Zwischen Hochmut und Ratlosigkeit
Ăbersicht
1. Vom âKalten Kriegâ zum âKalten Friedenâ?
2. Zwei Perioden des âKalten Kriegesâ
3. Auf dem Wege zum âKriegsfriedenâ?
Anmerkungen
âZwischen dem Gleichgewichtsfrieden und dem imperialen Frieden liegt der
hegemoniale Frieden. Das Fehlen des Krieges ist nicht auf die ungefÀhre
KrĂ€ftegleichheit zurĂŒckzufĂŒhren, die zwischen den politischen
Einheiten herrscht âŠ, es liegt ganz im Gegenteil an der
unbestreitbaren Ăberlegenheit einer dieser Einheiten.â
(Raymond Aron)1
1. Vom âKalten Kriegâ zum âKalten Friedenâ?
Die spannungsgeladenen russisch-transatlantischen Beziehungen analysierend, schreibt Martin A. Smith (Senior Lecturer in Defence and International Affairs at the Royal Military Academy Sandhurst) 2009:
Es sei âpassender, den derzeitigen Stand der Beziehungen zwischen der NATO und Russland mit Jelzins Begriff vom >Kalten Frieden< zu beschreiben. Einerseits besteht keine echte Bedrohung durch einen groĂen Krieg zwischen beiden Seiten und auch keine echte globale, ideologische Konkurrenz. Das waren zwei der Hauptmerkmale des Kalten Kriegs. Auf der anderen Seite haben es die NATO und Russland wĂ€hrend ihrer achtzehnjĂ€hrigen Koexistenz noch nicht geschafft, eine Partnerschaft aufzubauen, die stark genug wĂ€re, um von Kontroversen in wichtigen Themen nicht mehr beeintrĂ€chtigt zu werden, oder, besser noch, als Instrument zu dienen, um Kontroversen auszurĂ€umen und gemeinsame Lösungen zu finden.â2
Achtzehn Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts diagnostiziert Smith mit Verweis auf Boris Jelzin einen Wandel vom âKalten Kriegâ zum âKalten Friedenâ. Definiert er den Zustand des âKalten Kriegesâ durch zwei âHauptmerkmaleâ einer nuklearen Bedrohung und eines ideologischen Systemwettbewerbs, so fĂ€llt die Definition des âKalten Friedensâ aus. Es wird lediglich auf die fehlende âPartnerschaftâ hingewiesen, âdie stark genug wĂ€re, ⊠um Kontroversen auszurĂ€umen und gemeinsame Lösungen zu findenâ.
Dass diese fehlende âPartnerschaftâ heute in eine regelrechte Feindschaft ausartete, konnte Smith im Jahr 2009 noch nicht erahnen. Oder doch? HĂ€tte er das voraussehen können, so mĂŒsste er gewusst haben, was eigentlich genau im Jahr 1991 zu Ende gegangen ist und welche geo- und sicherheitspolitische Ordnung sich in den Jahren 1991-2009 herausgebildet hat, die Jelzin auf der am 5./6. Dezember 1994 stattgefundenen Konferenz ĂŒber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Budapest verĂ€rgert als âKalten Friedenâ bezeichnete.
Bereits im Vorfeld der Konferenz haben zwei Ereignisse das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs in Budapest ĂŒberschattet: die Rede des US-AuĂenministers Warren Christopher (1993-1997) und die demonstrative Weigerung des russischen AuĂenministers Andrej Kosyrew (1990-1996), das Russland-Nato-Programm zu âstartenâ.
Am 1. Dezember 1994 hielt Christopher bei der Tagung im Nato-Hauptquartier in BrĂŒssel eine Rede, in der er zwei Prinzipien der âtransatlantischen Sicherheitâ (wohl gemerkt: der âtransatlantischenâ und nicht der gesamteuropĂ€ischen Sicherheit) verkĂŒndete: (1) Die Nato bleibe der Anker des US-Engagements in Europa und der Kern der transatlantischen Sicherheit und (2) das fortdauernde US-Engagement fĂŒr die europĂ€ische Integration. Die Zusammenarbeit zwischen der Nato und der EU sind entscheidende Elemente dieses Engagements.
