Die Ausplünderung Russlands in den 1990er-Jahren
Übersicht
1. Die CIA-Agenten an den Schaltstellen der Macht
2. Die US-Berater und State Property Committee
3. Das Russland der 1990er-Jahre und der Ukrainekrieg
Anmerkungen
„В 92-м году Россия стояла на коленях перед всем миром“
(1992 ist Russland vor der ganzen Welt in die Knie gegangen.)
(Jegor Gaidar)1
1. Die CIA-Agenten an den Schaltstellen der Macht
Dass die US-Amerikaner (darunter auch CIA-Agenten) im postsowjetischen Russland der 1990er-Jahre schalteten und walteten, wie sie wollten, ist ein offenes Geheimnis. Zuletzt berichtete Putin am 9. Dezember 2021 bei einer Sitzung des Rates für die Entwicklung der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte, dass die CIA-Mitarbeiter in den 1990er-Jahen für die russische Regierung gearbeitet hätten. Wörtlich sagte er:
„В начале 2000-х я уже вычистил всех, но в середине 1990-х у нас в качестве советников, официальных сотрудников правительства России сидели, как позднее выяснилось, кадровые сотрудники ЦРУ США“ (Anfang der 2000er-Jahre hatte ich bereits alle aus dem Verkehr gezogen, aber Mitte der 1990er-Jahre, wie sich später herausstellte, hatten wir CIA-Mitarbeiter als Berater, offizielle Angestellte der russischen Regierung).
Die Geheimdienstmitarbeiter hätten laut Putin durch ihre Beteiligung an der Privatisierung von Immobilien in Russland gegen das US-Recht verstoßen, worauf sie vom US-Gericht in ihrem Heimatland wegen Bereicherung zur Verantwortung gezogen wurden.
Zwar nannte Putin keine Namen. Wie RIA Novosti aber unter Berufung auf ihre Quellen berichtete, könnte er sich auf die Harvard-Professoren Andrei Shleifer und Jonathan Hay bezogen haben, die die russische Regierung in Privatisierungsfragen berieten.
Das US-Gericht stellte fest, dass die erwähnten Wissenschaftler während ihrer Tätigkeit als Wirtschaftsreformer für die russische Regierung zu ihrem eigenen Vorteil in russische Ölkonzerne investierten. Eine Verbindung zwischen Shleifer und Hay und der CIA wurde allerdings im Prozess nicht erwähnt.
Was Putin vor vier Jahren so beiläufig erzählt hat, war nur eine Petitesse im Vergleich mit den erdrückenden und katastrophalen Folgewirkungen des Untergangs der Sowjetunion, die das Russland der 1990er-Jahre zu einem ökonomischen Anhängsel des Westens und seinem Rohstofflieferanten degradiert haben. Bis heute wirkt diese Entwicklung in Russland nach.
Der Untergang der Sowjetunion im Dezember 1991 brachte in Russland eine neue Elite zur Macht, die unter dem Präsidenten Boris Jelzin außerordentlich prowestlich orientiert und – was noch wichtiger war – unter dem ersten Premier des postsowjetischen Russlands, Jegor Gaidar, ausgesprochen marktradikal war.
„Gajdars Reformagenda stürzte das Land in ein Abenteuer, von dem es sich bis heute nicht (ganz) erholt hat. Mit seinen Reformen hat er – >um die politische Blockade der Reformen zu entfernen< (John Williamson) – einen ökonomischen, sozialen und politischen Kollaps der alten Ordnung bis auf die Spitze getrieben, ohne dabei deren Macht- und Wirtschaftsstrukturen in die Marktwirtschaft überführen zu können. Zwar hat Gajdar redlich versucht, die russische Wirtschafts- und Verfassungstradition zu überwinden. Indem er aber Realpolitik und Marktideologie, Herrschaftssoziologie und Marktgläubigkeit, Monetarismus und Geschichtsphilosophie, Geschichte und Gegenwart unheilvoll miteinander vermengte, bewirkte seine Transformationspolitik genau das Gegenteil von dem, was sie ursprünglich beabsichtigte.“2
Für die USA war jedenfalls diese ungewöhnliche Ausnahmesituation, in die Russland geraten ist, die Gelegenheit des Jahrhunderts, den Traum aller US-Geostrategen, nicht zuletzt den von Zbigniew Brzezinski, zu verwirklichen, die US-Hegemonie auf ganz Eurasien auszuweiten.3
„Wer das Heartland beherrscht, beherrscht die Welt“, behauptete Sir Halford John Mackinder in einem am 25. Januar 1904 gehaltenen Vortrag vor den Mitgliedern der Royal Geographical Society.
