Verlag OntoPrax Berlin

Im Strudel von Kulturkampf und Glaubenskrieg

Zur VerschrÀnkung von Geopolitik und Geomoral

Übersicht

1. „Quod licet Iovi, non licet bovi“
2. Glaubenskrieg als ein neuer „Kalte Krieg“?

Anmerkungen

„The absurdity of the West is the living reality of the East.“
(Edward A. Freeman)1

1. „Quod licet Iovi, non licet bovi“

Der Kreuzzug gegen den Sowjetkommunismus gehört mit dem Untergang des Sowjetimperiums lĂ€ngst der Vergangenheit an. Nun erleben wir mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine einen neuen Kreuzzug: den Kreuzzug gegen den „Putinismus“. Stehen wir heute womöglich vor einem neuen ideologischen Konflikt oder gar einem neuen Kulturkampf zwischen Russland und dem Westen? Oder wird die Geschichte der „europĂ€ischen Zivilisation“ lediglich neu aufpoliert und wir erleben die Wiederkehr des Immergleichen wie zu alten „glorreichen“ Zeiten des „europĂ€ischen Jahrhunderts“, als die EuropĂ€er die Kolonialreiche errichteten und die Welt beherrschten? Da billigten die europĂ€ischen GroßmĂ€chte den Völkern Asiens und Afrikas nicht die gleichen Rechte und Privilegien zu, die sie sich gegenseitig wie selbstverstĂ€ndlich einrĂ€umten. Als gleichberechtigt behandelte das eurozentrische Weltsystem bis zu seinem Zusammenbruch infolge des Ersten Weltkrieges allein jene außereuropĂ€ischen MĂ€chte, die sich gegen die GroßmĂ€chte Europas zur Wehr zu setzen wussten und sich den Respekt mit Gewalt verschaffen konnten.

Charakteristisch fĂŒr diese eurozentrische Weltordnung war die Einteilung der Welt in „eine rechtsfreie Zone ungehemmter Gewaltanwendung“2 und einen europĂ€ischen rechts- und vertragsförmigen Raum inner- und zwischenstaatlicher Beziehungen. Diese sich bereits seit dem 16. und 17. Jahrhundert vollziehende Aufteilung der Welt in eine kolonisierte rechtsfreie Gewaltzone und einen europĂ€ischen Kultur- und Rechtsraum, die durch eine „Zivilisationsgrenze“ zwischen der Neuen und der Alten Welt getrennt wurde, veranlasste Edmund Burke von einer zu seiner Zeit herrschenden „geographischen Moral“3 zu sprechen, die wir heute eher als Geomoral bezeichnen wĂŒrden.

Nach dem Motto: Allein die „Herrenrasse“ ist befugt, die „Herrschaft ĂŒber die Untertanenrassen“ (Lord Cromer) auszuĂŒben, vollzog das Zeitalter des europĂ€ischen Imperialismus schließlich die Aufteilung der Welt in zivilisierte, halb- und nichtzivilisierte Staaten. Alles, was jenseits der „Zivilisationsgrenze“ bestand, gehörte dem rechtsfreien Raum ungehemmter Gewaltanwendung. Zwar erfolgte die Ausdehnung des europĂ€ischen Rechts auch auf die kolonialen Gebiete, es erstreckte sich aber nicht rĂ€umlich auf die gesamte Bevölkerung, sodass die Rechts- und rechtsfreien GewaltverhĂ€ltnisse nebeneinander existierten. Mit anderen Worten: Es herrschte eine duale Machtordnung vor, in der zwischen den rechtlich fundierten Machtbeziehungen und der rechtsfreien Gewaltordnung unterschieden wurde.

Nun ist das Zeitalter des „europĂ€ischen Jahrhunderts“ (Herbert LĂŒthy) zwar lĂ€ngst vorbei, dessen Geist wurde aber vom „amerikanischen Jahrhundert“ anstandslos ĂŒbernommen und ist bis heute allgegenwĂ€rtig. An die Stelle der Unterscheidung zwischen zivilisierten, halb- und nichtzivilisierten Staaten trat allerdings im Zeitalter der US-amerikanischen Hegemonialordnung, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums entstanden ist, die sog. „zivilisatorische Differenz 
 zwischen liberalen Gesellschaften, >ordentlichen Mitgliedern einer vernĂŒnftigen Gemeinschaft wohlgeordneter Völker<, und >outlaw-Staaten<“ (Lothar Brock)4 oder in der Terminologie der amerikanischen Neocons formuliert: Die unzivilisierten „Rogue States“ benötigen Zwangsmaßnahmen seitens der liberalen Demokratien zur Durchsetzung der von ihnen festgelegten universalen Standards.