Dies vorausgeschickt, stellte Christopher fest: âDie Nato war schon immer weit mehr als nur eine vorĂŒbergehende Antwort auf eine vorĂŒbergehende Bedrohung. Sie war ein Garant fĂŒr die europĂ€ische Demokratie und die Kraft fĂŒr die europĂ€ische StabilitĂ€t.â Aus dieser Feststellung zieht er eine weitreichende Schlussfolgerung, die auf die Nato-Expansionspolitik hinauslĂ€uft:
âWie PrĂ€sident Clinton und VizeprĂ€sident Gore betont haben, muss die Nato fĂŒr eine Expansion offen sein (As both President Clinton and Vice President Gore have emphasized, NATO must be open to expansion). Eine Ausgrenzungspolitik wĂŒrde Gefahr laufen, die alten Trennlinien in ganz Europa zu erhalten bzw. neue zu schaffen. ⊠Die USA sind der Ansicht, dass es an der Zeit ist, diesen Prozess in Gang zu setzen. ⊠Es ist zwingend erforderlich, dass wir uns als Allianz auf unsere Ziele und unseren Zweck in dieser historischen Entwicklung einigen. Wir beschlieĂen heute, dass die Allianz mit ihren internen Beratungen ĂŒber die Expansion beginnt (We are deciding today that the Alliance begin its internal deliberations on expansion). ⊠Der Expansionsprozess sollte stetig, wohlĂŒberlegt und transparent sein. Jede Nation sollte individuell betrachtet werden. Kein Land auĂerhalb der Nato wird ein Vetorecht ĂŒber die anderen haben (The process of expansion should be steady, deliberate, and transparent. Each nation should be considered individually. No country outside of NATO will have a veto over any other).â
Dreierlei machen Christophers ĂuĂerungen deutlich: (a) Die Nato-Osterweiterungspolitik war fĂŒr die Clinton-Administration bereits in den Jahren 1993/94 eine beschlossene Sache. (b) Es ging der US-FĂŒhrung einzig und allein um die transatlantische und nicht um eine gesamteuropĂ€ische Sicherheit, von der die russische FĂŒhrung unter Jelzin trĂ€umte. Die Ăberwindung der âalten Trennlinien in ganz Europaâ betraf ausschlieĂlich Ostmitteleuropa, das zur transatlantischen Sicherheitsarchitektur gehören sollte. Russland gehörte nicht dazu. (c) Russland wird, ohne es beim Namen zu nennen, kein Vetorecht ĂŒber den Nato-Beitritt der ostmitteleuropĂ€ischen Staaten eingerĂ€umt. âNo country outside of NATO will have a veto over any other.â
Genau diesen letzten Satz âNo country outside of NATO âŠâ wiederholte Bill Clinton, als er auf der erwĂ€hnten Konferenz in Budapest vier Tage spĂ€ter am 5. Dezember 1994 erklĂ€rte: âKein einziges Land auĂerhalb des Blocks darf ein Veto gegen die Nato-ErweiterungsplĂ€ne einlegenâ. VerĂ€rgert sprach Boris Jelzin daraufhin vom âKalten Friedenâ.
Am 6. Dezember 1994 berichtete die russische Tageszeitung Kommersant unter der Ăberschrift âĐ >Ń ĐŸĐ»ĐŸĐŽĐœĐŸĐŒ ĐŒĐžŃĐ”< ĐœĐ” ĐŸĐ±ĐŸĐčŃĐžŃŃ Đ±Đ”Đ· ĐœĐŸĐČĐŸĐč ŃŃĐ”ĐœŃâ (In einem âKalten Friedenâ kommt man ohne eine neue Wand nicht aus) ausfĂŒhrlich und aufschlussreich ĂŒber den Stimmungswandel in den russisch-amerikanischen Beziehungen an der stattfindenden Konferenz:
Die Unterschiede zwischen Russland und dem Westen werden immer deutlicher. In den letzten Tagen hat Moskau versucht, den KSZE-Beschluss (der nur einstimmig gefasst werden kann) zu blockieren, die KSZE-Friedenstruppen nach Karabach zu entsenden. Dies war eine Reaktion auf die Weigerung Europas, Russland in seinem eigenen âHinterhofâ freie Hand zu geben. Die Motivation der KSZE ist einfach: Moskau hat keinen Anspruch auf den internationalen Status als Friedensstifter, weil es nicht bereit ist, dem allgemein anerkannten Grundsatz einer solchen Friedenssicherung zu folgen. âŠ
Wir sprechen bereits ĂŒber die Meinungsverschiedenheiten Moskaus mit dem Westen nicht allein in Bezug auf sein geopolitisches VerstĂ€ndnis. Gestern haben die baltischen LĂ€nder bei einem Treffen mit Christopher gedrĂ€ngt, sie in die Nato aufzunehmen (ihnen wurde versichert, dass ihre Bitten ernsthaft geprĂŒft wĂŒrden). Und die Nato-Allianz ist bereit, Osteuropa in naher Zukunft in ihre Reihen zu integrieren.
