 5 des Nato-Vertrags verpflichtete.
Sie lehnte aber gleichzeitig die Truppenentsendung aus den Nato-Ländern in die Ukraine kategorisch ab. Dazu schrieb Carlo Masala neulich in einem Handelsblatt-Artikel: Aus Moskauer Sicht ist „die Zustimmung zu Art.-5-Garantien und die Ablehnung einer europäischen Präsenz vor Ort“ sinnvoll. „Denn es sind zwei unterschiedliche Dinge. Dass wir Europäer und die USA beide Sachen zusammen sehen, liegt darin begründet, dass sie für uns zusammengehören. … Wenn es aber nur Versprechen (Art. 5) gibt, ohne dass diese durch eine Vor-Ort-Präsenz (Soldaten) unterfüttert werden, dann wirken solche versprechen weder abschreckend noch rückversichernd.“2
Masala konstruiert hier einen Widerspruch, den es gar nicht gibt, weil er einem doppelten – historischen und bündnisspolitischen – Missverständnis unterliegt. Die Anwesenheit der US-amerikanischen Truppen in Westeuropa war nicht die Folge des Art. 5 des Nato-Vertrages, sondern das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges.
Die US-Truppen waren bereits im Westeuropa und sie sind auch dort nicht zuletzt infolge des ausgebrochenen „Kalten Krieges“ geblieben, noch bevor die Nato-Allianz überhaupt entstand. Der Entstehungsgeschichte nach gibt es daher keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Präsenz der US-Truppen in Westeuropa und Art. 5 des Nato-Vertrages. Erst die entstandene Blockkonfrontation und die Systemkonkurrenz des „Kalten Krieges“ haben dieses Junktim hergestellt.
Heute haben wir weder das eine noch das andere! Und das ist gut so! Statt in der Blocklogik des „Kalten Krieges“ zu denken (und die Truppenentsendung in die Ukraine ist nichts anders als das), sollte es heute vielmehr um die Schaffung einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur mit Russland und nicht um eine erneute Teilung Europas gehen.
Die fehlende gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur, die man nach dem Ende des Ost-West-Konflikts en passant durch die Nato-Sicherheitsordnung substituiert und mit ihr identifiziert hat, hat eben zu dem geführt, was wir seit dreieinhalb Jahren in der Ukraine erleben. Wollen wir weiterhin diesem gescheiterten Sicherheitsdenken nachtrauen oder vielleicht neue sicherheitspolitische Wege beschreiten?
Das zweite Missverständnis besteht darin, dass Masala das Unvergleichbare miteinander vergleicht. Das „Zusammengehören“ von Art. 5 und Truppenpräsenz vor Ort ist bündnispolitischer Natur und ist mit dem angestrebten Neutralitätsstatus der Ukraine unvereinbar. Würden die europäische Nato-Staaten und die Ukraine auf dieses Junktim beharren, dann entstünde eine de-facto-Allianz zwischen der Nato und der Ukraine, die einen vorgesehenen de-jure-Neutralitätsstatus der Ukraine faktisch aufheben würde.
Sicherheitspolitik allein auf die bündnispolitische Logik zu reduzieren, wäre weder der viel umfassenderen Bedeutung des Sicherheitsbegriffs gerecht noch im Sinne des Erfinders und wird deswegen von Russland kategorisch zurückgewiesen.
Das kann auch von Russland unmöglich erwartet werden, da der Neutralitätsstatus der Ukraine eine Conditio sine qua non und für Russland nicht verhandelbar ist. Durch die Hintertüre, eine de-facto-Allianz zu installieren, wird es mit Russland nicht gehen.
Und genau das hat Trump verstanden und akzeptiert. Selbst wenn die EU-Europäer ihre Truppen in die Ukraine entsenden würden, würden sie wirklich im Falle des Falles einen Krieg gegen die nukleare Supermacht Russland riskieren, um die Ukraine zu verteidigen?
„Ich glaube nicht, dass das, was wir gerade erleben, wo jeder an einer Fantasiediplomatie teilzuhaben scheint, nachhaltig ist“, zitiert Collinson Michael Kimmage in seinem oben zitierten Beitrag und stellt sodann resigniert fest: „Niemand kann sich zwischen Selenskyj, die EU-Staatschefs und Putin stellen. Sollte es jemals zu einem Friedensabkommen kommen, dann wohl nur, wenn Trump sein Charisma und die Macht Amerikas nutzt“ und seinerseits Sicherheitsgarantien gibt.