Brzezinskis „imperiale Geostrategie“ zur Beherrschung Eurasiens folgte dieser Idee fixe und hätte in den 1990er-Jahren alle Chancen auf Erfolg, weil die Voraussetzungen dafür günstig waren. Jelzins Präsidialverwaltung und Gajdars Regierung wurden von über 300 US-amerikanischen „Experten“ beraten.
Der enorme Reichtum der Sowjetunion wurde auch dank dieser „Experten“ für einen Spottpreis verkauft, gestohlen und ins Ausland, vor allem nach Amerika, transferiert. Bill Clintons engster Freund und sein Vizeaußenminister, Stobe Talbott (1993-2001), sprach in einem Frontline gegebenen Interview von einer Verschleuderung des Sowjeterbes durch die „jungen Reformer“ (младореформаторы).
Die kritisierten Reformer, allen voran Anatoli Tschubais und Jegor Gaidar, gaben selbst zu, „den Preis des Staatseigentums nicht bedacht zu haben, weil sie das Land so schnell wie möglich vom rückständigen Erbe des Sozialismus befreien wollten.“
1990 gab es in der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik (RSSR) mehr als 30.000 Industrieunternehmen; nach der Privatisierung waren es nur 5000. Der größte Schaden entstand bei den Auktionen, die mit Hilfe korrupter Machenschaften durchgeführt wurden.
Durch die Privatisierungen der 1990er-Jahre wurde Russlands Wirtschaftsentwicklung auf das Niveau von 1975 zurückgeworfen und verlor anderthalb Billionen Dollar. Der US-Ökonom, Jeffrey Sachs, der als Berater für die russische Regierung Anfang der 1990er-Jahre tätig war, schrieb: „Mir scheint, dass die russische Führung die phantasievollen Vorstellungen der Marxisten vom Kapitalismus übertroffen haben. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass die Aufgabe des Staates darin besteht, einem kleinen Kreis von Kapitalisten zu dienen und ihnen so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich in die Taschen zu pumpen. Dies ist eine böswillige, vorsätzliche und wohlüberlegte Aktion zur Umverteilung des Reichtums im Interesse eines kleinen Kreises von Menschen.“
Es gab freilich Repräsentanten der neuen russischen Machtelite, die dem westlichen Einfluss nicht bedingungslos erlagen. Einer von ihnen, der in den 1990er-Jahren an die Macht kam, war der Geologe, Vladimir Polevanov (geb. 1949).
1994 wurde er zum Leiter des russischen Staatskomitees für Immobilienverwaltung ernannt. Die wichtigsten Kontrollhebel für den Privatisierungsprozess des Riesenlandes lagen in seinen Händen. Nur 70 Tage nach seinem Amtsantritt wurde Polevanov gefeuert. Wie und warum es dazu gekommen ist, hat er mit seinem Jahre später gegebenen Interview „Russland unter US-Kontrolle“ 2018 für die arabische RT-Sendung einen seltenen Einblick in die politischen Wirrnisse der längst vergessenen 1990er-Jahre gegeben.
2. Die US-Berater und State Property Committee
Nach seiner Amtsübernahme stellte Polevanov schnell fest, dass das „Staatliche Komitee für die Verwaltung des Staatsvermögens“ (State Property Committee), wie es genannt wurde, keine einzige Spezialabteilung hatte. Niemand hat mit anderen Worten das Staatsvermögen verwaltet. Die einzige Aufgabe, die es gab, war eine rasche Privatisierung des gesamten Staatsvermögens beinahe um jeden Preis.
Dass eine solche Privatisierung praktisch zur Zerstörung des Landes führen würde, davon war Polevanov nach eigenen Angaben „buchstäblich innerhalb einer Woche“ überzeugt. Die unter der Aufsicht von Tschubais stehende Staatsvermögensverwaltung hat „Zeitbomben in der Wirtschaft gelegt, die … immer noch explodieren und Schaden anrichten“.