Russland bleibt also fast der einzige blockfreie Staat in Europa (die GUS-Republiken nicht mitgerechnet). In Budapest waren Schlagworte und Begriffe zu vernehmen, die in Europa bereits in Vergessenheit geraten zu sein schienen, wenn man etwa an Christophers ĂuĂerung denkt, dass von einem âBruch mit Russlandâ (ĐŸ ŃазŃŃĐČĐ” Ń Đ ĐŸŃŃОДĐč) keine Rede sein kann. Noch nicht.
Der US-AuĂenminister bestreitet, dass eine âRĂŒckkehr zur Konfrontation im Kalten Kriegâ bereits begonnen habe. Wie weit sind wir schon gekommen, wenn eine solche öffentliche Widerlegung erforderlich erscheint. Es stellt sich nĂ€mlich heraus, dass âkeine RĂŒckkehrâ fĂŒr manche doch nicht offensichtlich ist.
Der PrĂ€sident der EG-Kommission Jacques Delors warnt vor âeiner neuen Isolation Russlandsâ. Es gĂ€be also noch keine Isolation, aber die Leute haben bereits begonnen, darĂŒber zu reden ⊠Und obwohl Jelzin selbst die Möglichkeit einer RĂŒckkehr des Kalten Krieges bestreitet, schlieĂt er einen âKalten Friedenâ, der die neuen Blöcke entstehen lĂ€sst, nicht aus. Und die neue Mauer wird weit östlich der Berliner Mauer verlaufen (Đа Đž ŃĐ°ĐŒ ĐĐ»ŃŃĐžĐœ, Ń ĐŸŃŃ Đž ĐŸŃŃĐžŃĐ°Đ”Ń ĐČĐŸĐ·ĐŒĐŸĐ¶ĐœĐŸŃŃŃ ĐČĐŸĐ·ĐŸĐ±ĐœĐŸĐČĐ»Đ”ĐœĐžŃ Ń ĐŸĐ»ĐŸĐŽĐœĐŸĐč ĐČĐŸĐčĐœŃ, âŃ ĐŸĐ»ĐŸĐŽĐœŃĐč ĐŒĐžŃâ, ŃаŃĐșĐŸĐ»ĐŸŃŃĐč ĐœĐ° ĐœĐŸĐČŃĐ” Đ±Đ»ĐŸĐșĐž, ĐœĐ” ĐžŃĐșĐ»ŃŃаДŃ. Đ ĐœĐŸĐČĐ°Ń ŃŃĐ”ĐœĐ° ĐżŃĐŸĐčĐŽĐ”Ń ĐœĐ°ĐŒĐœĐŸĐłĐŸ ĐČĐŸŃŃĐŸŃĐœĐ”Đ” бДŃĐ»ĐžĐœŃĐșĐŸĐč).
Nach Bill Clinton sprach Boris Jelzin. Und viele Journalisten, die ĂŒber den Gipfel berichteten, sprachen alle davon, dass die beiden âaneinandergeratenâ sind. Der US-PrĂ€sident lieĂ alle diplomatischen Feinheiten beiseite und sagte: âKein Land auĂerhalb des Blocks darf ein Veto gegen NATO-ErweiterungsplĂ€ne einlegen.â Der Adressat der ErklĂ€rung ist offensichtlich: Russland, das seit dem FrĂŒhjahr ein solches Recht anfordert. âŠ
Mit anderen Worten: Die US-Haltung und die des Westens wurden klar definiert: Keine Kompromisse mit Moskau in Bezug auf die fĂŒr Moskau grundlegendste Frage der Nato-OsterweiterungâŠ.