Nun wird offenbar seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine aus westlicher Sicht auch „Putins Russland“ zu den unzivilisierten „Rogue States“ hinzugezĂ€hlt, sodass der „Putinismus“ nunmehr als jenseits der „Zivilisationsgrenze“ angesehen, ihm daraufhin ein Wirtschafts- und Informationskrieg erklĂ€rt und er folgerichtig mit allen Mitteln ungehemmter ökonomischer, medialer und hypermoralisierender Gewalt bekĂ€mpft und delegitimiert wird.

Nahm der Westen fĂŒr sich das Recht in Anspruch, die rechtsfreien RĂ€ume zu schaffen, in denen er nach Belieben schalten und walten konnte und seine Macht mit ungebremster und ungehemmter militĂ€rischer Gewalt jahrzehntelang auszuĂŒben und durchzusetzen wusste, so spricht er seinem geopolitischen Rivalen genau dieses Recht vehement ab. Was der Westen darf, darf Russland noch lange nicht: Quod licet Iovi, non licet bovi – Was „Jupiter darf, darf der Ochse noch lange nicht“, soll heißen: Was die „westliche Zivilisation“ jenseits ihrer „Zivilisationsgrenze“ mit einer exzessiven „ungehemmten Gewaltanwendung“ in den vergangenen zwanzig Jahren praktizieren durfte, darf der russische „Barbar“ nicht und muss darum mit (fast) allen zur VerfĂŒgung stehenden Mitteln geĂ€chtet, verurteilt und zur RĂ€son gebracht werden.

Die „westliche Zivilisation“ duldet keinen Widerspruch. In ihrer hypermoralischen Empörung ĂŒber die russischen „Kriegsverbrecher“ hat sie dabei ihre eigenen sog. „humanitĂ€ren Interventionen“ lĂ€ngst vergessen, mit denen der US-Hegemon und seine NATO-BĂŒndnisgenossen zahlreiche LĂ€nder ĂŒberfallen, gegen sie erbarmungslose Angriffskriege gefĂŒhrt, sie in Schutt und Asche gelegt und Millionen Opfer verursacht haben.

Allein im Irak wird die Opferzahl auf „etwa 2,4 Millionen Menschen“5 geschĂ€tzt. In Afghanistan „liegt die Zahl der seit 2001 auf beiden Seiten getöteten Afghanen bei etwa 875.000, minimal 640.000 und maximal 1,4 Millionen.“6 In Kombination mit Pakistan schĂ€tzt Nicolas J. S. Davies „bis FrĂŒhjahr 2018 die Zahl auf etwa 1,2 Millionen getöteter Afghanen und Pakistanis durch die US-Invasion in Afghanistan seit 2001“ (ebd., 142). Das ist womöglich erst der Anfang einer leidvollen Geschichte des 21. Jahrhunderts, welches das erbarmungslose 20. Jahrhundert noch in den Schatten stellen und in welchem der Westen weiterhin seine „prominente“ Rolle „im Gewaltgeschehen der Gegenwart“ (Lothar Brock) spielen wird.

Vergessen sind auch selbst die Mahnungen eines der einflussreichsten US-Geostrategen Zbigniew Brzezinski (1928-2017), dem einst nachgesagt wurde, er habe „eine Art Hobby 
, Russland Schaden zuzufĂŒgen.“7 Im Gegensatz zu den Neocons, mit denen er in seinem letzten Werk „Strategic Vision“ (2011) endgĂŒltig brach, weil diese die US-Expansionspolitik in Interventionskriegen offen zur Schau stellten, warnte Brzezinski eindringlich vor einer exzessiven Gewaltanwendung der USA und sah die US-Hegemonie „als ein informelles Imperium an, das ĂŒber Kooperationen und internationale Vereinbarungen seine Macht ausĂŒbte.“8