Und diese „Zeitbomben“ wurden mit Hilfe von 35 US-amerikanischen Beratern gelegt, die in der Vermögensverwaltung arbeiteten und festlegten, „was, wie und unter welchen Bedingungen privatisiert werden sollte.“
Die US-Berater wurden laut Polevanov vom US-Geheimdienstoffizier Jonathan Hay angeführt. Die hemmungs- und rücksichtslose Privatisierung ging so weit, dass sogar einige Anordnungen der Generalstaatsanwaltschaft ignoriert wurden.
Laut einem Bericht des Leiters der Abteilung für Wirtschaftsaufsicht der Generalstaatsanwaltschaft, Sergej Verrasow, wurden entgegen der Anordnung der Präsidialverwaltung Häfen privatisiert, die nicht hätten privatisiert werden dürfen. Man war gezwungen, sie sodann wieder zu verstaatlichen.
In gleichem Bericht konnte man nachlesen, dass sogar die Privatisierung der Rüstungsindustrie durchgeführt wurde und gleichzeitig die Verbote der Generalstaatsanwaltschaft ignoriert wurden. Die US-Berater haben dabei alles unter ihre Kontrolle gebracht.
Zuallererst hatte Polevanov die Aufgabe einen Katalog des Auslandsvermögens der untergegangenen Sowjetunion zusammenzustellen. Und es war eine gigantische Aufgabe. Denn dieses Vermögen war Billionen Rubel wert, einschließlich Grundstücke, Gebäude und Bauwerke.
Nichts davon wurde katalogisiert, geordnet oder verwaltet. Die erwähnten US-Berater, die Tschubais berieten, trieben den Privatisierungsprozess rücksichtslos und in rasantem Tempo voran.
„Am empörendsten war die Zerstörung unserer Rüstungsindustrie. Sie geschah mit Absicht“ (Самым вопиющим было разрушение нашей оборонной промышленности. Оно шло целенаправленно), entrüstete sich Polevanov noch Jahre später.
In fast allen geschlossenen Rüstungsunternehmen gelangen 10 % der Anteile in den Besitz der US- amerikanischen oder anderen Unternehmen aus den Nato-Ländern. Praktisch jeder dieser Amerikaner wusste, was und wie in diesen Unternehmen produziert wurde. Sogar in der Raketen- und Raumfahrtindustrie, das 97 % aller Aufträge des russischen Generalstabs ausführte, arbeiteten die US-Amerikaner.
Da der Aktienkauf für Ausländer verboten war, begannen die Amerikaner Tochtergesellschaften zu gründen. Denn als Eigentümer von Tochtergesellschaften dürften sie in die Verwaltungsräte aufgenommen werden.
Als die Amerikaner erkannten, dass sie die Unternehmen rechtlich nicht direkt kaufen konnten, begannen sie Joint Ventures zu bilden. Auch auf diese Art und Weise wurde sie in die Verwaltungsräte aufgenommen und bekamen dadurch den Zugang zu allen Geheimnissen und Technologien, die es gab.
„Wir haben kapituliert. Darüber hinaus hat Präsident Jelzin selbst erklärt, dass Russland keine Armee mehr braucht,“ sagt Polevanov in seinem Interview und empört sich darüber, dass „sogar Stalins Bunker in Moskau privatisiert und in ein Restaurant umgewandelt wurde. Als ich davon erfuhr, war ich einfach schockiert. … Im Falle eines Atomkriegs sollte es das Hauptquartier der sowjetischen Truppen sein. Und sie haben es in ein Restaurant umgewandelt. … Wir waren ein besetztes Land.“
Aus einem Schreiben vom damaligen Leiter des Auslandsgeheimdienstes, Jewgeni Primakow, und FSB-Chef, Sergej Stepaschin, ging hervor, „dass die sog. amerikanischen Partner unter dem Vorwand der Auswahl von Investitionskandidaten eine Massenbefragung unter den Direktoren russischer Rüstungsunternehmen durchführten. Die Direktoren beantworteten Hunderte von Fragen und die Nato-Länder sammelten anschließend so viele Daten, dass sie eine spezielle Abteilung gründeten, um die Daten über die Rüstungsprodukte an westliche Standards anzupassen. Das ist noch nicht alles. Die Nato-Strukturen luden die russischen Programmierer ein und bezahlten sie für die Reisen, damit sie selber die gesammelten russischen Daten an die Nato-Standards anpassen konnten.“
Die Privatisierung von 50 Prozent der Industrie eines solchen Riesenlandes wie Russland in den 1990er-Jahren kostete eine Billion Rubel bzw. sieben oder acht Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Ungarn, das 30 % seiner Unternehmen privatisiert hat, hat von Privatisierungserlösen mehr bekommen. Russlands Staatsvermögen wurde mit anderen Worten verschleudert.