Jelzin sprach seinerseits von der Schaffung eines âumfassenden gesamteuropĂ€ischen Sicherheitssystemsâ und betonte insbesondere, dass Blöcke und Koalitionen keine echten Sicherheitsgarantien bieten wĂŒrden. Ihm zufolge widersprechen die Nato-ErweiterungsplĂ€ne âder Logikâ der europĂ€ischen Einheit, weil sie neue Demarkationslinien schaffen und âMisstrauen sĂ€enâ. Es ist auch schwer, der Tatsache zu widersprechen, dass Europa nach dem Ende des Kalten Krieges nicht in einen Zustand des âKalten Friedensâ verfallen sollte.
Soweit der kenntnisreiche Bericht der russischen Zeitung Kommersant. Der Bericht macht deutlich, was Jelzin unter einem âKalten Friedenâ verstanden hat: die US-amerikanische bzw. transatlantische Sicherheitspolitik, die kein Interesse an einer gesamteuropĂ€ischen Sicherheitsordnung hat und auf die Nato-Expansionspolitik gerichtet ist. Das war die russische Sicht auf die stattfindende Entwicklung der US-Sicherheitspolitik in Europa.
Die US-Geostrategen waren freilich einer ganz anderen Meinung. FĂŒr sie bedeutete die transatlantische Sicherheitsordnung und die gesamteuropĂ€ische Sicherheitsordnung, in der Russland auĂen vor war, ein und dasselbe. Hier prallten zwei sicherheitspolitischen Philosophien gegeneinander.
Der âKalte Kriegâ setzte sich im Grunde unvermindert fort, ohne dass die beiden Seiten die ganze Entwicklung so richtig reflektiert haben. Die USA setzten sich aus ideologischen und geopolitischen GrĂŒnden ĂŒber die russischen sicherheitspolitischen Bedenken hinweg und Russland musste seinerseits ohnmĂ€chtig zusehen, wie sich die Nato-Infrastruktur allmĂ€hlich, aber unaufhaltsam Richtung Osten bewegt.
Jelzin blieb freilich auch nichts anders ĂŒbrig, als den in Gang gesetzten Nato-Expansionsprozess euphemistisch als einen âKalten Friedenâ zu bezeichnen. Nicht nur die russische FĂŒhrung unter Jelzin, sondern auch manche westlichen Sicherheitsexperten haben selber, wie der oben zitierte Martin A. Smith auch zeigt, die ganze Tragweite des geo- und sicherheitspolitischen Wandels in Europa falsch eingeschĂ€tzt und nicht so richtig verstanden, was da eigentlich mit dem Zusammenbruch des Sowjet- und Weltkommunismus passierte.
2. Zwei Perioden des âKalten Kriegesâ
Nicht der âKalte Kriegâ war zu Ende; es fand lediglich dessen Transformation statt. Erst mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine am 24. Februar 2022 neigt sich der sog. âKalte Kriegâ, der nunmehr neunundsiebzig Jahre lang dauert, dem Ende zu. Er teilt sich in zwei ungleiche Perioden:
- Die erste, abgeschlossene Periode war die Periode des ideologischen Systemwettbewerbs unter den Bedingungen der bipolaren Weltordnung (1945-1991), innerhalb derer zwei Super- bzw. NuklearmĂ€chte zwei verfeindete MilitĂ€rblöcke anfĂŒhrten, ein labiles Machtgleichgewicht â das sog. âGleichgewicht des Schreckensâ â gewĂ€hrleisteten und eine gewisse geopolitische StabilitĂ€t in Europa garantierten. Das war die bipolare Weltordnung der zwei Status quo-MĂ€chte, die ein Eindringen der einen in den Einflussbereich der anderen von vornherein ausschloss.