PlĂ€dierte Brzezinski fĂŒr eine Aufrechterhaltung der US-Hegemonie wenigstens eine Generation lang, so beanspruchten die Neocons das gesamte 21. Jahrhundert als „neues amerikanisches Jahrhundert“ mit Berufung auf das AuserwĂ€hltsein der amerikanischen Nation. Eine solche Ausrichtung der US-Geopolitik setzt allerdings in Anbetracht der geoökonomischen SchwĂ€chung der USA eine rohe militĂ€rische Gewalt voraus. „Wir können nicht lĂ€nger der globale Polizist sein“, mahnte Brzezinski. „Denn es wird uns in den Bankrott treiben, innenpolitisch soziale Wut entfachen und international zum Verlust unserer LegitimitĂ€t fĂŒhren.“9

Brzezinskis Mahnungen wurden bis zuletzt von der US-FĂŒhrung und von den westlichen BĂŒndnispartnern konsequent ignoriert. Vielmehr wurde die öffentliche Meinung auf die geopolitischen Rivalen gelenkt und stets und immer wieder mit Feinbildern oder Anschuldigungen und Beschuldigungen aller Art konfrontiert, wobei die eigenen als „humanitĂ€re Interventionen“ verklĂ€rten Angriffskriege ohne RĂŒcksicht auf Verluste weiter fortgesetzt und bis zum Abzug der US-Truppen aus Afghanistan im Sommer 2021 ohne Wenn und Aber gerechtfertigt wurden.

Haben wir nach alledem ĂŒberhaupt noch das Recht, uns ĂŒber den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands in der Ukraine zu empören? Oder haben wir dieses Recht vor dem Hintergrund der eigenen völkerrechtswidrigen Angriffskriege lĂ€ngst verwirkt? Nun ja, Recht haben wir dazu nicht, wohl aber die Macht, Russland mittels finanzieller und ökonomischer Sanktionen schwere Schaden zuzufĂŒgen und darauf zu setzen, dass Putin womöglich von seinen eigenen Leuten gestĂŒrzt oder gar beseitigt wird. Ist diese Hoffnung ĂŒberhaupt realistisch? Wohl kaum! Selbst wenn es dazu kommen sollte, bleibt das Grundproblem der gesamteuropĂ€ischen Sicherheitsarchitektur ungelöst. Dass dieses Grundproblem nach wie vor in einem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstandenen MĂ€chteungleichgewicht in Europa besteht, wird von der EU-europĂ€ischen Machtelite entweder ganz ignoriert oder gar nicht richtig begriffen, was nicht zuletzt den mangelten Kenntnissen ĂŒber die US-amerikanische Geopolitik und die Grundintentionen der russischen Außen- und Geopolitik geschuldet ist.

Jetzt rĂ€cht sich auch die verzerrte westliche Berichterstattung ĂŒber Russland in den vergangenen zwei Jahrzehnten, welche die russische Außenpolitik mehr denunzierte als aufklĂ€rte oder die eigenen Kriegsverbrechen umso mehr verharmloste und als „Kollateralschaden“ moralisch rechtfertigte, je mehr sie diejenigen des geopolitischen Rivalen moralhypertrophisch verurteilte und hypermoralisch anprangerte. Hinzu kommt noch die fehlende AufklĂ€rung der westlichen Öffentlichkeit ĂŒber die geo- und sicherheitspolitischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen bezogen auf die NATO-Osterweiterung und/oder seit 2014 schwellende und ungelöst gebliebene Ukraine-Krise.

Zum einen wurde die Öffentlichkeit ĂŒber die Geschehnisse in der Ukraine im Vorfeld des Kriegsausbruchs entweder gar nicht informiert oder die Entwicklungen bewusst verzehrt dargestellt. Zum anderen beeinflussten nicht nur, aber auch die verzehrte Berichterstattung und FehleinschĂ€tzung die Urteilsbildung und Urteilsfindung vor allem der europĂ€ischen Russlandexperten, die letztendlich zu außenpolitischen Fehlurteilen und geopolitischen Fehlentscheidungen mit verheerenden Folgen fĂŒr die gesamteuropĂ€ische Sicherheit gefĂŒhrt haben.