Die Amerikaner legten dabei die Spielregeln fest; das Beste aus den Unternehmen ging daher an sie. Es gab Zeiten, in denen 90 % der russischen Metallindustrie dem Westen gehörten, und dann versuchten sie, auch alle Ölunternehmen an sich zu reißen.
Alle Ölförderländer haben zum Vergleich ausnahmslos staatliche Ölgesellschaften von Norwegen über den Nahen Osten bis zu Venezuela. Die einzige Ausnahme sind die USA.
„In diesen Jahren waren wir faktisch kein souveränes Land“ (В те годы мы, практически, не были суверенной страной), resümiert Polevanov und man sollte hinzufügen: Russland wurde in den 1990er-Jahren zu einer westlichen bzw. US-amerikanischen Kolonie, die die Ukraine heute immer noch ist.
Wie nahe doch Zbigniew Brzezinski mit seiner „imperialen Geostrategie“ am Ziel war, die US-Hegemonie auf ganz Eurasien auszuweiten. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, warum die transatlantischen Machteliten heute so viel Groll und Hass auf „Putins Russland“ haben, das ihren Traum zu Nichte gemacht hat. Bis heute können sie nicht verwinden, dass diese gigantische Beute ihnen aus der Hand geschlagen wurde.
Und jetzt „erdreistet“ sich Putin ihnen ihre „kleinere Beute“ – die Ukraine – wegzunehmen. Nun ja, die Zeiten der Kolonialherrschaft der westlichen Hemisphäre sind vorbei. Das haben die transatlantischen Machteliten, insbesondere die EU-Europäer, immer noch nicht begriffen. Sie werden es aber begreifen müssen, ob sie es wollen oder nicht.
3. Das Russland der 1990er-Jahre und der Ukrainekrieg
Die US-amerikanischen „Sirenen“, die durch ihren betörenden Privatisierungsgesang Russland ins Verderbnis stürzen wollten, sind auf der ganzen Linie gescheitert. Der Sirenengesang ist bereits seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr zu hören.
Zuletzt hielt Thomas Graham Jr. um die Jahrhundertwende eine Grabrede auf Russlands Zukunft, als er danach fragte, ob es eine „Welt ohne Russland“ (World without Russia?) geben werde. Unter diesem Titel hat er seine umfangreiche Studie am 9. Juni 1999 in Carnegie Endowment for International Peace veröffentlicht.4 Der Tenor der Studie war vor dem Hintergrund einer desaströsen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage Russlands nicht gerade schmeichelhaft.
Russland lag gut sieben Jahre nach einem gescheiterten Transformationsprozess nicht zuletzt in Anbetracht des gerade skizzierten Privatisierungsprozesses ökonomisch, sozial und politisch am Boden. Es sei nur recht und billig, schrieb Graham 1999, über eine Welt ohne Russland nachzudenken (It is only prudent that we begin to contemplate a world without Russia).
Seitdem ist es still um die Propheten des russischen Niedergangs geworden. Dass für den ökonomischen Niedergang Russlands in den 1990er-Jahren die US-Geoökonomie eine direkte Verantwortung trägt, davon war in Grahams Studie keine Rede. Aber genau da lag der Hund begraben.