- Die zweite, noch nicht ganz abgeschlossene Periode ist eine Periode der geo- und sicherheitspolitischen Expansionspolitik unter den Bedingungen der unipolaren Weltordnung (1992-2022) als Folge des Untergangs des Sowjetimperiums und der Selbstauflösung des Warschauer Pakts. Diese Periode zeichnet sich durch die Entstehung eines neuen sicherheitspolitischen Ordnungsprinzips in Europa â des Machtungleichgewichts3 – aus, das die Expansionspolitik des einzig verbliebenen transatlantischen MilitĂ€rblocks ermöglichte und dadurch eine immer schon latent vorhandene labile geo- und sicherheitspolitische InstabilitĂ€t in Europa weiter destabilisierte.
Wurde die erste Periode des âKalten Kriegesâ (1945-1991) durch den Ost-West-Konflikt geprĂ€gt, so steht die zweite Periode (1992-2022) ganz im Zeichen einer Expansion der militĂ€rischen, zivilen und ideologischen Infrastruktur der transatlantischen Gemeinschaft gen Osten. Diese Expansionspolitik wurde von Russland mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine gewaltsam gestoppt und damit das Ende des âKalten Kriegesâ eingelĂ€utet.
Die These vom Ende des âKalten Kriegesâ bedarf freilich einer genaueren ErlĂ€uterung. Der âKalte Kriegâ begann als ideologische und geopolitische Konfrontation der zwei aus dem Zweiten Weltkrieg als SiegermĂ€chte hervorgegangenen SupermĂ€chte, die die Welt mehr oder weniger unter sich geteilt und dann die Spielregeln dieser bipolaren Weltordnung maĂgeblich bestimmt haben.
Die Folge war die Teilung Europas, die vom Ost-West-Konflikt geprÀgt wurde, und die Teilung des globalen Raumes in zwei verfeindete ideologische Systeme, die oft am Rande einer direkten militÀrischen Konfrontation standen.
Diese erste Periode des âKalten Kriegesâ endete selbst zur Ăberraschung der meisten Sowjetexperten mit einem klang- und gerĂ€uschlosen Untergang einer der beiden SupermĂ€chte, womit der Ost-West-Konflikt und die bipolare Weltordnung das Zeitliche gesegnet haben. Das Kennzeichnen dieser ersten Periode â eine ideologische und geopolitische Konfrontation der zwei SupermĂ€chte – wurde damit gegenstandslos.
Nun schickte sich die einzig verbliebene US-Supermacht an, eine neue â unipolare â Weltordnung zu errichten. Euphorisch sprach der US-PrĂ€sident George Bush in seiner Rede vor dem US-Kongress am 11. September 1990 von âNew World Orderâ bezogen auf die Welt nach dem Ende des Ost-West-Konflikts.
In seiner Rede entwickelte er die Vision von einer âNeuen Weltordnungâ, die âfreier von der Bedrohung durch Terror, stĂ€rker in dem Bestreben nach Recht und sicherer in der Suche nach Friedenâ sein sollte.
Unter der FĂŒhrung der USA sollte laut Bush eine âbeispiellose weltweite Kooperationâ entstehen. Diese âNeuen Weltordnungâ entpuppte sich bald als eine Weltordnung, die auf Konfrontation statt auf Zusammenarbeit, auf Expansion statt auf Kooperation setzte. Zu stark war die einzig verbliebene Supermacht zu Beginn dieser âNeuen Weltordnungâ, zu schwach und ohnmĂ€chtig waren die anderen tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Rivalen und Gegner.
Im Glauben, der ganzen Welt die Bedingungen dieser neuen Welt diktieren zu können, haben sich die USA ĂŒbernommen. VierunddreiĂig Jahre nach Bushs Rede, nach zahllosen Kriegen und Krisen, einem gigantischen Schuldenberg von mittlerweile mehr als 35 Billionen Dollar wurde aus einem Traum von einer âNeuen Weltordnungâ ein Alptraum fĂŒr die US-Hegemonie.
Die unipolare Weltordnung erodiert in einem atemberaubenden Tempo: China fordert den schwÀchelnden US-Hegemonen geoökonomisch und technologisch heraus. Mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine am 24. Februar 2022 stellte Russland sowohl die USA als hegemoniale Ordnungsmacht als auch die transatlantische Sicherheitsordnung in Europa in Frage.