„Der Mangel an Urteilskraft“ – lehrte uns Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ – „ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen.“ In der Geopolitik kann aber dieser „Mangel an Urteilskraft“ – wie man sieht – einen vermeidbaren Krieg auslösen, der mit nachtrĂ€glicher moralischer Empörung und ökonomischen Sanktionen nicht ohne weiteres beendet werden kann. Hoffentlich werden wir in naher Zukunft klĂŒger, um vorbeugend adĂ€quater urteilen und handeln zu können. Dass setzt aber voraus, dass unsere Urteilskraft genauso den moralischen AnsprĂŒchen gerecht wird, wie umgekehrt. Denn „Urteilskraft ohne Moral“ – wie der russische Historiker des 19. Jahrhunderts Vasilij O. Ključevskij in einer Sentenz zutreffend formulierte – „ist Dummheit, Moral ohne Urteilskraft ist Fanatismus“ (ĐœŃ‹ŃĐ»ŃŒ бДз ĐŒĐŸŃ€Đ°Đ»Đž – ĐœĐ”ĐŽĐŸĐŒŃ‹ŃĐ»ĐžĐ”, ĐŒĐŸŃ€Đ°Đ»ŃŒ бДз ĐŒŃ‹ŃĐ»Đž – Ń„Đ°ĐœĐ°Ń‚ĐžĐ·ĐŒ). Sind wir heute moralisch und axiologisch derart fanatisiert, dass wir nicht mehr urteilsfĂ€hig sind?

Wenn unsereiner die GrĂ€ueltaten der anderen Ă€chtet und sich moralisch darĂŒber empört, zugleich aber die eigenen GrĂ€ueltaten unterschlĂ€gt, ignoriert oder gar verharmlost, so ist seine „Moral“ nicht nur menschenverachtend, sie legitimiert nicht nur die rechtsfreien RĂ€ume ungehemmter Gewaltexzesse der eigenen Seite, sondern verkennt auch eine unsichtbare VerschrĂ€nkung von Geopolitik, Geomoral und Informationskrieg, die ihn dazu verleitet, die eigenen Schandtaten moralisch umso mehr auszublenden, je mehr die GrĂ€ueltaten der anderen hypermoralisch denunziert werden.

Die dazu gehörende „Moralhypertrophie“ (Arnold Gehlen)10 kann alles hinwegschwemmen und auflösen, was dem Triumpf ĂŒber den moralisch delegitimierten und hypermoralisch destruierten geopolitischen Rivalen und der die eigenen Schandtaten ausblendenden „prachtvollen Geschichte“ ĂŒber die auf „HumanitĂ€t“, „Demokratie“ und „Menschenrechte“ gegrĂŒndete „heile“ Welt des Westens entgegenstehen könnte.

2. Glaubenskrieg als ein neuer „Kalte Krieg“?

Nachdem die Verhandlungen zwischen Russland und den USA bzw. der NATO im Zeitraum vom 15. Dezember 2021 bis etwa Mitte Februar 2022 ergebnislos verlaufen sind, wird die von Russland in der Ukraine eingesetzte rohe Gewalt von den USA und der EU als völkerrechtswidrigen Angriffskrieg – auf die militĂ€rischen DrohgebĂ€rden zĂ€hneknirschend verzichtend – gebrandmarkt, um dann den russischen Angriffskrieg mit harten, aber „friedlichen“ Finanz- und Wirtschaftssanktionen zu belegen. Wieso sind die USA und ihre NATO-VerbĂŒndeten ĂŒberhaupt ĂŒber den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands so empört, wo sie doch selber, wie gesehen, oft und gern in den vergangenen zwanzig Jahren davon ausgiebig Gebrauch gemacht haben?

Die USA fĂŒhrten mit einer tatkrĂ€ftigen UnterstĂŒtzung der NATO-BĂŒndnisgenossen seit gut dreiundzwanzig Jahren völkerrechtswidrige Angriffskriege, empören sich zugleich aber, ja sind geradezu entsetzt darĂŒber, dass der geopolitische Rivale sich „anmaßt“, das Gleiche zu tun, um ebenfalls einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg vom Zaun zu brechen, ohne den Westen um Erlaubnis zu bitten.

Nun ja, was seit Jahren die Zeitungsspalten fĂŒllte und von allen Seiten kommentiert wurde: die zahlreichen Angriffskriege in untergegangenem Jugoslawien, Afghanistan und Irak u. a., ist heute vergessen und vergeben. Was nur vor wenigen Monaten die Aufmerksamkeit der ganzen Welt fesselte: der fluchtartige RĂŒckzug der US-Truppen aus Afghanistan nach einem zwanzig Jahre andauernden erbarmungslosen Krieg, all das ist ebenfalls vergessen und lĂ€ngst aus dem GedĂ€chtnis gestrichen, ja ausradiert und verbannt. Wir sind schnell bereit, die eigenen SĂŒnden und Schandtaten vergessen zu machen, je mehr wir eine willkommene Gelegenheit finden, die Schandtaten und die Verbrechen der anderen anzuprangern, erst recht wenn wir ausgerĂŒstet mit medialer Übermacht dazu auch in der Lage sind.