1992 glaubte ein russischer Wirtschafswissenschaftler zu wissen: „Wir leben in Russland in einer Nachkriegssituation, aber es gibt keinen Wiederaufbau. Der Kommunismus . . . (ist) besiegt, aber der Kalte Krieg, obwohl offiziell beendet, hat seinen Höhepunkt immer noch nicht erreicht. Den G7-Staaten geht es darum, das Herz der russischen Wirtschaft, den militärisch-industriellen Komplex und unsere Hightech-Industrien zu zerschlagen. . . . Das Ziel des IWF-Wirtschaftsprogramms ist es, uns zu schwächen und die Entwicklung einer rivalisierenden kapitalistischen Macht zu verhindern.“5
Die Analyse eines russischen Ökonomen hat sich, wie man heute weiß, als weitsichtig erwiesen. Noch im Jahr 2006 entrüstete sich der US-Ökonom, Jeffrey Sachs, rückblickend in einem Gespräch mit Naomi Klein darüber, was er 1992 erlebte, als Russland nach seinen Worten das Opfer der US-Geopolitik wurde: „Viele der mächtigen Drahtzieher in Washington kämpften noch immer den Kalten Krieg. Den wirtschaftlichen Zusammenbruch Russlands betrachten sie als geopolitischen Sieg, der den Vereinigten Staaten die Vormachtstellung sicherte.“6
Das Bemerkenswerte an dieser Äußerung von Jeffrey Sachs aus dem Jahr 1992 ist, dass sie im Jahr 2025, also dreiunddreißig Jahre danach, bezogen auf Europa immer noch aktuell ist. Die „mächtigen Drahtzieher“ der europäischen Hauptstädte „kämpfen noch immer den Kalten Krieg“, weil sie offenbar nach wie vor daran glauben, dass Russland dank ihren Wirtschaftssanktionen kurz vor dem Zusammenbruch stünde.
Das Problem der europäischen „Drahtzieher“ ist, dass sie nicht einmal die elementaren ökonomischen und historischen Kenntnisse haben, um verstehen zu können, wie vergeblich ihre Versuche sind, Russland ökonomisch in die Knie zwingen zu wollen.
Wer wie Russland die oben skizzierten 1990er-Jahre politisch und ökonomisch nicht nur überlebt hat, sondern daraus auch noch gestärkt hervorgegangen ist, dem kommen die EU-Wirtschaftssanktionen wie Sandkastenspiele vor.
Hinzu kommt eine völlig andere geopolitische und geoökonomische Weltlage. Dreiunddreißig Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion ist der „Westen“ nicht mehr so mächtig, wie er es 1992 noch war, und Russland steht nicht mehr einsam und verlassen da; denn es schart die Weltmehrheit in Gestalt der immer mächtiger werdenden BRICS-Gruppe um sich.
All das zeigt, dass die europäische Fortsetzung des „Kalten Krieges“ in der Ukraine und mit Hilfe der Ukraine weder zielführend noch erfolgversprechend ist. Den Ukrainekrieg hat der „Westen“ verloren. Das hat Trump im Gegensatz zu den EU-Europäern verstanden. Sie kämpfen vergeblich einen falschen Krieg zur falschen Zeit am falschen Ort.
Die EU-Drahtzieher des Krieges sollten lieber, statt mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, dem Urteil des ungarischen Premiers, Viktor Orban, folgen, der in Reuters Bericht vom 12. August 2025 feststellte: „Wir sagen jetzt, dass dies ein Krieg mit ungewissem Ausgang ist, aber das stimmt nicht. Die Ukrainer haben den Krieg verloren. Russland hat diesen Krieg gewonnen“.
Orban sei der Ansicht, dass die europäischen Länder nun Gefahr laufen, in eine Situation zu geraten, in der über die Zukunft Europas ohne sie entschieden wird. „Wenn Sie nicht am Verhandlungstisch sitzen, stehen Sie auf der Speisekarte“, bemerkte Orban.
Anmerkungen
1. Zitiert nach Silnizki, M., Geoökonomie der Transformation in Russland. Gajdar und die Folgen. Berlin
2020, 13.
2. Silnizki (wie Anm. 1), 16.
3. Vgl. Silnizki, M., Brzezinskis „imperiale Geostrategie“ im Lichte der Gegenwart. Zum Scheitern der US-
amerikanischen Russlandpolitik. 7. November 2022, www.ontopraxiologie.de.
4. Näheres dazu Silnizki, M., „Eine Welt ohne Russland?“ Die 1990er-Jahre und die Gegenwart. 28. April 2024,
www.ontopraxiologie.de.
5. Zitiert nach Chossudovskij, M., Global Brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg (1997).
Frankfurt 32002, 261.
6. Klein, N., Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. 2007, 346.