Die Nato-Expansionspolitik, die die europÀische Sicherheit eigentlich garantieren sollte, erwies sich als ein Bumerang, der statt Sicherheit Unsicherheit produzierte und statt Frieden Krieg in Europa provozierte.
Als wĂ€re das nicht schon genug, wendet sich auch der sog. âGlobale SĂŒdenâ immer mehr von den USA ab und es entstehen darĂŒber hinaus parallel zu den von den USA und der transatlantischen Gemeinschaft dominierten Weltinstitutionen neue unabhĂ€ngige Weltorganisationen wie die BRICS oder die Shanghaier Organisation fĂŒr Zusammenarbeit (SOZ).
Alles in Allem ist festzustellen, dass die unipolare Weltordnung ihrem Ende zusteuert und die USA alle Chancen haben, das Schicksal der Sowjetunion zu erleiden. Geht aber die US-Hegemonie unter, dann geht auch das Zeitalter des âKalten Kriegesâ zu Ende.
War die Ursache des âKalten Kriegesâ eine ideologische und geopolitische Konfrontation der zwei SupermĂ€chte und geht die ĂŒbrig gebliebene Supermacht zugrunde, wofĂŒr einiges spricht, so wĂŒrden dann zwei Hauptakteure des âKalten Kriegesâ fehlen. Die eigentliche Frage ist darum nicht, ob der âKalte Kriegâ zu Ende geht, sondern was danach kommt.
3. Auf dem Wege zum âKriegsfriedenâ?
Wurden die globalen Prozesse in der ersten Periode des âKalten Kriegesâ (1945-1991) von den zwei SupermĂ€chten als Status-quo-MĂ€chten maĂgeblich bestimmt, die die Welt unter sich geteilt haben, und trat die einzig verbliebene US-Supermacht in der zweiten Periode (1992-2022) als eine Expansionsmacht auf, die sich anschickte, eine Hegemonialordnung ohne RĂŒcksicht auf jedwede Status-quo-AllĂŒren der dahindarbenden ehem. Supermacht zu errichten, so findet gerade vor unseren Augen, nachdem die Errichtung der UnipolaritĂ€t als hegemoniales Weltordnungsprinzip missglĂŒckt war, ein Versuch der Errichtung eines globalen Machtgleichgewichts statt.
Dieser Versuch einer Globalisierung der europÀischen Machtgleichgewichtsidee ist ein einmaliger Vorgang in der Menschheitsgeschichte, den es so noch nie gegeben hat. Ob dieser Versuch von Erfolg gekrönt sein wird, ist alles andere als sicher. Nach dem Untergang der bipolaren Weltordnung und der gescheiterten Errichtung der unipolaren Welt stehen wir vor einer neuen ordnungspolitischen Entwicklung mit ungewissem Ausgang.
Der âKalte Kriegâ neigt sich dem Ende zu. Die beiden weltbeherrschenden Hauptakteure des âKalten Kriegesâ spielen keine weltweit allein beherrschende Rolle mehr. Die Sowjetunion hat sich selbst freiwillig aufgelöst und trat von der WeltbĂŒhne der Geschichte bereits 1991 ab.
Die USA denken zwar nicht daran, ihre seit dem Untergang des ideologischen und geopolitischen Rivalen etablierte Hegemonialstellung freiwillig zu rĂ€umen. Es bleibt ihnen aber nichts anderes ĂŒbrig, als ihre erodierende Weltmachtstellung zu akzeptieren. Zu stark sind die potenziellen Rivalen und Herausforderer geworden, zu schwach werden die USA mittlerweile auch militĂ€risch.
Erst jĂŒngst unterzogen Mark A. Milley (ehem. Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, 2019-2023) und Eric Schmidt (ehem. CEO von Google) in ihrer Studie âAmerica Isnât Ready for the Wars of the Futureâ fĂŒr Foreign Affairs vom 5. August 2024 die US-KriegsfĂ€higkeit einer eingehenden Analyse und kamen zu dem Schluss, dass die USA auf den Krieg der Zukunft âleider noch nicht vorbereitet sindâ.