Wie lĂ€sst sich denn sonst – wenn nicht medial – verurteilen, was die anderen an GrĂ€ueltaten begehen, um gleichzeitig die eigenen im Verborgenen zu halten und immer wieder medial anzuprangern, was der geopolitische Rivale getan hat, um das eigene Tun zu verbergen?

Der RĂŒckzug der Biden-Administration aus Afghanistan offenbart sich heute immer mehr und immer deutlicher als eine radikale geostrategische ZĂ€sur und ein genialer geostrategischer Schachzug des alten Haudegens des „Kalten Krieges“ Joe Biden, der Putin ins ukrainische Messer laufen ließ. Zu Putins „Ehrenrettung“ muss man allerdings hinzufĂŒgen, Putin stĂŒnde geopolitisch mit dem RĂŒcken zur Wand und Biden habe ihm aus russischer Sicht keine andere Wahl gelassen, als in die Ukraine einzumarschieren. Denn hĂ€tte er das nicht getan, so stĂŒnde er vor dem Scherbenhaufen seiner eigenen Außenpolitik der vergangenen zwanzig Jahre, zumal er so oder so vor einem unlösbaren Dilemma stand: Entweder die Ukraine an den Westen und d. h. an die NATO zumindest de facto – wenn nicht de jure – ganz zu verlieren und die Ukraine als das „Anti-Russland“-Modell der Angelsachsen (USA + Great Britain) endgĂŒltig verwirklicht zu sehen, was fĂŒr den Großrussen Putin nicht nur ein Alptraum wĂ€re, sondern auch die geo- und sicherheitsstrategische Lage Russlands dramatisch – nicht nur dem Westen, sondern auch China gegenĂŒber – verschlechtert hĂ€tte. Oder nach dem Motto verfahren: Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende, soll heißen: Russland dreht mit seiner militĂ€rischen Intervention die Geschichte zurĂŒck und zerstört damit ein fĂŒr alle Mal das im Verlauf von dreißig Jahren (seit dem Jahr 2014 sogar in beschleunigter Weise) aufgebaute Anti-Rissland-Modell der feindselig gewordenen Ukraine,11 zugleich nimmt es aber gezwungenermaßen die monetĂ€ren, finanziellen und ökonomischen Sanktionen des Westens bewusst in Kauf.

Die russische FĂŒhrung hat sich fĂŒr die zweite Variante entschieden und es auf Sanktionen ankommen lassen. Die Geopolitik stand immer schon in der russischen Geschichte ĂŒber allem und die Wirtschaft hatte das Nachsehen. Der sich seit langem anbahnende neue „Kalte Krieg“ ist mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine voll entbrannt.

Wurde der alte „Kalte Krieg“ ideologisch als Wettbewerb zwischen Kommunismus und Kapitalismus und geopolitisch als bipolare RivalitĂ€t zwischen zwei SupermĂ€chten um die Weltherrschaft gefĂŒhrt, so existiert heute ein solcher „Kalter Krieg“ nicht mehr. Sowohl der ideologische Klassenkampf der beiden antagonistischen WeltentwĂŒrfe als auch die BipolaritĂ€t der Weltordnung gehört unwiderruflich der Vergangenheit an.

Begreift man hingegen den „Kalten Krieg“ allein militĂ€r- bzw. sicherheitspolitisch dergestalt, dass dieser ein Krieg sei, weil die Diplomaten versagt haben, ihre Meinungsdifferenzen auf dem Verhandlungsweg zu regeln, und kalt, „weil sie weder fĂ€hig noch willens waren, sie mit Gewalt zu regeln,“12 so hat dieser so verstandene „Kalte Krieg“ im Grunde nie aufgehört zu existieren. Vielmehr schwankte er in den vergangenen dreißig Jahren immer wieder hin und her zwischen Spannung und Entspannung.