Genau das will Trump aber beinahe um jeden Preis vermeiden, wie es aus dem Bericht „Pentagon says US will play a minimal role in Ukraine’s security guarantee“ (Pentagon sagt: Die USA spielen nur eine minimale Rolle bei der Sicherheitsgarantie für die Ukraine) in Politico vom 20. August 2025 deutlich hervorgeht.
Bei einem eilig anberaumten Treffen der Nato-Staats- und Regierungschefs am 20. August 2025 haben die US-Vertreter laut Politico klargemacht: „Die USA sind zu nichts verpflichtet.“ Der einflussreiche außenpolitische Berater und Unterstaatssekretär des Pentagons, Elbridge Colby, erklärte bereits am Vorabend des Treffens vor einer kleinen Gruppe von EU-Bündnisgenossen: „Die USA würden bei etwaigen Sicherheitsgarantien für die Ukraine nur eine minimale Rolle spielen.“
Kurzum: Die ganze Debatte über die Entsendung der Truppen aus den europäischen Nato-Länder in die Ukraine ist eine Phantomdebatte, zumal Russland, wie gesagt, strikt gegen jedwede Truppenentsendung aus den Nato-Ländern ist. Es wäre auch völlig abstrus eine solche Zustimmung von Russland zu erwarten, dessen wichtigster Kriegsgrund war, keine Nato-Infrastruktur in der Ukraine zuzulassen.
Zudem fragen sich die Russen immer wieder: Was ist mit den Nato-Sicherheitsgarantien für Russland, die die russische Führung bereits im Dezember 2021 gefordert hat und von der Biden-Administration und der Nato-Allianz arrogant zurückgewiesen wurden. Diese russischen Forderungen werden heute in Europa nicht einmal erwähnt, von einer Diskussion darüber ganz zu schweigen.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass all die diskutierten EU-Sicherheitsgarantien für die Ukraine allein dem Zweck dienen, die von Trump und Putin ausgehandelten Friedensbedingungen zu torpedieren und Russland diese Torpedierung in die Schuhe zu schieben, um den Krieg unvermindert fortsetzen zu können.
Und wenn Selenskyj nach wie vor zusammen mit seinem „Kumpel“, Friedrich Merz, auf einen bedingungslosen Waffenstillstand vor Friedensverhandlungen beharrt, obschon selbst Trump diese Forderung nicht mehr teilt, dann will er keinen Frieden, sondern die Fortsetzung des Krieges.
Das Europa der Eurokraten ist mit Selenskyj an der Spitze anscheinend nicht am Frieden interessiert, weil dieser Frieden einzig und allein mit und nicht ohne Russland zu haben ist. Putin beharrt seinerseits kompromisslos auf eine „nachhaltige und langfristige“ Lösung der Krise, die darin besteht, „alle Ursachen der Krise zu beseitigen“, „alle berechtigten Anliegen Russlands zu berücksichtigen“ und „ein gerechtes sicherheitspolitisches Gleichgewicht in Europa und der Welt wiederherzustellen“.
Die Sicherheitsarchitektur Europas kann heute, anders gesagt, einzig und allein zusammen mit
und nicht ohne Russland aufgebaut werden. Solange die EU-Europäer das nicht akzeptieren, wird es keinen Frieden in Europa geben.
Die Diskussion über eine europäische Truppenentsendung in die Ukraine ist eine Phantomdebatte, die zu nichts führt, weil sie die zwischen Trump und Putin getroffenen Vereinbarungen beim Gipfeltreffen in Alaska aushöhlen. Und was das Gipfeltreffen selbst angeht, so sind die Folgen ein gespaltener „Westen“, das zerstrittene Europa, ein angeschlagener Selenskyj und selbstbewusstes Russland. Wer daher auf den Frieden setzt, muss sich noch gedulden. Der Frieden ist noch lange nicht in Sicht.
Anmerkungen
1. Näheres dazu Silnizki, Der geoökonomische Unilateralismus. Kori Schakes Kritik der Trumpschen
Außenpolitik. 27. Juli 2025, www.ontopraxiologie.de.
2. Masala, C., Von Sicherheitsgarantien, Soldaten in der Ukraine und Stachelschweinen, in: Handelsblatt,
21. August 2025, S. 11.