âIhre Truppen sind nicht vollstĂ€ndig bereit, in einer Umgebung zu kĂ€mpfen, in der sie selten das Ăberraschungsmoment genieĂen. Ihre Jets, Schiffe und Panzer sind nicht ausgerĂŒstet, um sich gegen einen Ansturm von Drohnen zu verteidigen. Das MilitĂ€r hat sich die kĂŒnstliche Intelligenz noch nicht zu eigen gemacht. Das Pentagon verfĂŒgt nicht annĂ€hernd ĂŒber genĂŒgend Initiativen, um diese VersĂ€umnisse zu korrigieren und seine derzeitigen BemĂŒhungen kommen zu langsam voran. In der Zwischenzeit hat das russische MilitĂ€r viele KI-betriebene Drohnen in der Ukraine eingesetzt. Und im April kĂŒndigte China seine gröĂte militĂ€rische Umstrukturierung seit fast einem Jahrzehnt mit einem neuen Schwerpunkt auf dem Gebiet der technologiegetriebenen StreitkrĂ€fte an.
Wenn die USA die dominierende Weltmacht bleiben wollen, mĂŒssen sie schnell umsteuern. Das Land muss die Struktur seiner StreitkrĂ€fte reformieren. Das US-MilitĂ€r muss seine Taktiken modernisieren und seine FĂŒhrungsqualitĂ€ten weiterentwickeln. Es braucht neue Wege bei der Beschaffung von AusrĂŒstung. Es muss neue Arten von AusrĂŒstung kaufen und Soldaten besser fĂŒr die Bedienung von Drohnen und den Einsatz von KI ausbilden.â
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Auflösung der US-Hegemonie friedlich oder kriegerisch verlaufen wird. Krieg oder Frieden? Das ist die Gretchenfrage. Momentan befinden wir uns in einer Ăbergangszeit, die man als einen friedlosen Frieden bezeichnen kann, der in einen âKriegsfriedenâ ĂŒbergehen könnte.
âKriegsfriedenâ nannte der liberale Politiker und ehem. italienische MinisterprĂ€sident Francesco S. Nitti (1919/20) einst eine geopolitische Gemengelage in Europa nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. In seinem 1925 erschienenen Werk âDer Friedeâ stellte er mit Verbitterung fest: âEs ist nicht wahr, dass wir dem Frieden entgegengehen. Nie gab es in Europa so viele GrĂŒnde fĂŒr einen Krieg wie jetzt, nie haben die Ungerechtigkeiten und die nach dem Kriege begangenen IrrtĂŒmer solch gĂ€renden Hass vorbereitet wie jetzt.â4
Und er fĂŒgt warnend hinzu: âNach dem Kriegsbankrott erlebten wir den Bankrott des Friedens. Der gegenwĂ€rtige Frieden ist nur eine TĂ€uschung. Er bereitet die Elemente neuer, noch schlimmere Kriege vor.â Denn âdie im Jahre 1919 vollzogenen FriedensschlĂŒsse waren Kriegsfrieden ⊠Die Besiegten glauben nicht an ihre Aufrechterhaltung und auch die Sieger trauen ihnen nicht. Das gegenwĂ€rtige Europa ist voller HassgefĂŒhle.â5
âDas gegenwĂ€rtige Europa ist voller HassgefĂŒhleâ! Diesen Satz können wir auch heute mit Fug und Recht behaupten. Der Ukrainekrieg hat einen angestauten, jahrzehntelang unterdrĂŒckten Hass in Europa gegen Russland an die OberflĂ€che gespĂŒlt. Die ehemals besiegten und besetzten LĂ€nder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges können offenbar der Sowjetmacht und deren Nachfolger Russland bis heute nicht verzeihen, dass sie besiegt und besetzt wurden.
Und der âsiegreicheâ Triumph ĂŒber die Sowjetmacht nach dem Ende des Ost-West-Konflikts war von kurzer Dauer. Jetzt haben die Triumphierenden nicht nur das GefĂŒhl, dass âPutins Russlandâ ihnen den Sieg âgestohlenâ hat, sondern auch die Angst (oder sie tun so, als hĂ€tten sie Angst) davor, dass Putin das Sowjetimperium wiederherstellen will.