Begreift man schließlich den „Kalten Krieg“ im Sinne Stalins, so kommt man an die Gegenwart noch nĂ€her heran. In einem GesprĂ€ch mit Tito merkte Stalin an: „Dieser Krieg hat mit frĂŒheren Kriegen nichts gemein; wer ein Gebiet besetzt, errichtet dort sein eigenes soziales System, soweit wie seine Armee vorstoßen kann. Anders kann es gar nicht sein.“13 Mit anderen Worten: Wo die Rote Armee hinkam, brachte sie das Sowjetsystem mit. Die Sowjets handelten im Grunde in der gleichen Weise wie die Briten und US-Amerikaner: Die einen wie die anderen errichteten ein System, „das dem eigenen Ă€hnlich war, und bedienten sich daher verschiedenen Menschen und verschiedenen Methoden.“14

Auf die geopolitische RivalitĂ€t der Gegenwart ĂŒbertragen, dĂŒrfte das heißen: Die NATO-Expansion gen Osten wĂŒrde automatisch (?) ein Wertsystem mit sich bringen und fĂŒr Russland dadurch ein sicherheitspolitisches wie auch ein axiologisches Problem schaffen, wĂ€re da nicht ein Haken. HĂ€tte die Ukraine geistes-, rechts- und verfassungsgeschichtlich dem europĂ€ischen Kulturkreis angehört, wĂ€re die westliche und NATO-Expansionsstrategie möglicherweise (?) aufgegangen. Das war aber eben nicht der Fall.

Wo die NATO hinkam, brachte sie zwar ihr eigenes Wertsystem mit sich; dieses löste aber im Falle der Ukraine nicht etwa einen axiologischen Transformationsprozess, sondern einen Kulturkampf innerhalb der Ukraine aus und verschĂ€rfte dadurch erst recht neben einer sicherheitspolitischen auch noch eine kulturelle und religiöse Konfrontation innerhalb des ukrainischen Vielvölkerstaates. Was dann seit 2014 passierte, war eine innerukrainische Tragödie: Die Ukraine befand sich unterschwellig stets in einer politischen und sozialen Krise und geriet dadurch immer mehr in eine kultur-, verfassungs- und geopolitische Sackgasse, von den dauerhaften Kriegshandlungen im Donbass und Lugansk ganz zu schweigen. Bereits in meinem Aufsatz „Kampf um die Ukraine“ vom 18. Oktober 2021 stellte ich ernĂŒchternd fest: „Es ist keine Lösung in Sicht, es sei denn, es kommt entweder zum Krieg oder zur Auflösung der Ukraine, oder zu beidem.“15

Auf ukrainischem Boden wird heute eine geopolitische RivalitĂ€t zwischen Russland und dem Westen ausgetragen, in welcher Sicherheitspolitik mit Kulturkampf vermengt wird. Diese Konfrontation ist umso erbarmungsloser, je mehr sie in einen sĂ€kularisierten Glaubenskrieg ausartet. Nicht von ungefĂ€hr ist das Kriegsziel der russischen FĂŒhrung nach ihren eigenen Beteuerungen neben der „Entmilitarisierung“ eine sog. „Entnazifizierung“ der Ukraine, wobei sich der Ausdruck „Entnazifizierung“ hier nicht auf das ukrainische Volk, sondern auf die ukrainische FĂŒhrung und die herrschende Machtelite bezieht, die nach russischer Lesart die Ukraine „verraten“ und „verkauft“ haben. Nur in diesem Kontext können wir diesen fĂŒr uns ziemlich irritierenden Sprachgebrauch verstehen.

Dieser Krieg ist umso dramatischer, tragischer und ja gefĂ€hrlicher, je mehr er Geopolitik mit Geomoral bzw. Sicherheitspolitik mit Kulturkampf verschrĂ€nkt und je weniger der Westen diese KomplexitĂ€t des Konflikts begreift. Erschwerend kommt der Umstand hinzu, dass die geopolitische Konfrontation zwischen Russland und dem Westen im nuklearen Zeitalter stattfindet, was die Lösung des Konflikts noch komplizierter macht. Denn die beiden Kontrahenten beanspruchten natĂŒrlich Recht und Gerechtigkeit fĂŒr sich allein: Die eine Seite rechtfertigt ihre Expansion formalrechtlich mit der Wahlfreiheit bzw. Selbstbestimmung eines jeden souverĂ€nen Staates, die andere beruft sich auf die jahrhundertealte kulturelle Tradition und lehnt darĂŒber hinaus sicherheitspolitisch jede Einmischung der raumfremden MĂ€chte in die eigenen traditionell dominierten bzw. domestizierten MachtrĂ€ume kategorisch ab.