Nach dem althergebrachten Schlachtruf des âKalten Kriegesâ: âlieber tot als rotâ möchten sie zum einen beinahe um jeden Preis Rache nehmen am âgestohlenenâ Sieg und zum anderen alles tun, um den imaginĂ€ren âNeoimperialismusâ Putins zu unterbinden. Je weniger ihnen aber diese Rache gelingt, da es ja auf dem ukrainischen Schlachtfeld fĂŒr sie nicht gut aussieht, umso lauter schreien sie nach Rache und Vergeltung.
Der âKriegsverbrecherâ Putin mĂŒsse in der Ukraine gestoppt werden, damit er nicht die Nato-LĂ€nder angreife, ist das Credo der einen, wohl wissend, dass diese zur Schau gestellte Besorgnis unbegrĂŒndet ist. Und die anderen fordern hasserfĂŒllt Bestrafung und âEndsiegâ ĂŒber den âFriedensstörerâ Putin.
Sie beharren auf die Fortsetzung des Krieges, um ihren âFriedenâ wiederherzustellen, befĂŒrworten einen âgerechten Kriegâ, um einen âgerechten Friedenâ zu erzwingen und ihre Friedensbeute, die der âWestenâ infolge seiner militĂ€rischen, zivilen und ideologischen Expansion âerbeutetâ hat, nicht schon wieder zu verlieren.
Und so haben wir angeblich genĂŒgend GrĂŒnde den Krieg in Europa gegen âPutins Russlandâ fortzusetzen, ohne freilich selbstkritisch zu fragen, ob wir vielleicht selber nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nicht vieles falsch gemacht haben. Diese Frage weisen wir stets weit von uns zurĂŒck und zeigen mit erhobenem Zeigefinger auf den âAggressorâ Putin, der angeblich allein an allem Schuld ist.
Wie Nitti zu seiner Zeit steif und fest behauptete, dass der Franzose Clemenceau an allem schuld ist, so suchen die Transatlantiker heute dem unaufgeklĂ€rten Publikum weiszumachen, dass die Quelle allen Ăbels Putin sei. Die FriedensvertrĂ€ge seien nach Clemenceau nichts anderes âals eine Art, den Krieg fortzusetzenâ, empörte sich Nitti. Sie seien âweniger eine Beschimpfung der Besiegten als eine Ironie auf den Frieden selbst.â6
Und so können wir â Nitti paraphrasierend sagen: Die Fortsetzung des Krieges ist weniger eine Bestrafung Putins als eine Selbstbezichtigung des Versagens der eigenen errichteten Friedens- und Sicherheitsordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Denn die unipolare Weltordnung hat statt des âewigen Friedensâ nach dem vermeintlichen âEnde der Geschichteâ nur noch mehr Kriege und Krisen erzeugt.
Mit dem absehbaren Ende der US-Hegemonialordnung geht ein gut dreiĂig Jahre andauerndes Machtungleichgewicht in Europa zu Ende, das freilich keineswegs einen Frieden verspricht. Vielmehr mĂŒssen wir mit dem Kriegsfrieden als einer Fortsetzung des âFriedensâ mit militĂ€rischen Mitteln rechnen. Dieser Kriegsfrieden wĂ€re (in Kants Worten gefasst) nichts anderes als ein âNaturzustand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d. i. wenn gleich nicht immer ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwĂ€hrende Bedrohung mit denselben.â
      Â
Anmerkungen
1. Aron, R., Frieden und Krieg. Eine Theorie der Staatenwelt. S. Fischer Verlag 1986, 184.
2. Smith, M. A., Partnerschaft, Kalter Krieg oder Kalter Frieden? Die Beziehungen zwischen Russland und
der NATO sind anfĂ€llig fĂŒr Spannungen. Beide Seiten erkennen, dass sie es sich nicht leisten können, ihre
Beziehungen scheitern zu lassen, in: APuZ, 1.04.2009.
3. Silnizki, M., Machtungleichgewicht als Ordnungsprinzip? Zur Sicherheitskonstellation von heute und
morgen. 11. Mai 2022, www.ontopraxiologie.de.
4. Nitti, F., Der Friede. Frankfurt 1925, 17.
5. Nitti (wie Anm. 4), 71 f.
6. Nitti, F., Der Niedergang Europas. Die Wege zum Wiederaufbau. Frankfurt 1922, 42.