Dieser sicherheits- und machtpolitisch ausgetragene axiologische Zusammenprall war frĂŒher oder spĂ€ter unabwendbar und unvermeidbar, sodass der Konflikt zwischen Russland und dem Westen auf ukrainischem Boden vorprogrammiert war und letztendlich auch in Krieg mĂŒndete. Oder anders formuliert: Mit dem Krieg in der Ukraine ist der „Kalte Krieg“ zum Glaubenskrieg mutiert, regional >heiß< geworden, ohne dabei global >heiß< zu laufen. Ob diese Entwicklung das Ende der Fahnenstange bleiben wird? Zweifel sind immer dann angebracht, wenn es nicht nur geopolitisch um die Aufrechterhaltung der Hegemonie oder deren Sturz, sondern auch um einen Glaubenskrieg geht.

Russland zerstört momentan gewaltsam systematisch das geopolitische Spielzeug der Angelsachsen, das aus russischer Sicht die Sicherheit, kulturelle IdentitĂ€t und axiologische SouverĂ€nitĂ€t der sog. „russischen Welt“ bedroht hat. Mag sein, dass Russland eine „Entmilitarisierung“ der Ukraine gelingen könnte. Ob auch die sog. „Entnazifizierung“ – richtiger wĂ€re es zu sagen: eine kulturelle bzw. axiologische RĂŒckabwicklung der Ukraine durch Russland – gelingen kann, ist mehr als zweifelhaft.

Anmerkungen

!. Zitiert nach Hans Rothfels, GrundsÀtzliches zum Problem der NationalitÀt, in: ders., Zeitgeschichtliche Betrachtungen. VortrÀge und AufsÀtze. 2. Aufl. Göttingen. 1959, 89-111 (98).
2. Diner, D., Imperialismus und Universalismus. Versuch einer Begriffsgeschichte, in: ders., Weltordnungen. Über Geschichte und Wirkung von Recht und Macht. Frankfurt 1993, 17-59 (24).
3. Zitiert nach Diner (wie Anm. 2), 25.
4. Brock, L., Universalismus, politische HeterogenitĂ€t und ungleiche Entwicklung: Internationale Kontexte der Gewaltanwendung von Demokratien gegenĂŒber Nichtdemokratien, in: Geis u. a. (Hrsg.), Schattenseiten des Demokratischen Friedens. Frankfurt/New York 2007, 45-68 (66 f).
5. Davies, Nicolas J. S., Die Blutspur der US-gefĂŒhrten Kriege seit 9/11: Afghanistan, Jemen, Libyen, Irak, Pakistan, Somalia, Syrien, in: Mies, U. (Hrsg.), Der tiefe Staat schlĂ€gt zu. Wie die westliche Welt Krisen erzeugt und Kriege vorbereitet. 2. Aufl. Wien 2019, 131-152 (132).
6. Davies (wie Anm. 5), 141.
7. James K. Galbraith, Demokracy inaction, in: „Salon“, 30.11.2004. Zitiert nach Ritz, H., Warum der Westen Russland braucht. Die erstaunliche Wandlung des Zbigniew Brzezinski, in: BlĂ€tter f. dt. und intern. Politik 57 (2012), 89-97 (90).
8. Ritz (wie Anm. 7), 92.
9. Brzezinski, Z., Conversations, in: „PBS Newshour, 8.2.2012; zitiert nach Ritz (wie Anm. 7), 95.
10. Gehlen, A., Moralhypotrophie, in: ders., Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik. 3. Aufl. Wiesbaden 1973, 141-163.
11. Siehe das Buch „Die Ukraine ist nicht Russland“ vom ersten PrĂ€sidenten der Ukraine Leonid D. Kučma (1994-2005).
12. Aron, R., Die imperiale Republik. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die ĂŒbrige Welt seit 1945. ZĂŒrich 1975, 60.
13. Zitiert nach Aron (wie Anm. 12), 62.
14. Aron (wie Anm. 12), 77 f.
15. NĂ€heres dazu Silnizki, M., Kampf um die Ukraine. Im WĂŒrgegriff von Geopolitik und Tradition. 18. Oktober 2021, www.ontopraxiologie.de.

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